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Ein Rollstuhl steht in einem Klassenraum.
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Ein Rollstuhl steht in einem Klassenraum.

Interview

„Oft blockieren die Angehörigen“

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Ulrike Jorzik hilft, das neue Bundesteilhabegesetz für Behinderte umzusetzen.

Mehr Selbstständigkeit für Behinderte verspricht das neue Bundesteilhabegesetz. In Hessen soll der Landeswohlfahrtverband es umsetzen. Der stockt derzeit Personal auf, um besser auf die individuellen Bedürfnisse eingehen zu können. Ulrike Jorzik leitet eine der drei Arbeitsgruppen, die für die Umsetzung der Veränderungen zuständig ist.

Frau Jorzik, welche wirtschaftlichen Vorteile hat das Gesetz für behinderte Menschen?
Wer Einkommen oder Vermögen hat, muss weniger vom eigenen Geld einsetzen. Besonders stark wirkt sich das bei Berufstätigen aus. Ab 2020 zahlen die Leistungsberechtigten ihren Eigenanteil auch selbst an ihren Unterstützer, das erhöht die Selbstbestimmung.

Was ändert sich für jene Menschen, die neu zu Ihnen kommen?
Im Idealfall wenden sie sich künftig direkt an uns. Unser Fachdienst kommt dann zu ihnen und erstellt den Hilfeplan, in dem steht, was die Ziele sind, was sie konkret brauchen und möchten. Erst dann schaut man, welcher oder welche Leistungserbringer sich dafür eignen. Momentan ist es umgekehrt.

Was heißt das genau, dass es monentan umgekehrt ist?
Die Frauen und Männer wenden sich an den Leistungserbringer, der einen Plan erstellt, der sich natürlich an seinem Angebot orientiert. Die Menschen kommen also erst zu uns, wenn schon viel festgelegt ist.

Und was ist mit den Menschen, die Sie bereits betreuen?
Das neue Gesetz gibt genau vor, wie wir den Bedarf zu ermitteln und festzuschreiben haben. Auch wer was unternimmt, wer zahlt, in welche Zielrichtung es geht. Es gibt fachliche Kriterien, die einzuhalten sind. Wir müssen jetzt sehr frühzeitig mit den Leistungsberechtigten in Kontakt treten und mit ihnen gemeinsam planen.

Müssen Sie jetzt mit jedem Ihrer 42 000 Klienten neu besprechen, was er möchte?
Das wäre personell nicht zu leisten. Seit Jahresanfang haben wir einen Übergangsverfahren, in dem wir alles schriftlich fixieren. Das ist jetzt hessenweit umgesetzt. Im Moment stocken wir unseren Fachdienst zur Bedarfsermittlung auf. Das Personal muss ebenso qualifiziert werden wie die Mitarbeiter unserer Partner. Deshalb können wir dieses Verfahren nur schrittweise in Hessen einführen.

Was sind das für Bedarfe, die ermittelt werden?
Das kann ganz unterschiedlich sein, weil es unterschiedliche Behinderungsgrade und Wohnformen gibt. Das beginnt bei Wohnen und geht über pädagogische Unterstützung bis zur Verpflegung oder pflegerische Notwendigkeiten.

Behinderte dürfen jetzt selbst entscheiden, wie sie wohnen. Ist das umsetzbar?
Wir arbeiten schon seit Jahren nach dem Grundsatz ambulant vor stationär. Motivieren Menschen, die das Potenzial haben, alleine in einer Wohnung zu leben. Bei Körperbehinderten scheitert das oft daran, dass sie keinen barrierefreienWohnraum finden.

Gibt es auch welche, die mit einer 24-Stunden-Betreuung in der eigenenWohnung leben?
Das sind Einzelfälle. Gerade bei geistig Behinderten drängen oft Angehörige darauf, ihre Kinder stationär unterzubringen. Sie haben sie jahrelang versorgt und sind jetzt zu alt geworden, wollen aber, dass ihr Kind rundum versorgt ist. Es gibt also beides: Leute, die ambulant wohnen wollen, aber Schwierigkeiten mit der Umsetzung haben und andere, die könnten in der eigenenWohnung betreut werden, aber sie trauen sich nicht oder es blockieren die Angehörigen oder die rechtlichen Betreuer.

Hilft das neue Gesetz, Behinderte in Arbeit zu bringen?
Bedingt. Neben der klassischenWerkstatt für behinderte Menschen gibt es die Möglichkeit, neue Leistungsanbieter hinzuzunehmen. Wir halten das Gesetz hier für etwas verunglückt. Wir hatten gehofft, dass es mehr Möglichkeiten gibt, auf dem ersten Arbeitsmarkt Stellen finanzieren zu können. Ganz toll ist allerdings das Budget für Arbeit, das es auch schon seit Jahresanfang gibt. Der einzige Haken ist, dass sich der Leistungsberechtigte selbst einen Arbeitgeber suchen muss, der ihn zu tariflichen Bedingungen einstellt. Wir zahlen einen Minderleistungszuschuss an den Arbeitgeber und zusätzliche Leistungen, die den Behinderten am Arbeitsplatz unterstützen. Das können technische Hilfsmittel sein oder eine Beratung des Arbeitgebers durch eine Integrationsfachkraft oder ein Coaching oder eine Assistenz für den behinderten Menschen.

Das hört sich nach viel mehr Arbeit für den Landeswohlfahrtsverband an.
Ja, so ist es. Und nicht nur das. Wir müssen auch viel Öffentlichkeitsarbeit machen. Es wird Jahre dauern, bis sich in den Köpfen etwas ändert und die Menschen direkt zu uns kommen, damit wir für sie einen an ihren Bedürfnissen orientierten Plan erstellen.

Interview: Jutta Rippegather

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