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Lehrer Kurt Streit erklärt Sopranistin Nina Bernsteiner eine Gesangspartie. Mitnichten regt er sich auf, das sieht nur so aus.

Opernstudio

Jede Stimme zählt

Sprungbrett ins Rampenlicht: Die Nachwuchsschmiede der Oper Frankfurt hat die erste Spielzeit hinter sich. Von Anita Strecker

Von Anita Strecker

In luftigen Freizeitklamotten hasten sie das Treppenhaus der Oper Frankfurt hoch. Fünfter Stock, langer Flur links bis zur schweren Eingangstüre mit der Aufschrift Probenraum II. Die hellen Bodendielen im Saal sind abgewetzt, schwarze Vorhänge hängen bodenlang vor den hohen Wänden. Ein Flügel in der Mitte, zwei Strahler an der Seite, ein paar Stühle planlos verteilt. Mehr braucht es nicht. Hier wird gearbeitet. Nur die Stimme zählt. Und Kurt Streits Wort.

Meisterkurs mit dem weltweit gefragten Tenor und Mozartspezialisten: Im Stundentakt wird der Amerikaner, der in Österreich lebt, einzeln mit seinen jungen Sängerkollegen des Opernstudios der Frankfurter Oper an Rollen arbeiten. Wird ihnen in deutsch-englischem Crossover Kniffe und Hilfsmittel weitergeben - etwa, wie durch eine leichte Überbetonung der Konsonanten Italienisch auch mit österreichischem Zungenschlag italienisch klingt.

Wie der Brustkorb zum Sprungbrett in eine Koloratur werden kann, auch wenn die Stimme grad nicht optimal gestimmt ist. Oder wie die leiseste emotionale Regung auch im großen Bühnenraum nicht ihre leise Anmutung verliert, nicht untergeht. Streit wird mit seinen jungen Kolleginnen und Kollegen Interpretationen ihrer Partie diskutieren, auf persönliche Entscheidungen dringen, Seelenzustände der Figur herausarbeiten, die in Stimme, minutiöser Bewegung, Mimik, Gestik, Tempo, übersetzt sein wollen.

Anderen zuhören

Das will niemand verpassen, bis auf Paula Murrihy, die grad für ein Vorsingen unterwegs ist, sind alle übrigen fünf Nachwuchssänger des Opernstudios zur Stelle. Selbst der chinesische Bariton Dong-Jung Wang schleicht kurz nach zehn durch die Tür, pflanzt sich auf den Boden, obwohl er erst am Nachmittag an der Reihe sein wird. "Es lohnt sich auch, bei den anderen zuzuhören", raunt er. "Man lernt eine Menge für sich."

Und lernen wollen alle. Die Sopranistin Nina Bernsteiner aus Graz, die Französin Sophie Angbaul, die Rosenbergerin Katharina Magiera, die in Frankfurt studiert und mehrere Stipendien gewonnen hat und bereits in Gießen, Wiesbaden, Straßburg und Frankfurt auf der Bühne stand. Oder der Ukrainer Yuriy Tsiple und natürlich Dong-Jun Wan. Alle sind ausgebildete Sänger, haben schon Preise gewonnen, erste Engagements hinter sich. Und stehen doch erst am Anfang, kurz vorm Absprung in dieses "wirklich harte Berufsleben", wie Kurt Streit sagt.

In Freizeithosen und mit losem Hemd steht der große, schlanke Sänger neben dem Solorepetitor Juri Masurok am Flügel, streift sich wie ferngesteuert die Sandalen von den Füßen, als wollte er Nina Bernsteiners Arie der blinden Mutter aus La Gioconda mit jeder Pore einsaugen. Er arbeitet auf Augenhöhe, muss die Nachwuchstalente nicht in Gesangstechnik unterrichten. "Das haben die mit Gesangslehrern an der Uni hinter sich." Wohltuend, sagt Nina Bernsteiner, die immer lockerer wird, ohne Scheu abbricht, neu ansetzt, singt, diskutiert.

