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Nicole Matheis (50) aus Mühltal ist Radfahrlehrerin. Ihr nächster Kurs ab 25. Juni ist für Frauen aus Frankfurt. Anmeldung unter: 069 / 451 155. Mehr Infos gibt es im Internet auf www.nicolematheis.de

Fahrradfahren in Offenbach

Radfahrkurse als Möglichkeit zur spielerischen Integration

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Wie eine engagierte Kursleiterin deutsche Frauen und Migrantinnen spielerisch zusammenbringt.

Nicole Matheis hilft Frauen, sich das Fahrrad als Fortbewegungsmittel zu erschließen. In Offenbach hat die 50-Jährige jüngst wieder einen Kurs gegeben.

Frau Matheis, warum bieten Sie Fahrradkurse für Frauen an?
So erreichen wir Frauen, die nicht kommen würden, wenn auch Männer dabei wären. Es gibt auch gemischte Kurse, aber da ist der Run nicht so groß drauf. Es sind häufiger Frauen, die es nachholen wollen, Fahrradfahren zu lernen.

Liegt das daran, dass Radfahren mancherorts immer noch Männern und Jungs vorbehalten ist?
Ja, in manchen Ländern war es nicht vorgesehen, dass Mädchen Fahrradfahren lernen. Unter den Teilnehmerinnen meiner Kurse sind viele geflüchtete Frauen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Somalia. Doch oft waren es auch einfach die Lebensbedingungen, die das Radfahren nicht erlaubten: schlechte Straßen, kein Fahrrad ... Die Kurse sind aber nicht nur für Migrantinnen gedacht, sondern auch für deutsche Frauen. Bei meinem letzten Kurs in Offenbach waren zwei Deutsche dabei, die lange nicht mehr gefahren sind und Ängste entwickelt haben. Sie brauchen Unterstützung, um sich wieder zu trauen. Ich arbeite nach dem Ausbildungskonzept „moveo ergo sum“: Wir fangen mit Rollern an und machen mit kleinen Fahrrädern weiter. Das ist ein spielerischer Zugang, wo man seine Fähigkeiten nach und nach entdeckt. 

Was ist denn mit Frauen aus besonders konservativen Familien, deren Interesse am Radfahren und den dadurch gewonnenen Freiheiten kritisch gesehen wird?
Für die Frauen, die zu meinen Kursen kommen, ist klar, dass sie mit dem Rad fahren wollen. Da ist die Unterstützung in der Familie oft groß. Aber es gibt schon einmal Leute, die ihre Familien überraschen und nach dem Kurs vor vollendete Tatsachen stellen, um zu zeigen: Ich hab’s geschafft, ich kann das.

Ihre Kurse sind auch Integrationsprojekte.
Radfahrkurse gehören zu den effektivsten Integrationskursen! Die Frauen erlernen mit dem Fahrradfahren etwas, das in Deutschland gang und gäbe ist, und in den Kursen wird Deutsch gesprochen. Außerdem lernen sich Migrantinnen und deutsche Frauen während der Kurse kennen. Da sie gemeinsam lernen, begegnen sie sich auf Augenhöhe. Sonst hat man ja oft wenige Berührungspunkte. Es ist oft so, dass die Frauen, die an den Kursen teilnehmen, gestärkt daraus hervorgehen und sich mehr zutrauen. 

2008 haben Sie für Ihr Projekt den Integrationspreis des Landes Hessen erhalten. Sie haben damals die aus Ihrer Sicht geringe Menge an Fördergeldern kritisiert, die es für die Kurse gab. 
Wir haben damals in der gleichen Woche, in der wir den Integrationspreis erhalten haben, eine Absage zu einem unserer Förderanträge erhalten. Das habe ich damals kritisiert. Heute ist es so, dass ich im ganzen Rhein-Main-Gebiet Kurse leite, die öffentlich gefördert werden. So wie in Offenbach, wo ich vom Umweltamt angefragt wurde. Prinzipiell ist auch heute die Finanzierung nicht leicht. Es müssen viele Töpfe angezapft werden, um ein Projekt auf die Beine zu stellen. Doch der Bedarf ist groß. 

Sind die Teilnehmerinnen nach einem Kurs fit für die Straße?
Die Anfängerkurse sind Fahrlernkurse – keine Verkehrskompetenzkurse. Zwar lernen die Frauen, dass es Regeln gibt, an die man sich halten muss, aber deshalb sind sie noch nicht in der Lage, gleich nach dem Kurs sicher auf der Straße zu fahren. Ich rate ihnen deshalb, erst einmal im Park zu fahren und dort, wo keine Autos unterwegs sind. Nach und nach kommt dann auch die Sicherheit. Mit dem Umweltamt Offenbach ist ein Projekt geplant, das genau diese Lücke schließen möchte – durch ein Verkehrstraining und mit Lotsinnen, die die Frauen ein paar Monate regelmäßig im Alltag begleiten.

Interview: Fabian Scheuermann

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