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Offenbach gleicht nach den Bombenangriffen einer Geisterstadt, hier ist die Ecke Schäfer-/Marienstraße zu sehen.

Zweiter Weltkrieg

Angst vor den Bomben

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Der 85-jährige Alfred Kurt erinnert sich an den Luftangriff vor 70 Jahren. Am 18. März 1944 wurden 80 Prozent der Offenbacher Gebäude zerstört, 165 Zivilpersonen kamen in dieser Nacht durch Bomben und Luftminen ums Leben. Zum 70. Jahrestag legt der Magistrat einen Kranz nieder.

Alfred Kurt war als Flakhelfer auf der Rosenhöhe stationiert, als am 18. März 1944 die Royal Air Force den größten Angriff auf Offenbach flog. Als 15-Jähriger sei er damals in den Krieg geschickt worden, um „die Heimat zu verteidigen“, wie er heute unter Augenrollen an den Jargon der NS-Diktatur erinnert. Seine Stellung befand sich etwa dort, wo heute das Ringcenter am Odenwaldring steht. Eine Batterie mit sechs Geschützen hatten er und seine Altersgenossen zu bedienen. Er sah den Bombenteppich über der Stadt – und hatte Angst.

Natürlich hätten auch sie geschossen, um „ihre Pflicht zu erfüllen“, wie es damals hieß. Ob sie oder andere die viermotorige Maschine der Royal Australian Air Force abschossen, die in jener Nacht nahe der katholischen Kirche St. Joseph herunterkam? Alfred Kurt, heute ein alter Mann von 85 Jahren, zuckt die Achseln.

Der Offenbacher Eugen Wilhelm Lux schreibt 1984 in seiner Dokumentation, dass der Flieger von den Flakbatterien Rosenhöhe und Undine-Bootshaus beschossen wurde, Feuer fing und abstürzte. Die sieben Soldaten seien sofort tot gewesen.

Die Soldaten hatten in einem der 750 Flugzeuge gesessen, die am 18. März gegen 20 Uhr den Ärmelkanal überquerten, um Frankfurt und Offenbach anzugreifen. Gegen 21.13 Uhr erreichte die erste Angriffswelle die Offenbacher Stadtgrenze, kurz vor 23 Uhr die letzte. In den knapp zwei Stunden gingen außer 44 Luftminen, 417 Sprengbomben auch 6000 Flüssigkeitsbrandbomben und 100 000 Stabbrandbomben nieder.

Lausbuben mit schmalen Schultern und Milchgesichtern

Allein der Angriff am 18. März 1944 kostete 165 Menschen das Leben, darunter 53 ausländische Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene. 1100 Wohnhäuser wurden total zerstört. Insgesamt starben im Zweiten Weltkrieg in Offenbach 467 Zivilpersonen durch Luftangriffe. 80 Prozent des Gebäudebestands und 60 Prozent aller Offenbacher Betriebe wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Wenn sich der Jahrestag des schwersten Bombenangriffs auf die Stadt jährt, kommen Alfred Kurt die Erinnerungen. Zumal der frühere Oberstudiendirektor und Leiter der Einhardschule in Seligenstadt selbst Historiker ist. Über die Offenbacher Luftwaffenhelfer hat er ein Buch geschrieben. Auf den Fotos in dem Band sehen die Flakhelfer wie Kinder aus, Schulbuben, Lausbuben, mit schmalen Schultern und Milchgesichtern und noch nicht ausgewachsen. „Wir waren nicht mehr kindlich sondern jugendlich“, sagt Alfred Kurt. Sie seien ernst genommen und wie Erwachsene behandelt worden, die militärischen Befehlshaber hätten sie sogar gesiezt.

Zweimal wöchentlich hatten die Jungen aber noch Schule, immer montags und dienstags. Den Rest der Woche wurden sie auf den Kriegseinsatz vorbereitet. Kurt war wie der gesamte Jahrgang 1928 im Dezember 1943 in der damaligen Horst-Wessel- und heutigen Leibnizschule gemustert und im Januar 1944 einberufen worden. Einige bezahlten den Einsatz mit dem Leben. Fünf Flakhelfer, deren Stellungen in Neu-Isenburg positioniert waren, wurden im Januar 1944 getötet.

Am Dienstag, 18. März , um 11 Uhr legt der Magistrat der Stadt anlässlich des 70. Jahrestags des schwersten Angriffs auf Offenbach an der Gedenkstätte des Gräberfelds des Neuen Friedhofs einen Kranz nieder.

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