Kurt Streit versteht sich als Coach, als Profi, der begabten Berufsanfängern im "geschützten Raum des Opernstudios" hilft, die Brücke in die reale Bühnenwelt der Oper zu schlagen. "Ein professioneller Lehrer ist etwas völlig anderes als ein professioneller Sänger."

400 Bewerber, sechs Plätze

Seit acht Jahren gibt der Startenor in Opernstudios in aller Welt Meisterkurse. Über seine einstige Lehrerin Marilyn Tylor in Neu Mexiko hat er vor vielen Jahren selbst erlebt, wie wichtig intensive Förderung und Begleitung ist. Das will er weitergeben, sagt er. Und so hat er auch in Frankfurt gleich ja gesagt, neben seiner Hauptrolle in Pfitzners Palestrina auch noch einen Meisterkurs im Opernstudio anzubieten.

Das Studio selbst hatte in der Spielzeit 2008/2009 erst Premiere. Mit Unterstützung der Polytechnischen Gesellschaft, der Deutsche Bank-Stiftung und dem Patronatsverein konnte Opernintendant Bernd Loebe den jahrelangen Traum endlich wahr machen, für ihn eine Selbstverständlichkeit für ein Opernhaus von Weltrang: "Nachwuchsförderung".

400 junge Talente haben sich vorigen Herbst fürs Casting um die sechs Plätze beworben, sagt Thomas Stollberger, zuständig für die Organisation des Opernstudios. Für ihn ist das Ganze ein Geben und Nehmen: "Die jungen Sänger haben Zeit, sich zu entwickeln und können in kleinen Rollen Erfahrungen sammeln, und die Oper kann junge Talente ans Haus binden."

Geben und Nehmen: Die sechs jungen Künstler sehen das genauso. "Es ist schon ziemlich toll, wenn man nicht sofort nach dem Studium in den Beruf starten muss", und, sagt die 30-jährigeMezzosopranistin Katharina Magiera, "es ist auch was ganz anderes mit Bühnen erfahrenenen Sängern zu arbeiten, die einen nicht wie Studenten behandeln, sondern einem als Sänger begegnen". Das ist auch Nina Bernsteiner wichtig. Selbstsicherer ist sie durch das Opernstudio geworden, sagt sie. "Es hat auch bei Vorsingen in anderen Häusern Eindruck gemacht, wenn man vom Opernstudio kommt. Frankfurt hat schon einen sehr guten Ruf."

Nach dem Studio gleich die Hauptrolle

Bei ihr ist die Rechnung mit dem Sprungbrett ins Rampenlicht schon aufgegangen: Ab der nächsten Spielzeit geht sie als festes Ensemblemitglied nach Kassel, wird bereits erste Hauptrollen singen. Ebenso bei den Mezzosopranistinnen Katharina Magiera und Paula Murrihy: Beide werden als feste Ensemblemitglieder an der Oper Frankfurt bleiben. Die übrigen drei bleiben vorerst Mitglieder des Opernstudios, nutzen weiter die tägliche Arbeit mit dem eigens verpflichteten Stimmcoach Eyan Pessen, das Rollenstudium, die Deutschkurse an der VHS und natürlich die jeweils drei bis fünf Meisterkurse und szenischen Workshops pro Spielzeit.

Der Sänger Rudolf Piernay war schon da, die Sängerin Anne Schwanewilms, Edith Wiens, Kurt Streit - "die waren alle fantastisch". Dong-Jun Wang, der im Moment noch mit der deutschen Aussprache kämpft und tapfer mit seinem Sprachlehrer im Studio büffelt, wird nebenbei noch Kurse bei Edith Wiens besuchen, sagt er.

Und bald bekommt er Verstärkung von einem Schulfreund, der mit ihm Musikunterricht hatte. Beim Casting zur nächsten Runde im Opernstudio wurden zwei Koreanerinnen und zufällig Wangs Freund aus China ausgewählt. Er freut sich, verwunderlich findet er es nicht. Frankfurt ist begehrt - wer wollte es da nicht versuchen.

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