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Das Heroes-Team: Fatmagül Tuncay, Hilal Kaya, Alexander Yussufi und Zafer Çin.
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Das Heroes-Team: Fatmagül Tuncay, Hilal Kaya, Alexander Yussufi und Zafer Çin.

Offenbach

Offenbach: Traditionelle Rollenbilder reflektieren

  • Timur Tinç
    VonTimur Tinç
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Im Offenbacher Projekt Heroes setzten sich junge Männer für die Gleichstellung von Frauen und Männer ein. Kürzlich gab es für das Engagement den Präventionspreis des Landes Hessen.

Homosexualität, Jungfräulichkeit oder Feminismus. Das sind Themen, die junge Männer in der Regel nicht unter sich besprechen – und schon gar nicht in der Familie. Diese Möglichkeit bietet das Projekt Heroes Offenbach in Trägerschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Im ersten Schritt werden die Teilnehmer, die aus ehrkulturellen Milieus kommen, in Gesprächen mit ihren eigenen Weltbildern konfrontiert.

„Die größte Herausforderung sind traditionelle Rollenbilder in der Familie, Männlichkeitsbilder und Homophobie“, sagt Zafer Çin. Der 35-Jährige ist einer von drei Gruppenleiter:innen, die in den Gesprächen versuchen, Denkmuster aufzubrechen und andere Perspektiven aufzuzeigen. „Das geht zum Glück schnell“, sagt Çin. Die Männer fingen an nachzudenken, reflektierten und hinterfragten ihre Erziehung und Sozialisation.

Im zweiten Schritt gehen die ausgebildeten Heroes in Schulen und Jugendeinrichtungen, um Workshops zu diesen nicht einfachen Themen zu veranstalten. 22 Heroes sind bereits ausgebildet worden, derzeit werden Teilnehmer für die vierte Generation gesucht.

„Die Anziehungskraft von Heroes ist, dass wir hier einen ,safe space‘ bieten, einen sicheren Raum, in dem man sich frei fühlen und über Tabuthemen reden kann“, erklärt Projektkoordinatorin Fatmagül Tuncay. Zum Erfolgsrezept gehöre zum einen, dass nicht erwachsene Lehrkräfte, sondern die jungen Männer in sogenannten Peer-to-peer-Gesprächen als Gleichaltrige mit den Jugendlichen reden. Zum anderen sei es die Theaterpädagogik in den Workshops, die zwischen 90 und 240 Minuten dauern.

„Ein ganz beliebtes Rollenspiel ist die Shishabar-Szene“, sagt Gruppenleiterin Hilal Kaya. Die Schwester geht mit ihrem Freund in die Bar und wird dort von ihrem Bruder gesehen, der hingegangen ist, um Mädchen aufzureißen. „Die Szene endet mit einer Hocheskalationssituation“, erklärt die 22-Jährige. Nach dem maximal dreiminütigen Stück wird in die Diskussion mit den Jugendlichen eingetreten.

Dabei werden Szene und Charaktere analysiert, die Problematik herausgearbeitet und Fragen gestellt: Was kann man tun, damit die Situation nicht ausartet? Wie kann man sich anders verhalten? „Wir vertrauen darauf, dass erkennbar ist, worum es geht. Es ist wichtig, dass sich die Leute ein eigenes Bild machen“, sagt Gruppenleiter Alexander Yussufi. Für ihn sei es am schönsten, wenn die Jugendlichen begönnen, untereinander zu diskutieren. „Die Reflexion an sich ist schon ein Gewinn“, sagt der Sozialarbeiter.

Rund 2600 Jugendliche hat das Offenbacher Projekt in den sechs Jahren seines Bestehens bereits erreicht. Seinen Ursprung hat es in Berlin. Dort wurde es 2007 nach dem sogenannten Ehrenmord an Hatun Sürücü gegrüdet, die von ihrem Bruder erschossen worden war. Heroes Offenbach hat kürzlich den Präventionspreis des Landes Hessen gewonnen. Konkrete Pläne, was mit dem Preisgeld von 2500 Euro passieren soll, gibt es noch nicht.

Eine hessische Besonderheit bei Heroes ist der 2017 eingerichtete Mädchenbeirat. Gerade beim Thema Sexismus bringt der in die Gespräche mit den jungen Männern eine authentische Perspektive und Betroffenheit hinein. „Die Heroes und der Mädchenbeirat sagen, dass sie sehr vom Austausch profitieren“, berichtet Tuncay. Es werden aber auch tagesaktuelle Themen wie das Attentat in Hanau oder der Mord am französischen Lehrer Samuel Paty besprochen, der im Unterricht Mohamed-Karikaturen gezeigt hatte. „Und die Jugendlichen bringen ihre eigenen Ideen ein“, sagt Çin. Kürzlich wurde zum Beispiel über Schönheitsideale beim Mann geredet.

Die Familien der Heroes erfahren oft erst am Ende, dass ihre Söhne an dem Projekt teilgenommen haben – wenn die feierliche Zertifikatsübergabe ansteht. „Viele sagen ihren Eltern, dass sie zum Sport gehen oder sich mit Freunden treffen“, berichtet Zafer Çin. Zum Ritual gehört, dass die Jungs ihren Familien Blumen überreichen. Einige Eltern seien skeptisch und befürchteten, ihre Kinder würden „verwestlicht“. Es gibt aber auch die andere Seite: „Eine zwangsverheiratete Mutter war zu Tränen gerührt, weil sich ihr Sohn jetzt gegen Zwangsheirat einsetzt“, erzählt Tuncay.

Die Erfahrung, die die Gruppenleiter:innen bei allen jungen Männern machen, ist, dass diese ihre Einstellung ändern. „Das sind alles Sachen, die mit der Zeit wirken“, sagt Yussufi. Die Diskussion implementiere Gedankenanstöße und Sichtweisen für die weiteren Jahre.

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