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Keine sichere Strecke für Radler: Astrid Ost in der Darmstädter Straße.

Verkehr in Hessen

Graswurzel-Protest für sichere Radwege

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Astrid Ost, die ehemalige Offenbacher Stadtverordnete, gibt ihren Führerschein ab und fordert eine bessere Fahrradinfrastruktur.

Wie so viele andere Fahrradfahrerinnen und -fahrer hat auch Astrid Ost die gerade beendete Ausstellung „Fahr Rad!“ im Deutschen Architekturmuseum mit einer Mischung aus Euphorie und Ernüchterung verlassen. Euphorie, weil dort aufgezeigt wurde, mit welch kreativen Methoden und Bauwerken manche Städte die Leute dazu bringen, vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen. Ernüchterung, weil schon auf dem Heimweg nach Offenbach klar wurde, wie weit die im Museum präsentierten Konzepte (noch) von der Realität im Rhein-Main-Gebiet und in Offenbach entfernt sind.

Jetzt gibt Astrid Ost aus Protest demonstrativ ihren Auto-Führerschein ab. Die 68-Jährige besitzt ihn seit genau fünfzig Jahren, ist früher täglich in der Stadt Auto gefahren, tut es seit den Achtzigern aber kaum noch. Nächste Woche gibt sie nun ihren „grauen Lappen“ bei der Stadt ab. Die ehemalige Lehrerin, die in den Achtzigern für die SPD im Offenbacher Stadtparlament saß, die Partei aber schon lange wieder verlassen hat, will mit der Aktion ein öffentlichkeitswirksames Zeichen setzen. 

„Vielleicht“, so hofft Astrid Ost, „gibt es ja Leute, die nachdenken, wenn sie das hören“, sagt sie mit Blick auf ihre Führerscheinaktion. Diese ist auch ein Appell an die Stadt, die Osts Meinung nach viel zu wenig für den Radverkehr tue, obwohl sich das flache und kompakte Stadtgebiet perfekt dafür eigne: „Ich finde das Radfahren in Offenbach in vielen Fällen gefährlich“, sagt Ost. Etwa in der Darmstädter Straße vor dem Hauptpostamt, wo der Straßenbelag ausgerechnet unter dem Radstreifen heftig bröckelt. Oder in der vor einigen Jahren überholten Kaiserstraße vor dem Hauptbahnhof, wo sich Radler ohne Radstreifen zwischen fahrenden und parkenden Autos durchquetschen müssen. „Mit dem Fahrrad dort zu fahren ist russisches Roulette“, sagt Ost. Ähnlich sieht es in der benachbarten Bismarckstraße aus, wo letztes Jahr ein zehnjähriger Junge auf dem Rad von einem Bus angefahren wurde. Astrid Ost fährt deshalb nur mit Helm durch Offenbach und mit einem auf einer langen Stange montierten roten Fähnchen – so, wie es eigentlich Kinder tun. Der Sicherheit zuliebe.

Das gängige Argument, dass die Stadt nun einmal wenig Geld zur Verfügung habe, lässt Ost nicht gelten: Das sei eben eine Frage der Prioritätensetzung. In der Tat wird auch in Offenbach die Fahrradinfrastruktur ausgebaut – wenn Fördermittel verfügbar sind: Etwa am Mainufer, wo östlich der Carl-Ulrich-Brücke dieses Jahr eine richtige Fahrrad-Allee entstanden ist. Oder bei dem gerade begonnenen Aufbau eines umfassenden Fahrradstraßennetzes. Hier nimmt die Stadt auch selbst gutes Geld in die Hand: Fast 1,5 Millionen Euro investiert Offenbach in das Projekt, weitere 4,5 Millionen kommen als Fördermittel vom Bund.

Nur kleine Fahrradlobby

Astrid Ost wohnt im innenstadtnahen Senefelderquartier und somit ganz nah an der ersten der neuen Fahrradstraßen: Bis Ende des Monats werden dort dicke rote Markierungsschichten aufgebracht und Schilder aufgestellt, die den Radlern Vorrang einräumen. Ost kritisiert zwar, dass Fahrradstraßen nicht so sicher sind wie eigene Radwege – sie will das Projekt aber auch nicht vorab „verdammen“.

Was ihr in Offenbach fehlt, ist eine starke Fahrradlobby. Um die Verbände ADFC und VCD ist es eher ruhig und die vor einigen Jahren ins Leben gerufenen Rundfahrten der monatlichen „Critical Mass“ fallen überschaubar aus. Ein kleiner Lichtblick sei da das neu eröffnete Fahrrad-Café „My Piecycle“ mit angeschlossener Werkstatt in der Karlstraße. Und dann gibt es da noch die meist jungen Aktivistinnen und Aktivisten der Initiative „Stadtbiotop“, die zum Beispiel Wurzelschäden auf Radwegen bunt anmalen. Mit Erfolg: Auf dem Mainradweg bei Bürgel wurden die Schäden kurz nach einer solchen Aktion ausgebessert. Große Initiativen wie in Frankfurt oder Darmstadt gibt es in Offenbach bislang aber nicht. Astrid Ost würde eine solche unterstützen: „Damit die Stadt merkt, dass die Leute Fahrrad fahren wollen.“

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