Grünen-Politikerin Sabine Groß an einer Bushaltestelle in Offenbach.
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Grünen-Politikerin Sabine Groß an einer Bushaltestelle in Offenbach.

Interview

„Ich befürworte eine Straßenbahn“

Mobilitätsdezernentin Sabine Groß spricht über die Verkehrswende trotz Corona, volle Busse und ihren Traumjob.  

Offenbach - Sabine Groß hat ihren Traumjob gefunden. Sagt sie. Seit September 2018 ist die Grünen-Politikerin hauptamtliche Stadträtin in ihrer Geburtsstadt Offenbach. Die Juristin treibt den Ausbau der Busverkehre mit dichteren Taktzeiten und längerem Betrieb sowie den kostspieligen Umstieg auf Elektrobusse beharrlich voran. Und lässt sich auch von Rückschlägen nicht aufhalten.

Es wird kälter, und die Schulbusse werden voller. Eltern und Schüler:innen sind wegen Corona besorgt. Was wollen Sie tun?

Unsere Busse sind nicht überfüllt, zumindest die Verstärkerbusse zu Schulbeginn nicht. Unsere Zählungen nach den Herbstferien haben gezeigt, dass sie nur zwischen 30 und 60 Prozent belegt waren. Nur ein Bus aus dem Kreis hatte eine höhere Auslastung von 80 Prozent. Im ÖPNV bleibt die Einhaltung der Maskenpflicht weiter wichtig.

Das heißt, es ändert sich nichts?

Wir beobachten die Lage weiter. Eine Entspannung wird auch durch den Wechsel in Stufe 3 bei den Schulen eintreten. Ab den 11. Klassen wird der Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht eingeführt. Das wird zu einer Entlastung führen.

Offenbach drohte ein Dieselfahrverbot wegen schlechter Luftwerte. Die Umwelthilfe hat ihre Klage zwar zurückgezogen, aber davor gewarnt, dass sich die Lieferung der E-Busse verzögern und damit die Einhaltung der Grenzwerte scheitern könnte.

Die Bedenken sind nicht gerechtfertigt. Die ersten sieben Elektrobusse werden planmäßig mit dem Fahrplanwechsel im Dezember eingesetzt werden. Die weiteren 29 Busse sind bestellt und werden in zwei Chargen geliefert, eine voraussichtlich im Frühjahr 2021 und eine im Herbst 2021.

Die Fehlkalkulation beim Ausbau des Busangebots hat Sie 2019 in Bedrängnis gebracht. Die Kosten hatten sich auf 2,8 Millionen Euro fast verfünffacht. Haben Sie bzw. die Verkehrsbetriebe die Kosten nun im Griff?

Ich gehe davon aus, dass es keine Mehrkosten in diesem Zusammenhang gibt.

Das Busangebot für Fahrgäste wurde 2018 um ein Drittel ausgeweitet. Kann sich Offenbach das nach den Einnahmeausfällen wegen Corona noch leisten?

Wir bekommen die Mindereinnahmen durch Corona im ÖPNV von Bund und Land erstattet. Der Bewilligungsbescheid des Wirtschaftsministeriums zur Kompensation der Schäden mit einem Betrag von 3,3 Millionen Euro ist gerade eingetroffen.

Sie sagen, Investitionen in den Nahverkehr seien auch nötig, um Fahrverbote zu vermeiden. Überzeugt dieses Argument auch den Kämmerer von der CDU?

Wir haben in der Koalition dazu keine Diskussion seit Corona, weil klar ist: Wir wollen ein attraktives Busangebot aufrechterhalten, denn dann steigen nicht noch mehr aufs eigene Auto um.

Wie geht’s weiter mit dem Nahverkehr in Offenbach?

Gerade hat der Beteiligungsprozess zum Nahverkehrsplan begonnen. Ich bin gespannt, welche Ideen da kommen.

Welche Ideen haben Sie denn?

Was mir am Herzen liegt, sind Schnellbusverbindungen, um den Anschluss der Stadtteile an die S-Bahn zu verbessern. Da dürfte es einen großen Bedarf geben. Wer in Bürgel oder Rumpenheim wohnt, will auf dem Weg zur Arbeit nicht durch die ganze Stadt gefahren werden, um zur S-Bahn-Station zu gelangen.

Die Verlängerung der Straßenbahnlinie 16 von Oberrad ins Zentrum von Offenbach, zum Hafen und über den Main bis Fechenheim ist in der Diskussion. Wie stehen Sie dazu?

Ich befürworte das und habe dazu auch schon viele Gespräche unter anderem mit Frankfurts Verkehrsdezernenten Klaus Oesterling und RMV-Geschäftsführer Knut Ringat geführt. Mein Ziel ist es, dass dieses Projekt in die Ausschreibung des Frankfurter Verkehrsplans aufgenommen wird. Der Prozess dazu läuft bereits. Damit können wir prüfen lassen, welche Streckenführung für eine Straßenbahn zwischen Oberrad, Offenbach und Fechenheim sinnvoll und technisch realisierbar ist. Wenn das gelingt, wäre das ein Quantensprung in Richtung Realisierung.

