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Der Angeklagte Sven Jürgen R. betritt den Gerichtssaal im Landgericht Darmstadt.

Offenbach

Angeklagter bestreitet Prügel-Attacke

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Ein Mann wird auf einem Fest in Offenbach so brutal traktiert, dass er seitdem teilweise gelähmt ist. Beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Darmstadt bestreitet der mutmaßlicher Angreifer die Vorwürfe.

Unter großem Medieninteresse hat am Mittwoch am Landgericht Darmstadt der Prozess gegen den 30-jährigen Sven Jürgen R. begonnen, der im August 2012 den Offenbacher Mark Herbert beim Aussichtsturmfest im Stadtteil Bieber brutal zusammengeschlagen und auf den bereits schwerstverletzt am Boden Liegenden auch noch eingetreten haben soll. Drei Halswirbel brachen. Der Mann ist seitdem querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Der mutmaßliche Täter wurde erst drei Jahre später nach Ausstrahlung der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ festgenommen. Seit September 2015 sitzt er in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm ursprünglich versuchten Totschlag vorgeworfen. Nun lautet die Anklage auf schwere Körperverletzung.

Der Angeklagte hat die Vorwürfe beim gestrigen Prozessauftakt bestritten. Nach seiner Darstellung hat nicht er, wie die Staatsanwaltschaft behauptet, den Körper und den Kopf des Opfers mehrmals mit großer Wucht gegen die Mauer des Aussichtsturms geschlagen. Vielmehr soll der damals 23-jährige Herbert, dem er unterstellte, „auf Drogen gewesen zu sein“, ihn angegriffen und seine Schulter mit großer Wucht in den Bauch gerammt haben. Dabei sei er mit Rücken und Kopf gegen die Mauer gedrückt worden, zusammengesackt und etwa 20 Sekunden benommen liegengeblieben. Anschließend sei er „in Riesenpanik“ weggerannt, sagt der Angeklagte. Ihm drohen bei einer Verurteilung mehrere Jahre Haft. Bis Ende Juni sind sieben Verhandlungstage vorgesehen. Am Freitag, 24. Juni, um 9 Uhr wird Herbert aussagen.

Zum Prozessauftakt fährt Mark Herbert in seinem Rollstuhl in den Gerichtssaal. Mit Kinn und Lippen steuert der schlanke Mann mit den Tattoos an Arm und Hals das Gerät. Konzentriert verfolgt er die Verhandlung und schüttelt nur manchmal bei den Aussagen des wenige Meter vor ihm sitzenden Angeklagten den Kopf. Sein Anwalt Jörg Dietrich wird später sagen, sein Mandant sei sehr betroffen darüber, wie R. versucht habe, sich herauszureden. „Die Tat wird jetzt als Notwehr dargestellt in der Hoffnung, dass es dann zu einem Freispruch kommt“, sagt er.

"Uns geht es um Gerechtigkeit"

Der Nebenklagevertreter hofft, dass es zu einer Verurteilung wegen versuchten Totschlags kommt. „Uns geht es nicht darum, dass er lebenslang eingesperrt wird. Uns geht es um Gerechtigkeit. Denn er hat versucht, jemanden zu töten.“ Gegen den Angeklagten spricht nach seinen Worten dessen „Historie. Halb Offenbach hat Angst vor ihm“, sagt der Anwalt in Anspielung auf Presseveröffentlichungen, wonach Sven Jürgen R. ein polizeibekannter Schläger, Amateur-Boxer und Mitglied der Rocker-Gang „Osmanen“ gewesen sei.

Dietrich nennt die Aussagen R.’s „völligen Humbug“. Das würden auch die medizinischen Gutachten zu den Verletzungen seines Mandanten zeigen. Nach seinen Worten kann dieser inzwischen „dank seines Ehrgeizes“ die Arme teils wieder bewegen und alleine atmen. Anwalt Armin Golzem wirft den Medien vor, seinen Mandanten vorverurteilt zu haben. Er spricht von einem „schrecklichen Unfall“ und kündigt Beweise an, die Zweifel an der bisherigen Darstellung des Tatgeschehens erlauben würden.

Der Angeklagte bemühte sich vor Gericht darum, das Bild eines Mannes zu vermitteln, dem die Familie viel bedeutet, der seine Verlobte und die beiden gemeinsamen Kinder liebt. Nach seinen Angaben hatte ein angetrunkener Mann, den er nicht kannte, Kinder auf dem Turm angepöbelt und auch ihn angerempelt. „Ich war nicht auf Konfrontation aus“, behauptet er. Im Gegenteil. Er habe die Situation beruhigen wollen. Doch Mark Herbert sei auf ihn losgegangen. R. liest seine Aussage von einem Blatt Papier ab. Dadurch wirkt er nicht authentisch.

Der Angeklagte hat nach dem Hauptschulabschluss eine Ausbildung zum Werkzeugmeister begonnen, diese aber abgebrochen. 2006 eröffnete er eine Cocktailbar in Offenbach. Damals habe er angefangen, täglich Kokain zu konsumieren. „Das gab mir Selbstbewusstsein“, sagt er. Später arbeitete er als Kraftfahrer. Seit der verhängnisvollen Auseinandersetzung im August 2012 habe er Schlafstörungen und Alpträume. „Ich habe Fehler gemacht, die ich bereue und für die ich mich schäme. Ich bin aber kein schlechter Mensch“, sagt er. Dabei bleibt unklar, ob er sich bei seiner Familie oder dem Mann im Rollstuhl entschuldigen möchte.

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