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Hausmeister Heinz Wirtz.
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Hausmeister Heinz Wirtz.

Offenbach

„Im Rathaus wohnt man ohne Nachbarn“

  • Sigrid Aldehoff
    VonSigrid Aldehoff
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Heinz Wirtz ist 56 Jahre alt, arbeitet seit 1. Juni 2004 als einer von vier Hausmeistern im Offenbacher Rathaus und ist der einzige, der dort in einer Dienstwohnung auch lebt.

Am Wochenende lebt er mitten in der City allein in einem Gebäude mit 19 Stockwerken und hat in seiner Hausmeister-Wohnung das gesamte Rathaus für sich. Offenbacher begegnen Heinz Wirtz, wenn er den Pförtner vertritt. Wir sprachen mit ihm über die Vor- und Nachteile seines einzigartigen Wohnortes, seine Aufgaben und wie es sich in einem Gebäude lebt, das seit 11 Jahren auch nachts saniert wird.

Wo ist am Wochenende der nächste Nachbar, bei dem Sie sich Filtertüten oder Zucker borgen könnten?
Ich habe keine Nachbarn, die nächste Möglichkeit, mir eine Filtertüte zu holen, ist der Tegut.

Sind Sie da nicht manchmal einsam in einem Gebäude mit 15 leeren Stockwerken?
Am Anfang war das sehr ungewohnt. Vorher habe ich in der Nähe der AOK in einem Haus mit acht Parteien gewohnt, da gab es schon nachbarschaftliche Kontakte, aber das entfällt hier.

Stört Sie das?
Es hat Vor- und Nachteile, im Rathaus zu wohnen. Die fehlenden Nachbarn sind ein Nachteil, aber ich habe morgens keinen Weg zur Arbeit, stehe nicht im Stau, mir fährt keine S-Bahn vor der Nase weg und ich muss an keiner Haltestelle frieren. Und meine großen Hobbys sind Filme und Musik, die ich auf fünf 100-Watt-Boxen höre. Nach Feierabend und am Wochenende kann ich lärmen, was das Zeug hält.

Hat sich noch nie ein Passant beschwert?
Nein, aber montags hat mal jemand beim Pförtner gefragt, was das denn für ein klassisches Konzert am Wochenende im Rathaus war. Da hatte ich mir ein Orchester-Album von dem früheren Deep Purple-Organisten Jon Lord angehört.

Im Rathaus selbst hört Sie niemand?
Bevor sie wegen der Sanierung jetzt vorübergehend umgezogen ist, war die Telefonzentrale direkt hinter meiner Wand und über mir hat Bürgermeister Peter Schneider eigentlich sein Büro, aber der ist jetzt auch während der Sanierung in den 14. Stock gezogen. Bisher hat noch keiner was gesagt.

Was haben Sie denn vor Ihrer Zeit im Rathaus gemacht?
Früher habe ich Roboter programmiert und Anlagentechnik gemacht. Ich habe in Offenbach bei Rowenta, bei Ymos in Obertshausen und dann wieder in Offenbach bei Löbro gearbeitet.

Das hört sich an, als hätten Sie beruflich den Niedergang der hiesigen Industriekultur durchlebt.
Ich bin nie entlassen worden, sondern immer für einen besseren Job gegangen. Der Niedergang der Firmen kam immer erst, nachdem ich weg war. Aber ich habe noch zu einigen Exkollegen Kontakt und bei einem Freund erlebt, dass er in wenigen Jahren durch mehrere Firmen in jeweils schlechtere Arbeitsverhältnisse durchgereicht wurde. Das berührt einen dann schon.

Wie sind Sie ins Rathaus gekommen?
Meine Tochter hatte mir damals die Stellenanzeige gebracht. Diese Anzeige habe ich übrigens heute noch bei mir im Schrank liegen. Hinterher habe ich erfahren, dass es 72 Bewerber gegeben hatte. Dabei kam ich ja aus einem ganz anderen Beruf. Ein Kollege hat mich damals sehr gut eingearbeitet.

Wussten Sie denn, dass Sie die nächsten Jahre vom Baulärm der Sanierung begleitet werden?
Nein, aber ich habe mich auch nicht geärgert. Das war halt so.

Wann war der Lärm denn besonders schlimm?
Während des ersten Bauabschnitts im 1. bis 3. Stock waren die Arbeiten halt sehr dicht an mir dran. Die Kernbohrungen, bei denen dicke Löcher durch den Beton gebohrt werden, wurden nachts und nach Feierabend gemacht, damit tagsüber die Mitarbeiter im Rathaus nicht gestört werden. Wir haben da ein neues Notstromaggregat bekommen und für die Kabelverlegung waren viele Durchbrüche notwendig.

