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Bislang kein Ort zum Verweilen: der Hugenottenplatz mitten in Offenbach.

Offenbach

Planer wollen City neu denken

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Erste Ideen und der Zeitplan für das Innenstadtkonzept sind vorgestellt worden. Mehr Wohnen und kleine Produktionsstätten könnten künftig im Zentrum ihren Platz finden.

So wie Wilma Schindler reagieren in Offenbach viele, wenn man sie auf den Zustand der Innenstadt anspricht: Erst einmal durchatmen – weil es bei dem Thema einen langen Atem braucht. Schindler führt seit 36 Jahren das Modegeschäft „Jeans Express“ in der Großen Marktstraße. Sie hat miterlebt, wie rundherum ein Fachgeschäft nach dem anderen zugemacht hat und stattdessen Ein-Euro-Läden und Schnellrestaurants eröffneten. Selbst im nicht einmal zehn Jahren alten Komm-Einkaufszentrum stehen Läden leer. „Es ist traurig hier“, sagt Schindler: „Manchmal deprimiert es mich.“

Die Erosion des Industriesstandorts und der wachsende Internethandel haben Offenbachs Innenstadt hart zugesetzt und fast ohne Alleinstellungsmerkmal zurückgelassen. Und die Lage verschärft sich: Zwischen 2015 und 2017 kam es zu einem „Einbruch der Passantenfrequenzen in der gesamten Fußgängerzone“, steht es in einem Dokument der Stadt. Grund sei unter anderem der Wegzug von „Magnetbetrieben“ wie Saturn. Der Handlungsdruck auf die Lokalpolitik ist groß – vor allem, seit im Sommer der lange geplante und als Rettung der City gepriesene Marktplatz-Umbau an den hohen Kosten scheiterte.

Jetzt liegen die Hoffnungen auf dem Planungsbüro „urbanista“: Die Hamburger sollen bis Mitte 2019 im Auftrag der Stadt und des IHK-nahen Vereins „Offenbach offensiv“ ein „Zukunftskonzept“ für die Innenstadt entwickeln. Dieses soll konkrete Maßnahmen beinhalten, aber auch visionäre Impulse geben, erklärte urbanista-Mitbegründer Julian Petrin am Mittwoch bei einer ersten Ideen-Vorstellung im Rathaus. Zwar hat sein Büro erst vor einem Monat mit der Arbeit begonnen, doch stehen für Petrin einige Dinge schon fest: Die Innenstadt müsse sich grundätzlich etwas von der Fixierung auf den Einzelhandel lösen, müsse „Mischformen von Wohnen und Arbeiten“ integrieren können und Stätten der „urbanen Produktion“ – etwa im Bereich 3D-Druck. Wenn man Offenbachs Kreativität hervorkehre, so der Tenor, bestehe die Möglichkeit, ein neues Alleinstellungsmerkmal für das Stadtzentrum zu schaffen. „Wir müssen die Innenstadt teilweise neu denken“, sagte Petrin. Und: „Es überlebt nur der, der sich verändert.“

Große Worte sind das, doch „urbanista“ hat Erfahrung mit der Ideensammlungen für gebeutelte Innenstädte. So entwickelte das Büro einen Plan für die Bochumer City. Die Stadt will dort nun einen Altbau kaufen und darin eine Bibliothek, die Volkshochschule und eine Markthalle unterbringen. Offenbach hat für die Planungen bislang 100 000 Euro bereitgestellt – ebenso viel kommt von „Offenbach offensiv“. Diese Beträge machen schon deutlich, dass man bei der Umsetzung der von „urbanista“ entwickelten Ideen stark auf private Akteure angewiesen sein wird. Petrin hat jene „jungen Entrepreneure“ im Blick, die in den letzten Jahren dafür gesorgt haben, dass sich in Vierteln wie dem Nordend kreative Geschäfte angesiedelt haben. „Diese Energie müssen wir in die Innenstadt bringen“, findet Petrin.

Zunächst wählen Stadt und Verein nun eine Gruppe von etwa 20 Akteuren aus verschiedenen Bereichen der Stadtgesellschaft aus, die in vier Workshops lokale Expertise in den Planungsprozess einspeisen sollen – zudem werde es „mindestens“ zwei Bürgerveranstaltungen geben, verspricht Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) – eine im Januar und eine im April.

Wilma Schindler wäre schon froh, wenn die Stadt beim Thema Ordnung stringenter vorginge – sie ärgert sich über zu viele Autos in der Fußgängerzone, über Mülltonnen, die nicht funktionieren und über Pinkler, die selbst den Bambus nicht verschonten, der einmal vor ihrem Geschäft stand. Sie investiert trotzdem: Im neuen Jahr, bevor die Frühjahrskollektion eintrifft, will Schindler ihren Jeans-Laden renovieren.

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