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„Der Beruf ist hochbelastend“: Rund 150 Erzieherinnen und Erzieher protestierten vor dem Rathaus.

Offenbach

Offenbacher Kita-Personal macht seinem Ärger Luft

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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150 Erzieher und Erzieherinnen folgen in Offenbach dem Verdi-Aufruf zum Warnstreik. Sie führen an, dass es für sie zu wenig Geld für zu viel Arbeit gibt.

Das Offenbacher Rathaus ist am Mittwochmorgen von einer langen Menschenkette umstellt. Auf diese Weise protestieren hauptsächlich Erzieherinnen und Erzieher der städtischen Kindertagesstätten für mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen. Sie folgen einem Appell der Gewerkschaft Verdi, die die Beschäftigten im öffentlichen Dienst zum Warnstreik aufgerufen hat.

650 Erzieherinnen und Erzieher arbeiten in den 30 städtischen Kindertagesstätten in Offenbach. Rund 150 von ihnen schwingen vor dem Rathaus Verdi-Fahnen, halten Plakate hoch und machen Lärm mit Rasseln, bevor sie sich mit Bändern zur Menschenkette zusammenfinden. Einige wenige Bedienstete der Stadtverwaltung und des kommunalen Jobcenters Mainarbeit haben sich unter die Menge gemischt.

Tarifstreit

Im aktuellen Tarifkonflikt für bundesweit 87 000 Beschäftigte fordert Verdi einheitliche Regelungen in Fragen wie Nachwuchsförderung, Entlastung sowie den Ausgleich von Überstunden und Zulagen für Schichtdienste. Zusätzlich sollen zentrale Regelungen wie 30 Urlaubstage oder Sonderzahlungen bundesweit vereinheitlicht werden. Seit März fordert die Gewerkschaft hierzu die Verhandlung eines bundesweiten Rahmentarifvertrages. Die Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeberverbände hatte sich vor kurzem gegen die Aufnahme von Verhandlungen ausgesprochen.

Gewerkschaftssekretär Boris Bogojev ist mit der Resonanz auf den Warnstreik sehr zufrieden. „Wegen der Notdienst-Vereinbarung konnten nicht alle Erzieher zum Streik aufgerufen werden“, sagt er. In den meisten Kitas sind Notgruppen installiert, die personell zu besetzen waren. Einige Kitas haben ihren Betrieb am Mittwoch ganz eingestellt. Die Eltern wurden am Freitag in Elternbriefen informiert.

Gegenüber der FR sprechen einige streikende Erzieherinnen die Probleme in den Kitas offen an. Der Beruf sei hoch belastend, sagt eine – nicht nur wegen des Lärmpegels in den Kitaräumen. „Wir haben Kolleginnen, die haben Belastungsstörungen wie Herzrasen, Schlafstörungen oder Schwindel. Die Krankheitsfälle werden immer mehr.“ Die Bürokratie nehme zu: Elternabende seien schlecht besucht, deshalb seien Elterngespräche nötig, die dann dokumentiert werden müssen. Sie selbst arbeite zwar nur vormittags in der Kita, sei dann aber nachmittags schlichtweg erschöpft. Trotzdem müsse sie dann noch für ihr eigenes Kind da sein.

„Kinder kommen hier mit drei oder vier Jahren in die Kita, tragen oft noch Windeln, wissen nicht, wie sie spielen, haben keine Sozialkompetenzen, kaum Deutschkenntnisse und zum Teil auch Ängste“, erklärt eine andere Fachkraft. Oft kämen die Erzieher nicht weiter, müssten Psychologen einschalten. In Offenbach gebe es viele Integrationskinder, die einen Mehraufwand bedeuten, sagt eine dritte Erzieherin. „Wir bräuchten mehr Personal“, stellt sie fest. Und eine vierte erklärt, sie müsse bis 67 arbeiten und habe jetzt schon Panik. „Ich bekomme dann 1045 Euro brutto als gesetzliche Rente.“

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