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Vorsitzender Richter Volker Wagner stellt sich am Dienstag auf dem Flur des Darmstädter Landgerichts den Fragen der Journalisten, nachdem er die Hauptverhandlung nach Verlesung der Anklage unterbrochen hatte.

Offenbach

Offenbacher Mordprozess wegen Corona-Abstandsregel verschoben

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Verfahrensbeteiligte kommen sich im Gerichtssaal zu nah, Richter ordnet Unterbrechung an. Angeklagtem wird Mord aus Heimtücke vorgeworfen.

Der Mordprozess um die tödlichen Schüsse auf eine 44-jährige Frau in der Offenbacher Innenstadt vor knapp einem Jahr war mit Spannung erwartet worden. Doch die Verhandlung vor dem Landgericht Darmstadt endete gestern Morgen überraschend bereits nach Verlesung der Anklage. Weil die zahlreichen Verfahrensbeteiligten das Corona-Abstandsgebot im Gerichtssaal nicht einhalten konnten, unterbrach Vorsitzender Richter Volker Wagner nach 20 Minuten die Sitzung.

Die Ansteckungsgefahr durch das Virus sei zu groß und der nötige Schutz aller Beteiligten in dem engen, schlecht belüfteten Raum nicht gewährleistet, sagte er. Der Prozess soll am 5. Mai fortgesetzt werden, möglicherweise mit weniger Beteiligten. Wagner hätte zum Prozessauftakt gerne einen größeren Saal bekommen, seiner Bitte sei jedoch nicht entsprochen worden, berichtete er.

Obwohl Anwälte, Nebenkläger, Dolmetscher, Sachverständige, Staatsanwälte und Richter nahe beieinander saßen, trugen die meisten keinen Mundschutz. Anders war es bei den Pressevertretern im Zuschauersaal. Dort wurde auch die Distanz gewahrt. Drei Viertel der Stühle waren gesperrt.

Mord in Offenbach: Staatsanwältin geht von Heimtücke aus

Wagner hatte die geladenen Sachverständigen nach Hause geschickt. Der Mindestabstand wurde dennoch nicht eingehalten. Die deshalb angeordnete Unterbrechung dürfte ziemlich einmalig sein. Bislang waren wegen der Pandemie Strafprozesse zwar verschoben worden, aber aus anderen Gründen, etwa weil Angeklagte oder Schöffen zu den Risikogruppen gehörten. Damit Strafverfahren wegen der Corona-Krise nicht platzen, erlaubt der Gesetzgeber seit kurzem eine Unterbrechung von etwas mehr als drei Monaten.

Der brutale Mord an der Geschäftsfrau und Mutter hatte im vergangenen Jahr bundesweit für Entsetzen gesorgt. Der Angeklagte Mohammed S. soll Fatima T. am 9. Mai 2019 gegen 19 Uhr in der Offenbacher Luisenstraße erschossen haben, als sie in ihrem Porsche vor einer Kampfsportschule auf ihren Sohn wartete. Der 43-jährige Marokkaner soll die Frankfurterin aus einem Leihwagen heraus im Vorbeifahren mit einem einzigen Schuss in den Hals getötet haben. Die Frau starb noch am Tatort. Der Täter floh nach Belgien, stellte sich aber nach fünf Wochen in Offenbach der Polizei.

Die Staatsanwaltschaft spricht von Mord aus Heimtücke und niederen Beweggründen. Nach Angaben von Staatsanwältin Lydia Wurzel war der Angeklagte mit der Schwester der Getöteten liiert gewesen. Er habe an Fatima T. und der Familie Rache nehmen wollen, weil er sie für die Trennung und eine Anzeige verantwortlich gemacht habe. Ihm werde vorgeworfen, die Tochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin sexuell missbraucht zu haben, so die Staatsanwältin.

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