Wo Täter und Opfer lebten

Zweimal im Jahr bietet das Antifaschistische Aktionsbündnis Langen Stadtführungen der ganz anderen Art: Mit einem Spaziergang will das Bündnis aufklären über die NS-Zeit. Von Stephen Wolf
Von Stephen Wolf
Die Zerstörung der Synagoge in Langen war minutiös geplant. Nicht nur die Feuerwehr war vom Rathaus informiert worden, der Bürgermeister hatte sogar darauf geachtet, dass während der Gewaltorgie am 10. November 1938 keine uniformierten SA-Männer anwesend waren.
Schließlich sollte die Zerstörung des Gotteshauses wie ein Ausdruck des Volkszorns erscheinen und nicht wie das organisierte Pogrom, das die "Reichskristallnacht" in Wirklichkeit war. "Dabei war die Synagoge 1902 noch feierlich mit einem Volksfest eröffnet worden", berichtet Herbert Walter vom Antifaschistischen Aktionsbündnis Langen.
Die Schüler von der Adolf-Reichwein-Schule hören sich den Vortrag an, manche blicken nachdenklich auf die Reste der früheren Synagoge.
Zweimal im Jahr bietet das 1981 gegründete Aktionsbündnis Langen solche "Alternativen Stadtführungen" unter dem Titel "Langen in der Nazizeit" an. Dann erhalten Schüler oder andere Interessierte von Herbert Walter und seinem Mitstreiter Rainer Elsinger historische Informationen zu Häusern und Plätzen, an denen Nazis, Kommunisten und NS-Opfer Geschichte machten.
Neben den Stadtführungen organisiert das Aktionsbündnis zum Gedenken auch die Verlegung von "Stolpersteinen" vor den Häusern der Opfer und erinnert jedes Jahr im November an das Pogrom. Der historischen Aufklärungsarbeit ging Anfang der 1980er Jahre der Widerstand gegen rechtsradikale Tendenzen voraus, wie sich Rainer Elsinger erinnert. "Heute haben wir eine ganz andere Situation", sagt er. Tatsächlich hatte es in den 1980er Jahren ernstzunehmende rechtsextreme Tendenzen in der Stadt gegeben.
Der einflussreiche Neonazi Kühnen lebte in Langen
So lebte der damals einflussreiche Neonazi Michael Kühnen in Langen, gemeinsam mit anderen rechtsradikalen Weggefährten. "Kühnen erklärte damals ja, dass Langen die erste ausländerfreie Stadt in Deutschland werden soll", berichtet Rainer Elsinger. Damals habe man dem Treiben etwas entgegensetzen wollen. Das Bündnis demonstrierte gegen die NPD-Stände in der Stadt und übermalte SS-Runen und Nazi-Parolen auf Parkbänken.
Zur direkten Auseinandersetzung sei es nur einmal gekommen, als nämlich Gewerkschafter des DGB bei einer 1. Mai-Veranstaltung von Michael Kühnen und seinen Leuten beschimpft wurden. "Er und seine Leute wollten den 1. Mai für sich reklamieren, pöbelten und zogen schließlich wieder ab", erinnert sich Elsinger, der 62 Jahre alt ist.
Kühnen starb, die rechtsradikale Szene sei aus Langen verschwunden und es sei ruhiger geworden, sagt der Prüfungstechniker. Das habe indes auch dazu geführt, dass sich immer weniger Leute dem Antifaschistischen Bündnis anschlossen. In diesem Jahr wollen die verbliebenen drei Antifaschisten zum letzten Mal einen Gedenkmarsch zur Synagoge starten. "Wir haben das nun fast 30 Jahre gemacht und wir werden auch nicht jünger", sagt Elsinger. Doch unabhängig davon gehe die Aufklärungsarbeit weiter.