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Von der ehemaligen Künstlerfabrik Mato steht nur noch der alte Portalbau.

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Offenbach: Der Platz für Kreative wird knapp

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Arbeitsorte für Kreative in der Stadt zu finden, wird immer schwieriger.

Viele Kreative wollen Backstein. Gründerinnen und Gründer von Start-ups auch. Zumindest aber sollen die Räume, in denen sie arbeiten, mehr Charme versprühen als ein nüchternes Bürocenter, sie sollen mittendrin liegen in der Stadt, in Laufweite zum nächsten Café und gerne auch Raum bieten zum Austausch. So wie die Heyne-Fabrik im Offenbacher Nordend. In den Neunzigern wurde der ehemalige Produktionsort für Präzisions-schrauben in Ateliers und Büros umgewandelt. Heute sind dort Agenturen und Unternehmen wie der Jeanshersteller Levi’s ansässig, der von Frankfurt hierher zog – samt Showroom und Musikstudio. Es sei „an der Zeit gewesen, das Arbeitsumfeld an die Bedürfnisse des Jahres 2017 anzupassen“, begründete Levi’s den Umzug mit rund 60 Angestellten in den ehemaligen Industriebau in Hafennähe. Der Arbeitsplatz müsse heute „inspirierend“ sein, hieß es – also mehr als nur Tisch, Lampe und Computer. 

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ein Quadratmeter in einem Büroloft der Heyne-Fabrik mit angesagtem Sichtmauerwerk heute 12,50 Euro Miete kostet und dass die günstigen 5,81 Euro Miete in den von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GBO vermieteten Ateliers im alten Zollamt nur dann wirklich günstig sind, wenn man hohe Heizkosten vermeidet und sich im Winter dicke Pullover und Jacken überzieht. Und während der Heyne-Komplex für den behutsamen Umgang mit der industriellen Bausubstanz mit mehreren Architektur- und Denkmalschutzpreisen ausgezeichnet wurde, wird der Raum für Kreative im Rest der Stadt knapper: Auch weil immer wieder alte Industriebauten abgerissen werden. Zum Beispiel die ehemalige Metallriemenfabrik Mato an der Bieberer Straße, in deren Räumen sich Kunstschaffende über zwanzig Jahre hinweg ein wahres Biotop geschaffen hatten. Jahr für Jahr waren ihre Mietverträge verlängert worden, 2014 mussten sie dann raus. Heute steht nur noch der alte Portalbau der Fabrik, auf dem Rest des Geländes hat die Firma Traumhaus schlichte Reihenhäuser und ein Mehrfamilienhaus gebaut. 

Andernorts werden alte Fabrikräume mit Backsteinwänden zu Loftwohnungen hergerichtet und vermarktet: So ist es jüngst beim Neubauprojekt „Bernardhof“ im Nordend geschehen. Und ebenso ist es bei dem Projekt „Louisa“ in der westlichen Innenstadt vorgesehen: Dort, wo bis vor kurzem noch ein 50er-Jahre-Bau samt Festsaal stand, in dem eine Eventfirma eine liebevoll eingerichtete Partylocation mit Nachkriegsmöbeln und Tischkicker betrieben hatte, klafft nun eine große Lücke: Die Wohnungsbaugesellschaft GSW baut hier 68 Wohnungen. Eine auf dem Grundstück gelegene ehemalige Lederwarenmanufaktur soll in den Neubau integriert werden und kann – und das ist ungewöhnlich – auch künftig gewerblich genutzt werden. Auf ihrer Projektseite schreibt die GSW dazu, diese Teile des Komplexes könnten als „gemischte Wohn- und Gewerbeflächen“ gemietet werden – sie sollen „durch eine attraktive Miete die Start-up Szene in Offenbach nachhaltig unterstützen“. 

Das mit der Miete ist aber so eine Sache: In begehrten Komplexen wie der alten Schuhfabrik Hassia im Senefelderquartier, wo Start-ups Pflege-Öl für die hippen Bärte „kerniger“ Männer und neuartige Küchenbretter konzipieren und wo ein kubanischer Sattler auch wieder mit Leder arbeitet, liegen die Mieten teils bei über 14 Euro. Zwar gibt es in der Stadt auch noch günstige Räume, etwa in Hinterhöfen des Nordends, wo Kunstschaffende arbeiten. Doch fehlt denen, die einigermaßen günstig unterkommen, in Offenbach – wie in anderen Städten auch – oft die langfristige Perspektive. So mussten die Kreativen, die unter dem Label „Upper City Center“ (UCC) in einem alten Bürogebäude am Marktplatz untergekommen waren, einem geplanten Hotelprojekt weichen. Viele von ihnen seien weggezogen, in den Frankfurter Stadtteil Fechenheim oder ins Umland, wo es „noch nicht so cool“ sei wie im Offenbacher Zentrum, erzählt ein ehemaliger Mieter des UCC. Und in den besagten Zollamt-Ateliers gibt es derzeit nur eine Perspektive für die nächsten drei Jahre. Bei manchen führt das zu Unsicherheit: Alexandra Brückmann, die mit ihrem kleinen Label „Alma“ fair gehandelte Mode vertreibt, die sie in Offenbach „veredelt“, also bedruckt, bereitet das Sorgen: „Ich bin unruhig mit diesen drei Jahren“, erzählt sie. Auch sie schätzt im alten Zollamt die Patina: Der alte Tresor des Zolls dient ihr als Regal. 

Kreative in der Stadt zu halten – das ist schon seit längerem erklärtes Ziel der Offenbacher Lokalpolitik und Wirtschaftsförderung. Im „Masterplan 2030“, an dem sich die Politik bei der Standortentwicklung orientiert, steht dazu: „Die Stärke der Kreativwirtschaft und ihr Wachstum führten und führen weiterhin zu einer Verbesserung des Images Offenbachs als Wirtschaftsstandort, da durch die Ballung von kreativen Unternehmen die Außendarstellung weiterhin verbessert werden konnte und zukünftig werden sollte.“ Ein zweites Gründerzentrum zusätzlich zum Bürokomplex „Ostpol“ im Mathildenviertel ist daher in Planung, das Vorhaben hängt aber wegen zäher Verhandlungen um das ehemalige Chemiewerk-Areal der Allessa in der Luft: Das Gründerzentrum soll dort in einem denkmalgeschützten Verwaltungstrakt der alten Industrieanlage unterkommen. Im „Ostpol“ gibt es schon lange kaum noch Kapazitäten.

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