Heißt das, die Grünen haben ihre Vorbehalte aufgeben? Früher hieß es doch, Offenbach könne sich das nicht leisten.

Die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Der Bund hat die Förderfähigkeit für solche Vorhaben durch das Regionalisierungsgesetz verändert, und es sind damit deutlich höhere Zuschüsse zu erhalten als noch vor einigen Jahren.

Der öffentliche Platz reicht nicht für Autos, Radler, Fußgänger und E-Roller aus. Wie sieht aus Ihrer Sicht die Verkehrswende aus?

Die Straßenbahnen sind sicher ein Teil davon. Das Ziel ist, ein attraktives Angebot zu schaffen, damit der eine oder die andere auf den eigenen Pkw verzichtet und wir weniger Individualverkehr haben. Wichtig sind aber auch attraktive Rad- und Fußwege.

Die einfache Fahrt von Offenbach nach Frankfurt kostet 4,15 Euro. Besteht Hoffnung, dass der Tarif günstiger wird?

Er ist schon günstiger geworden. Ende 2018 kostete es noch 4,95 Euro. Aber der Einzelfahrschein ist eher die Ausnahme. Da wir einen dauerhaften Umstieg auf den ÖPNV wollen, sind das Entscheidende günstige Angebote für Vielfahrer. Dafür gibt es RMV-Smart- und Flatrate-Angebote. Die Hälfte der Hessen hat mittlerweile Anspruch auf günstige Senioren-, Schüler- oder Jobtickets, die oft hessenweit gültig sind.

Sie sind Aufsichtsratsmitglied im RMV. Wie setzen Sie sich für Offenbach ein?

Ich habe mir erst kürzlich im Aufsichtsrat gewünscht, die Tarifsprünge abzumildern. Der Ausbau flexibler Preismodelle wie die Smarttarife werden beraten. Wir sind da auf einem guten Weg.

Sie haben ein Superdezernat mit Zuständigkeiten von der Kinderbetreuung bis zur Main-Arbeit. Außerdem sind Sie auch noch für den gesamten Busverkehr sowie die Sharingsysteme zuständig, haben aber keine Ämter, die Ihnen zuarbeiten. Werden Sie nach der Kommunalwahl im März mehr Kompetenzen und Personal für die Mobilität fordern?

Warten wir erst mal ab, wie die Wahl ausgeht und wer die Koalition stellt. Dann wird auch über Zuschnitte gesprochen werden.

Wird die Koalition fortgesetzt?

Das wird davon abhängen, wer was in sein Wahlprogramm schreibt und wer bereit ist, die Ziele, die für die Grünen wichtig sind, mit umzusetzen.

Finden sich die Grünen mit ihren Themen in der Koalition wieder?

Heute reden wir über das Thema Mobilität. Daher will ich mich darauf begrenzen. Die Ausweitung der Busverkehre und die Elektrifizierung der Busflotte sind für Offenbach ein Riesenschritt, der auch mit entsprechenden Kosten verbunden ist. Trotzdem wird dieser Schritt gegangen. Ich würde deshalb sagen, dass wir mit unseren Themen durchkommen. Das ist ein Geben und Nehmen in der Koalition.

Was schätzen Sie an der Koalition?

Es dringt nichts nach außen, auch wenn es mal Meinungsverschiedenheiten gibt. Das ist essenziell für eine gute Zusammenarbeit und nicht selbstverständlich. Es wird diskutiert, aber hinter verschlossenen Türen. Und was vereinbart ist, gilt und wird so gemeinsam nach außen vertreten.

Sie haben also den Wechsel vom Ministerium in Wiesbaden nach Offenbach nicht bereut? Obwohl es vielleicht ein etwas ruhigerer und nicht so öffentlichkeitswirksamer Job war.

Weniger öffentlichkeitswirksam ist zutreffend. Aber ruhiger war es auch nicht. Ich war beispielsweise einige Zeit Leiterin des Büros von Tarek Al-Wazir. Ich habe kein gutes Händchen dafür, mir einen ruhigen Job zu suchen. Das will ich aber auch gar nicht. Das ist mein Traumjob hier in Offenbach, weil ich vieles bewegen kann und in vielen Bereichen Erfolge erzielt habe. (Das Interview führte Agnes Schönberger und Timur Tinç)

Zur Person:

Sabine Groß (47), in Offenbach geboren und aufgewachsen, ist seit September 2018 als Stadträtin der Grünen für Soziales, Jugend, Kitas, das Jobcenter Main-Arbeit und das Wohnungs-, Versicherungs- und Standesamt sowie für Gesundheit, Veterinärwesen, Verbraucherschutz und Revision zuständig. Die Juristin ist Aufsichtsratsvorsitzende der Offenbacher Verkehrsbetriebe und im Aufsichtsrat des RMV.

Vor ihrem Wechsel nach Offenbach war Groß stellvertretende Leiterin des Ministerbüros im Hessischen Wirtschafts- und Verkehrsministerium, von 2000 bis 2008 arbeitete sie im Wahlkreisbüro von Tarek Al-Wazir. Von 2006 bis 2008 war sie Offenbacher Stadtverordnete.

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