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Vorsicht beim Parkplatz-Sex

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Robert Beckmann von der Aidshilfe Offenbach geht dorthin, wo ES passiert: zum Beispiel auf einen Parkplatz an der A 661. Dort verteilt er Kondome und warnt vor der Gefahr, sich mit HIV anzustecken.

Der kleine Parkplatz an der A 661 bei Offenbach ist ein beliebter Treffpunkt für Männer auf der Suche nach schnellem Sex. Ab und zu hält ein Wagen mit Frankfurter oder Offenbacher Kennzeichen, der Fahrer blickt kurz um sich, schlendern dann über einen schmalen Pfad in das angrenzende Waldstück, verschwinden hinter den Bäumen.

Am Rande des Parkplatzes hat Robert Beckmann einen Tisch aufgebaut. Darauf liegen Informationshefte und unzählige Kondome. Der 52-Jährige ist Streetworker bei der Aidshilfe Offenbach und kommt etwa vier Mal im Monat her. Für die homo- und oft auch bisexuellen Männer will er dabei vor allem eins sein: Gesprächspartner.

"Wir sind keine Aids-Erinnerungs-AG", betont Beckmann. Männer zu maßregeln, die ungeschützten Geschlechtsverkehr hätten, sei nicht sein Job. Zudem wisse heutzutage fast jeder, wie wichtig Kondome seien. Die Aidshilfe Offenbach beteilige sich an der bundesweiten Präventionskampagne "Ich weiß, was ich tu". Neben der Aufklärung habe das Projekt das Ziel, Männern deutlich zu machen, wie wichtig ein bewusster Umgang mit ihrer eigenen Gesundheit sei, sagt Beckmann.

Dazu gehöre vor allem das Werben für den HIV-Test, berichtet der Geschäftsführer der hessischen Aidshilfe, Klaus Stehling: Viele Männer fühlten sich nach einem einzigen negativen Befund bereits in Sicherheit. Dabei unterschätzten sie aber die sogenannte diagnostische Lücke: Die Zeit, die der Körper benötige, um nach einer Infektion nachweisbare Antikörper zu bilden.

Wer eine Ansteckung sicher ausschließen wolle, müsse den Test deshalb frühestens zwölf Wochen nach dem Geschlechtsverkehr machen lassen.

Beckmann versucht, mit den Männern auf dem Parkplatz auch über andere Krankheiten wie Syphilis oder Tripper zu sprechen. Auch hierbei sei es aber nicht seine Aufgabe, zu verurteilen. Er sage seinem Gegenüber aber: "Wenn du deine Partner oft wechselst, dann musst du regelmäßig zum Gesundheitscheck." Das seien die Männer sich und den anderen schuldig. Auch weist er auf Impfungen gegen Hepatitis hin.

Obwohl er seit Jahren herkomme und mittlerweile Hunderte der Männer kenne, falle der Kontakt oft schwer. "Die Männer kommen nicht nur her, weil sie schnellen und vor allem kostenlosen Sex bekommen, sondern auch, weil sie nicht erkannt werden wollen", sagt der Streetworker. Nur ab und zu kommt jemand zu seinem Stand und nimmt eine Broschüre mit.

Rund die Hälfte der Parkplatz-Besucher sei schwul. Die andere Hälfte stehe auf Frauen - "offiziell", fügt Beckmann hinzu. Nicht selten kämen Männer vorbei, die eine Familie hätten. Oftmals könnten sie ihre sexuellen Vorlieben in der Ehe oder Partnerschaft nicht ausleben, Fantasien blieben Fantasien, "weil man zu verklemmt ist und nicht den Mut hat, offen darüber zu sprechen", sagt der Streetworker.

Oftmals hätten die Männer zu Hause auch gar keinen Sex mehr. Auf dem Parkplatz, in einem Auto oder zwischen den Bäumen fänden sie schnelle Abhilfe.

Das Verlangen der Parkplatz-Besucher nach Sex sei dabei nicht größer als das von anderen Männern, betont Beckmann. Was sie bei kaltem Wetter am Rande einer Autobahn dazu treibe, sei ganz einfach die Lust auf die "schnelle, harte Nummer". Ein schlechtes Gewissen hätten die ihm bekannten Männer gegenüber ihren Partnern nicht, sagt der 52-Jährige. Im Sommer kommen pro Tag an die hundert Sexsuchende auf den Parkplatz, im Winter sind es immer noch mindestens 20, schätzt Beckmann.

Neben Parkplätzen ist Beckmann auch in Pornokinos im Einsatz. Bei der Kontaktsuche und den anschließenden Gesprächen sei seine eigene Geschichte oft hilfreich, sagt er. Der Streetworker ist selbst schwul, seit knapp 17 Jahren HIV-positiv.

Er kennt die Ängste der Männer und hat auch Ablehnung und Ausschluss von Teilen der Gesellschaft erfahren müssen. Frühere Kollegen mieden ihn, als sie von seiner Erkrankung erfuhren. Sein Engagement in der Aidshilfe, betont er, sei daher absolut richtig. Denn vielleicht schafft er es manchmal, seinen Gesprächspartner genau vor den Fehlern zu bewahren, die er selbst schon begangen hat. (ddp)

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