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Hier spielt die Musik: Dirigent Gonzalez und Orchestergründer Ziegler (v. l.) im Capitol.

Capitol in Offenbach

Tradition trifft Glamour

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Im Offenbacher tritt ab Januar das neue "Capitol Symphonie Orchester" auf. Das 50-köpfige Ensemble soll neben der "großen Klassik" die sinfonische Unterhaltungskultur von den Zwanzigern bis heute in den Mittelpunkt stellen.

Die Vorstellung, wie eine Musikerin mit ihrem Instrumentenkoffer durch die Straßen des Offenbacher Nordends eilt, um dort mit dem Sinfonieorchester des Capitols zu proben – das habe doch etwas sehr Großstädtisches, findet Loimi Brautmann. „Das Orchester“, sagt der stadtweit bekannte Agenturgründer, hole „ein Stück weit die große Welt nach Offenbach“. Brautmann spricht vom neu gegründeten „Capitol Symphonie Orchester“, dessen Webauftritt und Plakate seine Agentur gestaltet hat und das ab Januar die klassische Musiklandschaft im Rhein-Main-Gebiet erweitert. Das etwa 50-köpfige Ensemble folgt auf die „Neue Philharmonie Frankfurt“, deren Manager Dirk Eisermann nach vielen Jahren in Offenbach in diesem Jahr mit der Verwaltung der Philharmonie nach Hanau umgezogen ist – nach einer „einvernehmlichen Trennung“, wie es bei der Stadt heißt. Beim Personal der beiden Orchester gibt es Überschneidungen.

In Offenbach geblieben ist Eisermanns bisheriger Geschäftspartner, der künstlerische Orchesterleiter und Offenbacher Kulturamtschef, Ralph Philipp Ziegler. Der 47-Jährige hat den Wegzug der „Neuen Philharmonie“, die sich mit ihren ungewöhnlichen Crossover-Konzerten über die Grenzen der Stadt hinaus einen Namen gemacht hat, zum Anlass genommen, um mit seiner Frau Astrid ein Konzept für ein neues Orchester mit Sitz im Offenbacher Capitol auszutüfteln.

Die Zielsetzung war den beiden schnell klar: Das Orchester soll neben der „großen Klassik“ passend zur glamourösen Architektur des Hauses die sinfonische Unterhaltungskultur von den Zwanzigern bis heute in den Mittelpunkt stellen. So sind etwa opulente Galashows geplant, mit Pop- und Filmmusik garnierte Sinfoniekonzerte und – als weiterer Schwerpunkt – Stummfilmkonzerte. Hier soll es eine Zusammenarbeit mit dem Sender Arte geben. Um die Finanzierung des Orchesters sicherzustellen, plant Ziegler zudem, wie auch bisher musikalische Events für große Unternehmen auszurichten.

Man wolle mit Personen zusammenarbeiten und Musik von Personen aufführen, „die über den Tellerrand hinausschauen“, sagt Ziegler, dem man anmerkt, dass Herzblut in der Sache steckt. Personen wie etwa der Komponist Sven Helbig, der Orchestersätze für die Rockband Rammstein geschrieben hat. Oder Ludger Vollmer, der aus Fatih Akins Kultfilm „Gegen die Wand“ eine Oper formte, die Elemente türkischer Musik aufgreift. Man wolle „nicht im Elfenbeinturm musizieren“, sagt Orchesterleiter Ziegler – sondern nah dran sein an den „Menschen von heute“. Erster Gastdirigent bleibt Steven Lloyd Gonzalez, der zuvor auch bei der „Neuen Philharmonie“ den Takt angegeben hat und schon bei Orchestern in London, Kairo und in Oman am Pult stand. In der dortigen Hauptstadt Muscat wird das neue Capitol-Orchester 2019 auch einen seiner ersten Gastauftritte haben – nach Bad Homburg und Neunkirchen im Saarland.

Es sei ein „Glücksfall für die Stadt“, dass sie durch den Einsatz des Ehepaars Ziegler Standortsitz eines Orchesters bleibe, sagte Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) bei der Vorstellung des Programms. 20 Probentage pro Jahr sind mit dem Capitol vereinbart. Der Stadt erhalten bleibt mit dem Orchester auch die „Capitol Classic Lounge“. Die extravagante Konzertreihe, bei der auch mal ein Küchenquirl als Instrument zum Einsatz kommt, existiert seit 2006 und hat das Renommee des Veranstaltungsorts – einer ehemaligen Synagoge – nach der Pleite des Musicals „Tommy“ in den Neunzigern deutlich angehoben. Auch mit Blick auf den finanziellen Erfolg ist die Reihe ein Aushängeschild: Mehr als die Hälfte der 860 Plätze im großen Saal des Capitols, dessen Wände Oscar-ähnliche Figuren zieren, sind bei Lounge-Konzerten von Abonnentinnen und Abonnenten belegt.

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