Der Rathausturm ist jetzt fertig saniert, derzeit laufen die Arbeiten im dreistöckigen Breitfuß. Welcher Gebäudeteil war denn für das Hausmeisterteam stressiger?
Da ist kein Unterschied. Ich bekomme jetzt wieder mehr Lärm mit, weil näher an meiner Wohnung gearbeitet wird, aber das ist kein Stress. Die Mitarbeiter haben immer viel weggeschmissen, wenn sie ihre Büros während der Bauarbeiten räumen mussten. Da ist immer viel Material dabei, das unter den Datenschutz fällt und diese Unterlagen werden von uns geschreddert. Auch den Umzug der Poststelle in die Räume, in denen das Bürgerbüro vor dem Umzug in den Bernardbau untergebracht war, haben wir gemacht.

Was haben Sie denn gerade bei der Sanierung des Breitfußes zu tun?
Die aktuellen Arbeiten machen Fremdfirmen. Vor allem wenn es warm ist, muss ich jetzt aber abends immer einen Rundgang ums Rathaus machen, weil die Bauarbeiter dann bei offenem Fenster arbeiten und nicht immer dran denken, sie vor dem Weggehen wieder zu schließen.

Hier im Gang im 12. Stock bei den Sitzungssälen ist eine Leuchtröhre kaputt. Müssen Sie die nachher austauschen?
Nein, die ist nicht defekt, die leuchtet nur aus Energiespargründen nicht. Das wurde bei der Sanierung gleich mitgemacht: Da hinten am Fenster ist ein Sensor, der die Helligkeit misst und entsprechend regelt, wie viele Lichter brennen. Wenn draußen die Sonne scheint, ist nur jede zweite Lampe an. Erst wenn zwei nebeneinander aus sind, ist eine kaputt. Im Foyer müssen wir mit einem Heber in sieben Meter Höhe fahren, um die Leuchtröhren auszutauschen. Als es den noch nicht gab, wurde jedes Mal ein Gerüst für den Austausch aufgebaut. Das war aber zum Glück vor meiner Zeit.

Wie viele Leuchtröhren gibt es denn im Rathaus?
Etwa 1000 alleine hier im Rathausturm, dazu kommen dann noch diejenigen im Breitfuß.

Müssen Sie auch Leute retten, die in den Aufzügen festhängen?
Unsere Lifte sind sehr zuverlässig. In den vergangenen zehn Jahren musste ich erst vier oder fünf Mal jemanden da rausholen.

Gehen Sie in der Silvesternacht immer hoch in den obersten Stock, um sich das Feuerwerk anzuschauen?
Das habe ich einige Male gemacht und auch mit langer Belichtungszeit fotografiert. Jetzt war ich schon länger nicht mehr oben, irgendwann ist das nicht mehr so spannend. Aber vor ein paar Jahren habe ich in der Silvesternacht auch den Herrn Tarek Al Wazir von den Grünen in Begleitung dort oben getroffen.

Sonst war da nie jemand außer Ihnen, um den spektakulären Ausblick zu genießen?
Nein, es haben ja auch nur wenige leitende Mitarbeiter Zugang außerhalb der Arbeitszeiten.

Apropos Zugang: Haben Sie nicht schreckliche Angst, dass Sie mal den Schlüssel zum Rathaus verlieren?
Nein, das sind Transponder mit elektronischen Codes. Die werden programmiert und wenn mal einer verloren geht, gehen wir zu jeder einzelnen Tür mit einem speziellen Gerät und teilen ihr mit, dass dieser Schlüssel nicht mehr für sie zugelassen ist. Das hat den Vorteil, dass wir keine Schlösser austauschen müssen.

Sie und Ihr Team haben aber nicht nur im Rathaus die Schlüsselgewalt?
Nein, wir betreuen auch im Stadthaus, in der Mainarbeit und im Bernardbau die Schließanlagen, das sind noch mal rund 1000 Türen. Aber sonst haben wir dort keine Aufgaben, dafür ist die Gebäudemanagement GmbH zuständig.

Werden Sie auch als Rentner in Offenbach bleiben?
Wenn ich mit der Arbeit aufhöre, muss ich auf jeden Fall aus der Wohnung im Rathaus ausziehen. Ob ich hier bleibe, weiß ich noch nicht. Aber das hat ja noch Zeit.

Interview: Sigrid Aldehoff

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