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Natalie Haut prüft Risse in der Nachbargarage, um sie mit Schäden an ihrem Haus zu vergleichen.

Offenbach

Streit um Gebäudeschäden am Kaiserlei

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Kaiserlei-Bewohner klagen über Vibrationen und Risse an Häusern. Sind Großbaustellen schuld oder liegt es am Klimawandel?

Offenbach erlebt einen Bauboom. Das freut die Stadt, sorgt aber bei Anwohnern rund um die Großbaustellen am Kaiserlei für Frust und Verzweiflung. Denn seit dem Umbau des Kaiserleikreisels, der Sanierung der ehemaligen KWU-Hochhäuser zum Stadtquartier „Vitopia“ und den Arbeiten an der AXA-Konzernzentrale sowie am Goethequartier haben sich an 14 Häusern im Wohngebiet zwischen A661 und August-Bebel-Ring in den vergangenen Monaten reihenweise Risse gebildet. Außerdem klagen die Anwohner über „erdbebenähnliche Erschütterungen“ und Vibrationen sowie ein tiefes Brummen, das ihnen nachts den Schlaf raube.

Für die Betroffenen, die die „Interessengemeinschaft Bauschäden Kaiserlei“ gegründet haben, ist die Ursache klar. Sie vermuten, dass eine der vier Baustellen im Umkreis von bis zu 500 Metern für ihre Probleme verantwortlich ist. Die Bauträger schließen das wegen Entfernung aus.

Stadtsprecherin Kerstin Holzheimer ist ebenfalls skeptisch. Sie hält es für wahrscheinlicher, dass der Klimawandel mit dem extrem trockenen Sommer 2018 die Tonböden und Hochflutlehmschichten, wie sie in dem betroffenen Quartier vorkommen, schrumpfen und die Gebäude absacken ließ. Eine Grundwasserabsenkung durch die Baugruben sei „wenig wahrscheinlich“, teilte sie mit.

Beim Kaiserleiumbau, wo wegen der S-Bahn regelmäßig Messungen stattfanden, habe es keine „signifikanten Verschiebungen“ gegeben. Für das nächtliche Brummen hat Holzheimer keine Erklärung. Eine nächtliche Messung im November habe nichts ergeben.

Nach ihren Angaben kommen als Quellen für den sogenannten tieffrequenten Infraschall Kühlschrankkompressoren, Heizungen, Klimaanlagen oder der Bahn- und Schiffsverkehr infrage. Weil sich der Schall kilometerweit ausbreiten könne, sei es aufwendig, die Lärmquelle zu finden. Dennoch hat die Stadt eine Vibrationsmessung angeordnet. Sie fand vom 10. bis 23. April statt. Das Ergebnis soll nächste Woche vorliegen.

Für die betroffenen Hausbesitzer in der Straße Auf der Reiswiese, der Willemer Straße und der Wolframstraße ist die Situation unbefriedigend. Um Schadensersatz geltend zu machen oder einen Ausgleich für die Wertminderung ihrer Immobilien zu erhalten, müssten Gutachter und notfalls auch Gerichte eingeschaltet werden. Die Betroffenen wollen zunächst den Dialog mit den Bauträgern suchen, sie schließen einen Gang vor Gericht aber nicht aus.

Freddy Santersman, Sprecher der Initiative, wohnt in der Straße Auf der Reiswiese. Der Ingenieur sagt, es handle sich nicht um Setz-, sondern um Schwingungsrisse als Folge von Infraschall. Nach seinen Worten taugt der Klimawandel als Erklärung nicht, da es auch früher heiße Sommer gab. „Und da ist den Häusern nichts passiert.“ Er hat 17 Risse an seinem Haus festgestellt, manche zögen sich vom Keller bis unters Dach.

Andere Besitzer der zwischen 1932 und 2003 errichteten Gebäude, hat es schlimmer erwischt. Bei Familie R. ist der Riss am Durchgang zur Terrasse inzwischen so groß, dass sich die Türe nicht mehr schließen ließ. In der Garage lassen sie das Licht durchscheinen. Bei anderen machen sich Risse auch im Haus bemerkbar.

Nach Angaben Santersmans wurden städtische Ämter bereits im Februar 2018 und verstärkt ab Oktober über Lärm und Vibrationen informiert. Bei der Bürgerfragestunde im Januar habe man auf die Risse hingewiesen. Die Stadt hat Fragen der Initiative beantwortet und am 1. April ein Gespräch mit Anwohnern, städtischen Mitarbeitern und der CG-Gruppe initiiert, die das „Vitopia“ baut. Aktuell erarbeitet sie eine Information zu Setzrissen auf ihrer Webseite.

Die Anwohner behaupten, die CG-Gruppe sei vor den Messungen im April informiert worden. „Zufällig“ sei ab 11. April kein Lärm mehr von der Baustelle ausgegangen. Weitere Messungen in zwei Häusern sollen in der zweiten Juniwoche stattfinden. Santersman kritisiert, dass die dort eingesetzten Messgeräte nicht geeignet seien, um Infraschall und deren Quelle zu orten. Die Hausbesitzer fühlten sich hingehalten, sagte er. Dabei laufe ihnen mit Baufortschritt die Zeit davon, um noch einen Verursacher auszumachen.

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