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Die Innenstadt in den 1950er Jahren mit Wilhelmsplatz (oben li.) und der Schloßstraße (Mitte): Gelb markiert ist der Verlauf der Durchbruchstraße unterhalb von Sand- und Glockengasse.

Offenbach

Die Offenbacher Altstadtillusion

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Die Offenbacher Koalition will den historischen Kern aufwerten: eine Spurensuche.

Im Jahr 1961 jubelte ausgerechnet der Geschichtsverein Offenbach in einer Publikation: „Die Durchbruchstraße (gemeint ist die Berliner Straße) und mit ihr die Sanierung der Altstadt wird die längst fällige Flurbereinigung des alten Stadtkerns mit sich bringen, den noch erhaltenen anachronistischen Restbestand des dörflichen Offenbach eliminieren und den Weg in die Zukunft öffnen.“ Dieses Urteil entsprach dem Zeitgeist der auf mehr als 100 000 Einwohner gewachsenen Großstadt.

Der Idee einer autogerechten Stadt fiel die alte Bebauung im Ortskern und unter anderem das Wohnhaus der Romanschriftstellerin Sophie von La Roche zum Opfer. Die 31 Meter breite Berliner Straße durchtrennte die alten Strukturen. Die historische Domstraße wurde beim Kahlschlag um die Hälfte verkürzt.

Knapp 60 Jahre später herrscht ein anderer Zeitgeist. Unter Federführung der CDU will die Koalition den historischen Stadtkern Offenbachs aufwerten und zum Identifikationspunkt machen (FR vom 21. August). Unklar bleibt in dem Antrag, über den in der Stadtverordnetensitzung am Donnerstag diskutiert werden soll, um welche Altstadt es geht: um das Bauern- und Fischerdorf im Mittelalter mit Fachwerkgassen und Hofreiten? Um Alt- und Neugemeinde, die 1824 zu einer Stadt mit gemeinsamer Verwaltung verschmolzen? Oder um die Innenstadt vor dem Zweiten Weltkrieg?

Der Kommentar zum Thema: Selbstherrliches Gebaren

Aufschluss über die Entwicklung Offenbachs zur Großstadt geben ein Aufsatz von Jürgen Eichenauer, dem Leiter des Hauses der Stadtgeschichte, in der Zeitschrift „Denkmalpflege und Kulturgeschichte“ und die „Denkmaltopographie der Stadt Offenbach“. Der ursprüngliche Siedlungskern befand sich rund um die U-förmig angelegte Glocken- und Sandgasse, an deren Ende zum Main hin sich das damals noch von einem Wassergraben umgebene Schloss befand. Westlich dieses Dorfes lagen die Straßen der Neubürger. Das waren hugenottische Religionsflüchtlinge, die um 1800 kamen und zahlreiche Handwerke in das bis dahin bäuerlich geprägte Offenbach brachten. Auch die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde förderte den wirtschaftlichen Aufschwung und die Entwicklung städtischer Strukturen.

Die ehemalige „Herrngaß“ (heute Herrnstraße) zeigt schon im Namen, dass dort „Herren“ wohnten, im Gegensatz zu den alteingesessenen Fischern und Bauern der Altgemeinde. In der Herrngasse sind mehrere Bauten aus jener Epoche zu finden: die französisch-reformierte Kirche, das französisch-reformierte Pfarrhaus sowie das im Krieg teilweise zerstörte Büsingaplais, das 1984 rekonstruiert wurde. Manufakturen und Handwerke, die viel Wasser benötigten, waren am Großen Biergrund im Osten gelegen.

Im Koalitionsantrag reicht der historische Ortskern im Süden nur bis zur Berliner Straße. Das Dorf und die wachsende Altstadt reichten jedoch mindestens bis zur Frankfurter Straße und Eichenauer zufolge Mitte des 19. Jahrhunderts darüber hinaus. Bis 1700 wuchs die Zahl der Einwohner auf 790. 1790 lebten 6000 Menschen in Offenbach und 100 Jahre später 60 000. Aktuell zählt die Stadt fast 140 000 Einwohner.

Eichenauer zufolge war die Altgemeinde durch Fachwerkhäuser mit Höfen für Ställe und Scheunen geprägt, die Neugemeinde, die nach seinen Angaben über die Frankfurter Straße hinausging, durch zweigeschossige verputzte Fachwerkbauten mit Mansardendächern. Aus dieser Zeit seien nur noch das Pfarrhaus und das “Haus Hassert“ am Aliceplatz erhalten.

Der Museumsleiter findet die Rekonstruktion einzelner Bauten zwar „interessant“. Er schlägt aber vor, sich um die im spätklassizistischen Stil an der Ludwig- und Luisenstraße Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten Häuser zu kümmern. Die lägen am äußersten Rand der alten Stadt und seien etwas Besonderes, „weil es sie in dieser Vielzahl woanders nicht gibt“.

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