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OLG Frankfurt: Wenn vor Gericht die Maske fällt

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Von: Stefan Behr

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Am dritten Verhandlungstag gegen Marvin E. zeigt dieser erstmals, wes Geistes Kind er ist

Am dritten Verhandlungstag lässt Marvin E. die Katze endlich aus dem Sack. Bislang ging es vor dem Frankfurter Oberlandesgericht lediglich um die Vita des 20 Jahre alten Nordhessen, und wäre da nicht die Anklage, man hätte E. für einen durchschnittlichen Lausbub aus einer Problemfamilie halten können. Die Anklage wirft ihm die versuchte Gründung einer terroristischen Vereinigung – namentlich eines hessischen Ablegers der US-Terrortruppe „Atomwaffen Division“ – und die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor. Bei der Durchsuchung von E.s Elternhaus hatte die Polizei selbstgebastelte Bomben gefunden, die eine verheerende Wirkung entfaltet hätten.

Am Freitagmittag aber wird es politisch, und es ist der ebenso klugen wie einfühlsamen Gesprächsführung von Richterin Bianca von Arnim zu verdanken, dass der anfangs etwas maulfaule Marvin E. zunehmend auftaut – und sich schließlich um Kopf und Kragen redet.

Von Arnim fragt sich geduldig in E.s politische Gedankenwelt hinein. Anfangs ist das ganz lustig. Wo E. sich selbst politisch sehe, will die Richterin wissen. „Eher rechts“, antwortet E. Was denn „rechts“ sei? „Auf jeden Fall nicht links.“ Und was bedeute „links“? „So ein bisschen DDR-mäßig.“

Über die DDR hat E. ganz eigene Vorstellungen. Dass deren Politiker „sehr sozial drauf“ gewesen seien, mag als Sozialromantik durchgehen. Aber der Vorwurf, das Politbüro habe „keinen Wert auf nationale Landesgrenzen“ gelegt, grenzt an Verunglimpfung des Arbeiter-und Mauernstaates.

Marvin E. bekennt sich uneingeschränkt zu freier Marktwirtschaft und Kapitalismus. Freie Marktwirtschaft sei, dass „das gekauft wird, was gut ist“. Kapitalismus definiert er so: „Wenn ich kein Geld zum Kaufen hab’, dann hab’ ich eben Pech gehabt. Dann gesteht E., er liebäugele mit „einem sozialistischen Ansatz auf nationaler Ebene“.

Der real existierende Nationalsozialismus, glaubt E., „hätte funktionieren können“, sei dann aber „ziemlich ausgeartet“, weil „dem Adolf die Macht über den Kopf gestiegen“ sei. Der Völkermord an den Juden etwa sei übertrieben gewesen, „man hätte sie auch einfach rausschmeißen können“.

Wie jeder Antisemit hat auch E. nach eigenen Angaben nichts gegen Juden. Er erkennt sie „an der Form ihrer Nasen“ und anerkennt, „dass sie gut mit Geld umgehen können“. Was ihm „auf den Sack geht“, sei allein ihr „ewiges Rumgemotze und Rumgejammere“. Der Richterin von Arnim und dem Vorsitzenden Richter Christoph Koller fällt es angesichts solcher Sprüche zusehends schwerer, die Contenance zu wahren.

Das wird auch nicht leichter, als die Chat-Protokolle E.s gesichtet werden. Wo andere Emojis setzen, hat E., auch beim Chatten im Familienkreis, Hitler-Bilder genutzt. Ein lachender Hitler – E. nennt ihn „der Adolf“ – als Smiley, ein salutierender Hitler als Gruß-August, ein auf dem Obersalzberg entspannender Hitler als Chill-Adolf.

E. ist freilich nicht nur Antisemit, er ist auch Rassist. Ein Bild, das Marvin E. damals gepostet hat, zeigt einen weißen Mann auf einem Fahrrad, der ein flüchtendes schwarzes Kind verfolgt und mit einer Pistole auf es zielt. Über dem Bild steht: „Wenn beim Grillen die Kohle abhaut“. Er habe das damals gepostet, weil er es „irgendwie witzig“ gefunden habe, sagt E. Heute freilich nicht mehr. Als er es sieht, kann er sich dennoch ein Schmunzeln nicht verkneifen.

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