1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Offenbach

"Vom Grübeln ins Tun kommen"

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Andrea-Maria Streb

Kommentare

Spiel für Kletteranfänger: Griffe tasten.
Spiel für Kletteranfänger: Griffe tasten. © Monika Müller

Psychotherapeut Zajetz spricht im Interview über die positive Wirkung des Kletterns bei seelischen Erkrankungen.

Welche Wirkung hat das Klettern auf seelisch kranke Menschen?
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele wichtige Bereiche der Psyche das Klettern berührt oder triggert: das gesamte Who is who der Seele. Der Sport bietet viele Möglichkeiten; wir nennen das seine Erlebnisqualitäten. Wenn es um das Soziale geht etwa, je nachdem, ob man allein klettert, als Seilschaft oder in der Gruppe. Oder das Thema Angst: Beim Klettern kann man fein dosieren und dadurch genau steuern, wie weit jemand gehen möchte. Auch gibt es eine ganz starke Fokussierung; man hört oft von Leuten, dass sie „total drin“ waren im Klettern.

Warum ist diese Fokussierung gut?
Ein Symptom verschiedener Erkrankungen ist, dass man ständig im Denken, im Grübeln ist, im Bewerten oder beim Schmerz – durch die Fokussierung beim Klettern kann man das durchbrechen und ins Tun kommen.

Wodurch zeichnet sich das Klettern hier gegenüber anderen Sportarten aus?
Erst mal liegt uns als Menschen das Klettern einfach. Dann ist bei vielen anderen Sportarten der Einstieg schwieriger. Und neurobiologisch gesehen ist ein mittleres Stresslevel am günstigsten, wenn wir Lösungsmöglichkeiten probieren. Klettern ist fast immer mit etwas Aufregung verbunden, aber gleichzeitig gut zu regulieren.

Auch bei schweren psychischen Störungen ist Klettern hilfreich?
Ja, auch in der Akutpsychiatrie kann damit gearbeitet werden, beispielsweise bei Depressionen mit Schizophrenie. Gerade auf depressive Menschen hat das Klettern eine starke Wirkung. Wenn jemand kaum Antrieb hat und sich nichts zutraut, dann ist es schon ein Erfolg, wenn er nur einen halben Meter die Wand hochsteigt. Bei Schizophrenie erfordert die Kletterbewegung beispielsweise, sich mit der Realität zu befassen. Bei Borderline-Patienten wären die Themen etwa der Umgang mit Grenzen, den eigenen Körper zu spüren.

Gibt es auch seelische Erkrankungen, bei denen Sie Klettern nicht für geeignet halten würden?
Im Grunde gibt es da keine Kontraindikationen, da sich durch die große Werkzeugkiste viele Ansatzmöglichkeiten bieten. Besondere Vorsicht ist aber bei posttraumatischen Belastungsstörungen geboten.

Wir haben jetzt über direkte Wirkungen gesprochen, die das Klettern hat – gibt es schon Untersuchungen zu längerfristigen Wirkungen?
Eine erste Studie namens Klettern und Stimmung wurde in Erlangen durchgeführt. Dort wurde eine Klettergruppe an Depression erkrankter Menschen wissenschaftlich begleitet. Hier wurde eine relevante Verbesserung der Symptome festgestellt.

Welche besondere Anforderungen müssen Trainer erfüllen, die mit seelisch kranken Menschen arbeiten?
Eine einfühlsame und feinfühlige Persönlichkeit gehört dazu. Das heißt, der Trainer muss aufmerksam und anwesend sein und ein Gefühl dafür haben, wie es dem anderen geht. Und ein Gefühl dafür, wie er selbst auf das Befinden des anderen reagiert und das auch tun. Das hieße zum Beispiel, kann man jemanden ermutigen, noch ein bisschen an der Kletterwand zu bleiben oder lässt man ihn besser runter? Wenn der Trainer so handelt, dann passiert auf menschlicher Basis schon viel Gutes.

Interview: Andrea-Maria Streb

Auch interessant

Kommentare