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Wenn Papa kuscheln wollte

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Von: Agnes Schönberger

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Justizia wacht am Römer in Frankfurt. (Symbolbild)
Justizia wacht am Römer in Frankfurt. (Symbolbild) © ddp

Ein Mann soll jahrelang seine beiden Töchter missbraucht haben. Jetzt steht der heute 53-Jährige in Darmstadt vor Gericht. Er leugnet die Taten.

Wenn Freundinnen fragten, wann sie das erste Mal was mit einem Jungen gehabt habe, hat sie geschwiegen. Dabei konnte sie sich gut an „das erste Mal“ erinnern. Sie war elf, ging in die vierte Grundschulklasse. Seit kurzem hatte sie ein eigenes Zimmer. Ihre jüngere Schwester und sie hatten mit dem Hasen gespielt, bis es der Schwester langweilig wurde und sie das Zimmer verließ. Das war der Moment, als sich der Vater an ihr Bett setzte, ihr den Rücken und dann den Po streichelte, ihr sagte, sie solle sich umdrehen. Und dann berührte er sie im Intimbereich. „Das war das erste Mal, dass er mich unten angefasst hat“, sagte die Zeugin gestern vor der 16. Großen Strafkammer des Landgerichts Darmstadt aus.

Als sie zwölf ist, entjungfert der Vater die Tochter. Irgendwann habe ihm das Streicheln wohl nicht mehr gereicht, sagt sie. Und: „Immer wenn er kuscheln wollte, war klar, dass jetzt etwas passiert. Dass er mich anfasst oder es zum Geschlechtsverkehr kommt.“ Die junge Frau muss dem Gericht ausführlich die bedrückenden sexuellen Übergriffe schildern, weil der Angeklagte die Taten leugnet. Der gelernte Schweißer, der in Seligenstadt wohnt und in Aschaffenburg arbeitet, äußert sich nur zu seiner Person. Deshalb mussten seine Töchter über häufige Berührungen und ungewollte Intimitäten nicht nur gegenüber Gutachtern, sondern jetzt auch vor Gericht Auskunft geben.

Wie belastend die Erinnerungen sind, zeigt sich nach gut einer halben Stunde. Die ältere Schwester, die bis dahin leise und stockend über den sexuellen Missbrauch berichtet hatte, verliert die Beherrschung und schreit den Vater an. „Sieh, was Du mir angetan hast, Du perverses Schwein. Du hast mein Leben zerstört.“ Der Angeklagte zeigt keine Regung. Er vermeidet während der stundenlangen Befragung jeden Blickkontakt. Heute wird der Prozess fortgesetzt.

Der heute 53-Jährige soll zwischen 1996 und 2005 in Offenbach, wo die Familie bis 2003 wohnte, und anderen Orten im Kreis seine beiden damals elf bis 14 Jahre alten Töchter in 13 Fällen missbraucht haben. In mindestens sieben Fällen waren diese jünger als 14 Jahre, wie es in der Anklage heißt. Drohungen hatte er wohl nicht nötig, wie die Zeugin schildert. Das Kind gefiel sich in der Rolle der Lieblingstochter, die alles mitmachte, „weil ich ihm damit eine Freude machen konnte“. Die Ekelgefühle und die Wut kamen erst später.

Sie schwieg auch, als er sie während eines Urlaubs im Zelt streichelte, während die Mutter draußen saß. Sie nennt sein Verhalten heute „Dreistigkeit hoch zehn“. Doch damals fühlte sie sich auch mitschuldig. „Denn ich wollte ihm immer gefallen.“ Aber da war immer auch die Angst, dass das Ungeheuerliche bekannt werden könnte. Auf die Loyalität des Kindes zu seinen Eltern konnte sich der Vater verlassen.

Der Vorsitzende Richter Marc Euler will wissen, wie sie sich gefühlt habe, wenn sich der Vater mal wieder zu ihr ins Bett gelegt hatte, nachdem die Mutter zur Schichtarbeit gegangen war. „Es war normal geworden. Es hat irgendwann einfach dazu gehört“, antwortet sie. Nach ihren Worten ist es ab ihrem elften Geburtstag ein- bis zweimal im Monat zu Übergriffen gekommen. Meistens passierte es zu Hause, aber auch einmal beim Angelausflug.

Die Zeugin hat wohl früh geahnt, „dass es falsch war, was der Vater tat“. Doch selbst, als sich die Schwester der Mutter offenbart, hält sie zum Vater und nennt ihre Schwester eine Lügnerin. „Ich wollte die Familie noch retten.“ Als sich die Mutter von ihrem Mann trennt, weil sie einen neuen Freund hat, bleibt die ältere Tochter beim Vater. „Aus Mitleid“, wie sie sagt.

Die Übergriffe enden erst, als die Fünfzehnjährige ihren ersten Freund hat. 2009 unternimmt sie einen Selbstmordversuch, nachdem sie auf der Arbeit gemobbt worden war. „Ich fühlte mich wie ein Stück Scheisse“, sagt sie. In der Psychiatrie erzählt sie den Ärzten andeutungsweise vom Missbrauch. Doch erst 2011 geht sie zusammen mit der Schwester zur Polizei und erstattet Anzeige. Obwohl es ihr schwer fällt, über das Erlebte zu sprechen, hält sie durch. Nicht aus Rachebedürfnis dem Vater gegenüber. Vielmehr möchte sie ihrer Schwester bei und mit der Aussage zu verstehen geben: „Ich glaube Dir. Du bist keine Lügnerin.“

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