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Offenbach

„Sie schwammen recht einheitlich mit“

Historiker Hansert spricht über die Verwicklung der Offenbacher Hochschule für Gestaltung in die Bücherverbrennung der Nazis im Mai 1933

Von Claudia Isabel Rittel

Der Historiker Andreas Hansert erforscht seit 2014 die Verstrickung der Offenbacher Kulturinstitutionen mit dem Nazi-Regime. Kürzlich hat er neue Erkenntnisse zur Hochschule für Gestaltung (HfG) vorgestellt.

Herr Hansert, inwieweit waren die Technischen Lehranstalten als Vorgängerin der HfG für die Bücherverbrennung am 22. Mai 1933 verantwortlich?

Nur marginal. Initiator der Bücherverbrennung war der Kampfbund für deutsche Kultur, dessen Vorsitzender der Pfarrer Josef Maria Weeber von der Altkatholischen Gemeinde war. Er hat sehr stark nazistische Gedanken verfolgt und bekam dadurch sogar Schwierigkeiten mit der Gemeinde und dem Bischof. Weeber hatte versucht, mit dem Gründer und Leiter der Schule, Hugo Eberhard, in Verbindung zu kommen. Aber die beiden konnten nicht miteinander. Eberhard hat deshalb wohl auch keine tragende Rolle bei der Bücherverbrennung gespielt. Darüber, dass die Verbrennung aber auf dem Schlossplatz vor der Lehranstalt stattgefunden hat, war die Schule indirekt involviert.

Was heißt das: Sie konnten nicht miteinander?

Pfarrer Weeber dachte, alle müssten nach seiner Pfeife tanzen. Eberhard aber war selbst sehr autoritätsbewusst und obrigkeitsstaatlich orientiert. Für ihn war klar: Ich bin der Direktor. Eberhard hat Weeber deshalb eine Abfuhr erteilt. Er hat allerdings als Direktor auf seine Weise dafür gesorgt, die Schüler auf Linie zu bringen.

Inwiefern?

Eberhard richtete Lehrer und Schülerschaft konsequent auf den neuen Staat aus. Von 1934/1935 an hat er ihnen samstags freigegeben, damit sie stattdessen Wehrsportunterricht nehmen konnten. Sie bekamen also auch eine Ausbildung an der Waffe. Im Grunde wurden die Schüler da paramilitärisch geschult. Teilgenommen haben daran zwischen 120 und 150 Schüler. Wenn man bedenkt, dass die Technischen Lehranstalten damals 260 Schüler hatten – und darunter auch einige Frauen –, dann muss das ein Großteil der männlichen Schülerschaft gewesen sein.

Wie war die Rolle der Schüler bei der Bücherverbrennung?

Das ist nicht genau überliefert. Wir müssen aber davon ausgehen, dass ein Großteil der Schüler sehr eifrig daran teilgenommen hat. Bilder zeigen, dass das Schloss dekoriert war und Bühnen aufgebaut waren. Dafür braucht man schon Leute.

Und wie haben sich die Lehrer gegenüber den Nationalsozialisten positioniert?

Insgesamt schwammen sie recht einheitlich mit. Viele wurden Mitglied der Partei und hatten eine große Bereitschaft, da mitzumachen, vor allem als Mitläufer, weniger als Eiferer. Stärker im Sinne der Nazis ideologisch geäußert hat sich Professor Hans Kühne. Er wurde später Nachfolger des Schriftkünstlers und Lehrers Rudolf Koch, der 1934 mit 57 Jahren verstarb. Schuldirektor Eberhard selbst trat erst 1940 der NSDAP bei. Von Distanzierung ist bei den Lehrern und Schülern der Technischen Lehranstalten nach bisheriger Erkenntnis nichts zu sehen.

Wer war denn dieser Pfarrer Weeber?

Weeber war mal katholischer Priester. Er kam aber mit dem Zölibat nicht zurecht. Vor dem Ersten Weltkrieg war er in einer Priesterhaftanstalt. Danach wechselte er zunächst zu den Protestanten. Später dann wurde er Mitglied der altkatholischen Kirche. Nach Offenbach kam er 1922. Von 1930 an hat er sich immer wieder stark nazistisch geäußert. Versuche des Bischofs, ihn zu disziplinieren, scheiterten. Weeber wurde vielmehr Vorsitzender des Kampfbunds für deutsche Kultur in Offenbach.

... der die Bücherverbrennung initiierte.

Ja. Der Kampfbund, der ja seit 1928 überall in Deutschland tätig war, um die Kultur mit nationalsozialistischem Gedankengut zu infiltrieren, war in Offenbach Träger der Verbrennungen. Unterstützung kam aber auch von einer Reihe von Offenbacher Firmen, unter anderem von der Firma Klingspor.

Wie wurde denn der Schloßplatz vor der HfG zum Schauplatz der Bücherverbrennung?

Wahrscheinlich hat die Stadt Offenbach dafür eine Genehmigung erteilt.

Wissen Sie etwas über jüdische Lehrer oder Schüler an der technischen Lehranstalt?

Es gibt das Schicksal von Ernst Wild. Er war einer von 37 Beschäftigten an den Technischen Lehranstalten und Katholik mit jüdischen Vorfahren. Damit musste er nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in Deutschland, das im April 1933 verabschiedet wurde, um Juden aus dem Staatsdienst zu entfernen, entlassen werden. Obwohl der Ingenieur zu dem Zeitpunkt schon länger als zehn Jahre an der Schule unterrichtete, wusste bis dato niemand, dass er im Sinne der Nazis Jude war. Wohl nicht mal sein Sohn, der sich zu einem früheren Zeitpunkt antisemitisch geäußert hatte. Wild selbst ging dann zu Direktor Eberhard. Dem blieb nichts anderes übrig, als Wild zu entlassen, der damals Ende 40 war.

Und was wurde dann aus Wild?

Er ging von Offenbach weg, zunächst nach Wiesbaden, später nach Hannover. Von dort aus wurde er am 31. März 1942 nach Warschau deportiert und kam später in einem der Vernichtungslager im Osten ums Leben. Sein Schicksal als Jude begann aber 1933 hier in Offenbach.

Interview: Claudia Isabel Rittel

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