Bekannt in der Stadt: Abdelkader Rafoud.
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Bekannt in der Stadt: Abdelkader Rafoud.

Offenbach Migranten

„Keiner will zurück“

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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50 Jahre Anwerbeabkommen mit Marokko: Abdelkader Rafoud erinnert sich an seine Ankunft in Offenbach.

Nur Holzstiegen und kein Teppich! – Abdelkader Rafoud erinnert sich noch gut an sein Entsetzen am Tag der Ankunft in Offenbach. Aus den Weiten der marokkanischen Provinz hatte sein Vater Ahmed seine Frau und die sieben Kinder 1972 hierher geholt. Sie wechselten von einem großen Haus mit 1000 Hektar Land im Kreis Rif in eine enge Dachgeschosswohnung in der Geleitsstraße, die über schäbige Holztreppen zu erreichen war. Das sollte das viel gepriesene Paradies Deutschland sein? Abdelkader war 14 Jahre alt.

Sieben Kinder, 28 Enkel

Sein Vater sei zunächst schwarz über die grünen Grenzen Europas ins Ruhrgebiet gekommen und habe sich in diversen Jobs verdingt, erzählt Abdelkader Rafoud. Erst das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und dem Königreich Marokko 1963 habe es dem Vater ermöglicht, legal einzureisen und sich eine Zukunft aufzubauen. Der Sohn ist seit 1987 städtischer Migrationsberater, was ihn so bekannt macht, dass er bei seinem Gang durch die Stadt ständig auf deutsch und arabisch grüßen muss.

Heute kann Vater Ahmed Rafoud, inzwischen 78 Jahre alt und noch immer in Offenbach wohnend, auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken. Von 1965 bis zur Rente in den 90er Jahren arbeitete er als Müllwerker. Sieben Kinder, 28 Enkel und elf Urenkel gehören zu seiner Familie. Insgesamt verhalf er 160 Verwandten zu einem Leben in Offenbach. Die meisten von ihnen haben es weit gebracht, etliche Akademiker sind darunter. „Von denen denkt keiner mehr daran, zurückzugehen“, sagt Abdelkader Rafoud.

Laut Amt für Statistik lebten im letzten Dezember 1232 Marokkaner in Offenbach. Rafoud schätzt, dass es außerdem noch rund 900 Menschen mit marokkanischen Wurzeln gibt, die die deutsche Staatsbürgerschaft inzwischen angenommen haben. Rund 90 Prozent von ihnen stammen aus Rif, aber auch aus Nador oder Zaio.

Laut der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, die 2009 von der Deutschen Islam-Konferenz in Auftrag gegeben wurde, leben heute rund 180.000 Menschen aus Marokko in Deutschland, die meisten in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland hat daher auch seinen Sitz in Offenbach.

Eine Feier anlässlich des 50. Jahrestags des Abkommens neben den großen Feierlichkeiten in Berlin und Düsseldorf in Offenbach ist daher selbstverständlich. Der Zentralrat der Marokkaner und Abdelkader Rafoud als Vorsitzender des Ausländerbeirats organisieren für den heutigen Freitag ein Jubiläumsfest in Rumpenheim, auf dem der marokkanische Generalkonsul Abdeleslam Arifi ebenso sprechen wird wie Stadtrat Felix Schwenke (SPD) und Khaled Hajji, der Präsident des Europäischen Rats der marokkanischen Theologen.

Abdelkader Rafoud hält einen Rückblick auf die 50 Jahre. „Wir haben gute Erfahrungen in Offenbach gemacht“, so ist seine persönliche Bilanz. Die Menschen seien gut aufgenommen und Offenbach zur Heimat geworden.

Die meisten Marokkaner haben ihre Familien erst in den 80er Jahren im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland geholt. „Erst dann sind die Marokkaner öffentlich wahrgenommen worden“, berichtet Rafoud. Denn die Kinder hätten mit einem wahren Kulturschock zu kämpfen gehabt. Die Väter, die als Angehörige der ersten Einwanderergeneration oft noch kein Deutsch sprach, seien mit Behördengängen und Schulentscheidungen überfordert gewesen. „Inzwischen ist die dritte Generation ganz deutsch“, sagt Rafoud. Deutsch werde oft besser gesprochen als arabisch oder die Sprache der Berber.

Süßigkeiten als Trost

Der 14-jährige Abdelkader Rafoud brauchte zunächst 14 Tage, um der neuen Umgebung etwas abzugewinnen. „Mein Vater nahm mich in einen Supermarkt mit und kaufte mir Süßigkeiten, die es in Rif nicht gab, um mich zu trösten“, entsinnt er sich. Auch danach sei es schwer gewesen, mit der Vielfalt an Lebensstilen umzugehen. „Ich kam aus einer rein islamischen in eine hochmoderne Gesellschaft“, sagt er. Das schlechte Gefühl hat Rafoud schon lange abgelegt. Er grüßt schon wieder, fröhlich lachend.

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