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Mittlerweile Teil städtischer Identität: der Stadtforscher an der Skulptur  Offenbach Hills.
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Mittlerweile Teil städtischer Identität: der Stadtforscher an der Skulptur Offenbach Hills.

Offenbach

Schluss mit Stereotypen

  • Fabian Scheuermann
    VonFabian Scheuermann
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Kai Vöckler, Professor an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, hat das Buch "Offenbach ist anders" geschrieben. Erkämpft gegen Negativ-Klischees.

Manchmal, wenn Kai Vöckler bei Vorträgen über Offenbach mal wieder mit den klassischen Negativ-Klischees einer besonders gefährlichen Stadt konfrontiert wird, hilft nur noch ein einziges Argument: „Ich lebe da, mittendrin, was wollt ihr mir eigentlich erzählen.“ Unter seinen Argumenten – und davon hat der Stadtforscher viele – ist dieser Ausspruch sozusagen die letzte Instanz: Das Persönliche, das zieht eben auch dann, wenn ein wissenschaftlicher Diskurs niemanden mehr erreicht.

Vöckler ist seit 2010 Stiftungsprofessor an der Hochschule für Gestaltung (HfG) – eine seiner Aufgaben in dieser von Stadt und Hochschule gemeinsam getragenen Position ist es, ebendiese beiden Akteure besser zu vernetzen. Vöckler hat zudem diverse Projekte wie den Aufbau der Plattform www.oflovesu.com oder die Positionierung Offenbachs als „Arrival City“ – inklusive Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum – mit angestoßen oder beraten.

Nun hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel „Offenbach ist anders“. Eigentlich sollte es ein längerer Essay werden, aber der 56-Jährige wollte mehr sagen zum Thema, wollte tiefer graben. „Auch aus Sicht des Bürgers und nicht nur des Hochschullehrers“, sagt er. Es ist ein Buch geworden über das, was die kleine Großstadt Offenbach in seinen Augen eigentlich aus- und besonders macht und darüber, wo in der Stadt das Migrantische und das Kreative – zwei Attribute, die ja viele mit Offenbach verbinden – eigentlich aufeinander treffen.

Und es ist ein Buch geworden, das mit einigen gängigen und anscheinend nicht totzukriegenden Stereotypen aufräumt. So gibt es zum Beispiel nicht wenige Menschen, die von „Gettos“ reden, wenn sie Innenstadtquartiere in Offenbach meinen. Wenn Vöckler das hört, schüttelt er den Kopf und sagt bestimmt: „Es gibt keine Gettos in Deutschland.“

Warum er das so sieht, beschreibt er in seinem Buch. Da ist zum Beispiel die Homogenität der Bevölkerung, die ein sogenanntes Getto, etwa in den USA, auszeichne. In Offenbach gebe es das nicht, im Gegenteil: „Hier ist die ethnisch-kulturelle Heterogenität sehr ausgeprägt“, sagt Vöckler. Man schaue sich zum Beispiel das Nordend an, wo der Ex-Berlin-Kreuzberger mit seiner Frau und drei Kindern seit einigen Jahren wohnt. 2016 lebten hier unter anderem 750 Griechen, 608 Türken und 560 Rumänen – und 5256 Deutsche. Probleme, die es in Offenbach gebe, seien meist sozialer Art, und nicht ethnischer.

Was Offenbach mit ausmacht, ist, dass hier überdurchschnittlich viele Menschen mit ausländischem Pass und Migrationsgeschichte leben. Im Nordend etwa hatten letztes Jahr 49,5 Prozent der Bewohner keinen deutschen Pass, 73,3 Prozent Migrationsgeschichte. Vöcklers These ist, dass sich Offenbach in besonderem Maße zu einem „Auffangbecken“ für Zuwanderer entwickelt hat. Als Gründe nennt er eine Mischung aus nicht allzu teuren Mieten, bestehenden Netzwerken und guter verkehrlicher Anbindung.

Das Problem: Viele, die den sozialen Aufstieg schaffen, blieben nicht in Offenbach, sondern zögen in andere Kommunen des Rhein-Main-Gebiets. „Die Städte machen die Integrationsarbeit, und die Gewinne fahren die Umlandgemeinden ein“, sagt Vöckler. Diese Fluktuation war auch einer der Gründe, warum etwa der Kandidat der Grünen bei der Oberbürgermeisterwahl, Peter Schneider, mit dem Slogan „Stadt zum Bleiben“ warb. Offenbach habe in der Metropolregion die Funktion, neue Zuwanderer zu integrieren, erklärt Vöckler. Das müsse gewertschätzt werden, zumal die Stadt in seinen Augen unter schwierigen finanziellen Bedingungen hier eine gute Arbeit mache.

Kreativstadt Offenbach

Ein Großteil des Buchs dreht sich schließlich um die Kreativstadt Offenbach und darüber, wo das Migrantische und das Kreative eigentlich miteinander verschmelzen. Beispiele findet Vöckler etwa beim Rap und in der Produktion von Musikvideos. Und – wieder einmal – im Nordend: Hier treffe alles aufeinander.

Aber Berührungspunkte? Richtiges Miteinander? Das gebe es auch in Offenbach nicht allzu ausgeprägt, sagt Vöckler: „Man lebt nebeneinander her.“ Eine „tolerante, kosmopolitische Haltung“ beziehe sich meist auf die Angehörigen der gleichen sozialen Schicht. Einer der wenigen Orte, wo die verschiedensten Menschen aufeinanderträfen, sei der Hafengarten. Dieser sollte in den Augen des Professors deshalb auch „unbedingt erhalten bleiben“. Bislang ist ein Verbleib bis 2021 geplant.

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