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Versteht nicht, warum am Wilhelmsplatz Autos fahren müssen: Radentscheid-Sprecher Jochen Teichmann will mehr Platz fürs Rad.  

Offenbach

Offenbach: Radfahren in der Stadt soll sicherer werden

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Druck auf die lokale Politik: Die neue Initiative „Radentscheid Offenbach“ arbeitet an einem Forderungskatalog und bereitet eine Unterschriftensammlung vor.  

Fahrradfahren in Offenbach ist – wie in vielen anderen deutschen Städten auch – gefährlich. Zuletzt traf es am Dienstag eine 41-jährige Frau: Die Radfahrerin wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht, nachdem sie im Berufsverkehr auf der Sprendlinger Landstraße von einem Mercedes erfasst worden war. Doch es regt sich Protest: Mit dem Radentscheid Offenbach haben Radbewegte eine Initiative gestartet, die von der Lokalpolitik mehr Sicherheit für alle fordert, die in der Stadt mit dem Rad unterwegs sind.

Es geht aber auch um Lebensqualität. So würde Jochen Terpitz zum Beispiel gerne die beiden Straßen an den Längsseiten des Wilhelmsplatzes in der Offenbacher Innenstadt für den Autoverkehr sperren. „Es gibt keinen Grund, warum man hier mit dem Auto durchfahren müsste“, sagt der Radentscheid-Unterstützer, der selbst mit seiner Familie am Platz wohnt. Wer den Ort kennt, weiß, was Terpitz meint: Alle paar Minuten quetschen sich Autos zwischen der Außenbestuhlung der vielen Restaurants, zwischen Fußgängern und Radfahrenden vorbei – obwohl es rundherum Hauptstraßen gibt. Die Aufenthaltsqualität leidet darunter.

Die Sperrung der Straßen am Wilhelmsplatz – zumindest an Markttagen – ist eine der Forderungen, über die sich die derzeit rund 40 Personen, die hinter dem Offenbacher Radentscheid stehen und die sich derzeit in Videokonferenzen organisieren, bereits einig sind. Weitere Forderungen werden noch präzisiert, bevor es ans Sammeln der Unterschriften geht. Denn: Mit einem Bürgerbegehren soll ein Rathausbeschluss herbeigeführt werden, der die Verbesserung der Offenbacher Fahrradinfrastruktur zur Folge hat. Die Mindestanzahl der Unterschriften von Wahlberechtigten, die dafür gesammelt werden müssen, liegt in Offenbach bei 2686.

Pop-Up-Radwege

Bundesweit demonstrieren am Samstag, 23. Mai, Menschen dafür, dass Fuß- und Radverkehr mehr Platz eingeräumt wird. Dazu richten sie in fast vierzig Städten Pop-Up-Radwege ein.

Auch in Offenbach entsteht auf der Waldstraße (Ecke Marienstraße) zwischen 10:30 und 12:30 Uhr ein solch temporärer Radstreifen. In Frankfurt treffen sich Aktive um 14 Uhr vor dem „Hammering Man“ an der Messe.

Mehr Informationen zum Offenbacher Radentscheid gibt es auf radentscheid- offenbach.de sowie unter „@RadentscheidOF“ auf Twitter und Facebook. fab

Radentscheide gab es unter anderem schon in Darmstadt und Frankfurt – wo zwar die Bürgerbegehren zunächst an Formalitäten scheiterten, einige Forderungen aber dennoch umgesetzt wurden oder werden sollen. Am Samstag wollen die Offenbacher Radentscheidler – zusammen mit der Initiative Stadtbiotop und dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) – auf der extrem fahrrad-unfreundlichen Waldstraße einen temporären Radweg einrichten. Das Radfahren dort werde von vielen als sehr gefährlich wahrgenommen, erzählt Jochen Teichmann, der Sprecher des neuen Radentscheids. Deshalb habe man diesen Ort gewählt.

Dass die Stadt seit einigen Jahren unter dem Namen „Bike Offenbach“ ein ambitioniertes Konzept zum Bau von Fahrradstraßen und -routen verfolgt, nehmen die Radentscheidler zwar wohlwollend zur Kenntnis. „Diese Maßnahmen sind aber absolut nicht ausreichend“, findet Teichmann. So sehe das Konzept etwa vor, dass man mit dem Rad nicht etwa entlang der Hauptverkehrsstraßen fahren soll, sondern oft parallel dazu auf Nebenstraßen – und dort oft nicht einmal auf eigenen Radspuren. Teichmann fordert daher „ein umfassendes Netz für den Radverkehr“ – mit schnellen Wegen und nicht im Schlingerkurs von Seitenstraße zu Seitenstraße.

Der 59-jährige Teichmann lebt seit 1998 in Offenbach und fährt viel Rad. Auch an der lokalen „Critical Mass“ – einer Art Fahrrad-Demo – nimmt er regelmäßig teil. Ihm und Terpitz ist es aber wichtig, nicht als extrem wahrgenommen zu werden. So betonen beide, dass sie auch Auto führen – nur eben nicht oft, weil das mitten in der Stadt gar nicht nötig sei.

„Wir möchten möglichst viele erreichen“, sagt Teichmann. Dass der selbstständige Kaufmann so viel Zeit für den Radentscheid investiert, ist auch einer tragischen Erfahrung geschuldet: Im vergangenen Jahr wurde ein guter Bekannter von ihm beim Radfahren in der Offenbacher Innenstadt von einem Auto erfasst – er überlebte den Unfall nicht.

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