Bei der ersten Back-to-Live-Veranstaltung in Fredenhagen hieß es noch Abstand halten.
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Bei der ersten Back-to-Live-Veranstaltung in Fredenhagen hieß es noch Abstand halten.

Experiment mit Corona-Test

Offenbachs Party mit Corona-Test: Gesundheitsamt inzwischen skeptisch

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Für eine Party in Offenbach gehen die Gäste morgens zum Corona-Test, um am Abend Party zu feiern. Das Experiment steht nun kurz davor, zu scheitern.

  • In Offenbach soll trotz Corona-Auflagen ohne Abstand und Masken gefeiert werden.
  • Voraussetzung für die Teilnahme ist ein Corona-Test.
  • Das Gesundheitsamt in Offenbach wird Veranstaltung wohl untersagen.

Update von Freitag, 10.07.2020, 13:30 Uhr: Offenbach - Die Offenbacher Party-Szene hatte sich schon Hoffnungen gemacht. Eine Party im Club, ganz wie vor Corona-Zeiten - ohne Abstandsregeln und dennoch mit niedriger Infektionsgefahr. Das war das Versprechen des Party-Experiments mit Corona-Tests.

Die Idee war simpel. Bevor es abends zum Feiern geht, lässt man sich zuvor auf Sars Cov-19 testen. Fällt der Test negativ aus, kann im Fredenhagen dann eng getanzt werden - auch mit Fremden aus einem anderen Haushalt. Der ganze Spaß wäre zwar teuer geworden. 145 Euro hätte die Teilnahme gekostet. Aber wem eine Party, dies wert gewesen wäre, hätte das vielleicht gezahlt.

Auch über Offenbachs Grenzen hinaus hätte wohl die Club-Szene interessiert auf das Experiment geschaut. Denn in allen Städten kämpfen Club-Betreiber mit den Folgen der Corona-Krise und dem Abstandsgebot, das ihnen ihr Geschäft verunmöglicht. In Frankfurt am Main droht etwa dem Kult-Club Batschkapp nach mehreren Wochen geschlossener Tür die Pleite.

Doch so simpel die Idee auch war, egal, wie viele Hoffnungen sie beim Offenbacher Partyvolk (und darüber hinaus), das Experiment wird wohl scheitern, bevor es begonnen hat. Solche Experimente müsse das Gesundheitsamt unterbinden, sagte die am Donnerstag Sabine Groß (Grüne), Sozialdezernentin von Offenbach, im FR-Gespräch.

Erstmeldung von Donnerstag, 09.07.2020, 10:42 Uhr: Offenbach - Feiern ohne Sicherheitsabstand und Maske. Mit einer Band, diversen DJs, einem Buffet. Halt wie früher, als es das Virus noch nicht gab, das dem Feiervolk den Spaß vermieste und der Veranstaltungsbranche die Existenzgrundlage entriss. Doch die Profis lassen sich nicht unterkriegen, haben sich aufgerappelt und wollen jetzt zeigen, dass es trotzdem weitergeht.

Eintritt für die Corona-Party in Offenbach kostete 145 Euro

„Back to Live Vol. 2“ lautet das Motto der Corona-Party am Freitag, 17. Juli, im Fredenhagen, einem alten Industriekomplex in Offenbach, in dem einst die Kofferbänder für den Flughafen gebaut wurden. Am Dienstag gingen die ersten Einladungen raus. Die Teilnahme kostet 145 Euro plus Mehrwertsteuer. 250 Plätze stehen zu Verfügung, sie sind überwiegend für Gäste aus der Branche gedacht. Denn es handelt sich um eine „Musterveranstaltung“, sagt Nico Ubenauf, einer der vier Initiatoren. Das Konzept soll als Vorbild dienen. Als Modell, das bei Erfolg bundesweit etabliert werden könnte. „Ein Experiment“, heißt es aus dem Offenbacher Gesundheitsamt. „Wir verfolgen es mit Interesse“, sagt Stadtsprecherin Kerstin Holzheimer.

Die Vorbereitungen der Gäste beginnen am Freitag zwischen 8 und 12 Uhr. Dann hat das eigens für den Anlass aufgebaute Testcenter geöffnet. Die Daten werden anonymisiert, die Ergebnisse dem Gesundheitsamt übermittelt. „Alle Gäste erhalten am Nachmittag eine Information, ob sie an der Veranstaltung teilnehmen dürfen“, sagt Ubenauf, Geschäftsführer der 3500 Personen fassenden Eventlocation Fredehagen und Vorstandsmitglied des Karbener Eventdienstleisters Satis & Fy. Bei einem positiven Ergebnis erfolgt beim Gesundheitsamt das übliche Prozedere. „Die Kollegen kontaktieren und informieren die Betroffenen und begleiten sie telefonisch durch die Quarantäne“, sagt Holzheimer. Kontaktpersonen würden ermittelt und gegebenenfalls in Quarantäne gesetzt.

Ausgeklügeltes System für die Party ohne Abstand in Zeiten von Corona

Gemeinsam mit Kollegen hat der umtriebige Manager Ubenauf in den vergangenen Monaten an praktikablen Sicherheitskonzepten gearbeitet und Gespräche mit der Landesregierung geführt, um sie für die Nöte der Branche zu sensibilisieren und für Ideen zu gewinne, die größere Veranstaltungen ermöglichen. