Gruppenbild mit Abstand im Jugendzentrum Nordend (von links): Esra Alagöz, Meryem Tinç, Wolfgang Malik und Gökdeniz Karacabay. Foto: Michael Schick
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Gruppenbild mit Abstand im Jugendzentrum Nordend (von links): Esra Alagöz, Meryem Tinç, Wolfgang Malik und Gökdeniz Karacabay. Foto: Michael Schick

Offenbach

Offenbacher Jugendliche über die Corona-Krise: „Alle Pläne wurden in wenigen Stunden ausradiert“

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Offenbach: Für ein Corona-Tagebuch beschreiben Jugendliche ihren Alltag zwischenHomeschooling, Angst vor Ansteckung und Zukunftssorgen

Als Esra Alagöz am 13. März erfährt, dass die Schulen wegen des Corona-Virus geschlossen werden, freut sich die 17-Jährige zunächst wie viele andere Schülerinnen und Schüler. „Aber später war das nicht mehr so“, schreibt die Jugendliche. Viele hätten Angst um ihr Leben, weil sie sich anstecken und das Virus weitergeben könnten.

Esra sorgt sich vor allem um ihren Vater, der Diabetes hat und am Frankfurter Flughafen arbeitet. „Er ging immer mit Angst zur Arbeit.“ Schließlich kannte er einen Kollegen, der sich infiziert hatte und ins Koma fiel.

Jeden Tag sei die Angst größer geworden, dass auch er sich ansteckt. „Denn dann wäre alles aus“, notiert die 17-Jährige in dem Corona-Tagebuch, das das Jugendzentrum (Juz) Nordend startete, um mit den Jugendlichen während der Quarantäne-Zeit in Kontakt zu bleiben.

Die Idee dazu hatte Juz-Leiter Wolfgang Malik. Es sei ein Experiment gewesen. Die Texte gäben tiefe Einblicke in die Lebensverhältnisse Offenbacher Jugendlicher, „die es ohnehin nicht einfach haben in unserer Gesellschaft“, sagt Malik. Die Jugendlichen beschreiben ihren Alltag zwischen Homeschooling, Überforderung und Zukunftssorgen. „Wir waren auf uns alleine gestellt“, notiert Esra im Tagebuch.

Umgesetzt hat Malik das Projekt zusammen mit Meryem Tinç, der Leiterin der Juz-Schreibwerkstatt. Sie betont: „Wir wollten den Jugendlichen in dieser schwierigen Zeit eine Stimme geben.“

Der Lockdown fällt genau in die Zeit, als sich Esra auf die Prüfungen zur mittleren Reife vorbereitet. Die Lehrer schicken Arbeitsaufträge, die als Klassenarbeiten benotet werden. „Es gab keinen Tag Pause“, schreibt sie.

Für Esra, die mit Eltern, Schwester und Verwandten in einem Haus im Nordend lebt, sieht der neue Alltag so aus: lernen, putzen, auf die Cousinen aufpassen. Sie hat die Prüfung übrigens glänzend mit der Durchschnittsnote 1,4 bestanden. Jetzt will sie das Abitur machen.

Für Kübra Kisacik Demirkaya ist die Zeit unter Quarantäne schwierig. Die Wohnung der Familie ist klein, die 16-Jährige hat kein eigenes Zimmer. „Wenn man drei Geschwister hat, ist es immer laut.“ Deshalb lernt sie um Mitternacht, „weil dann jeder schläft und es leise ist“.

Kübra hat Angst vor den Prüfungen zur mittleren Reife. „Wenn ich den Abschluss nicht schaffe, ist es aus“, notiert sie. Lernen sei schwierig, vor allem ohne Erklärung der Lehrer. Doch sie wird die Prüfung bestehen.

Gökdeniz Karacabay hat die Zeit der Isolation genutzt, um darüber nachzudenken „wer man ist und was man so drauf hat“. Der 16-Jährige beschäftigt sich viel mit Musik. Er singt, rappt und macht selbst die Beats. Er will jetzt auf die Realschule gehen, nachdem er den qualifizierten Hauptschulabschluss geschafft hat. Die Pandemie bedrückt auch ihn. „Die Angst, die Sorge und der Tod sind das, was in dieser Zeit jeden beunruhigt“, schreibt er ins Tagebuch.

Vanessa, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, macht eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Für sie ist Freitag, der 13. März, ein „schwarzer Tag“. Die Berufsschule schließt, die Industrie- und Handelskammer sagt alle anstehenden Prüfungen ab und der Ausbildungsbetrieb schickt die 22-Jährige ins Homeoffice. „Alle meine Pläne wurden innerhalb weniger Stunden ausradiert“, notiert sie.

Ihren Geburtstag im März kann sie nicht feiern. Ihr wird erneut bewusst: „ Die Welt steht kopf.“ Von ihrem Klassenlehrer erhält sie keine Unterstützung. Inzwischen geht Vanessa wieder ins Büro und in die Schule. Sie sorgt sich, ob das Unternehmen sie nach der Ausbildung übernehmen wird. Sie glaubt nicht, dass es jemals wieder wie früher sein wird. „Das alte ‚Normal‘ wird es nicht mehr geben.“

Malik und Tinç wollen die Texte als Buch veröffentlichen und suchen dafür Sponsoren. Eine Frankfurter Filmemacherin hat Interesse an dem Projekt gezeigt. Ob es einen Film geben werde, sei ebenfalls eine Frage der Finanzierung, sagt Malik.

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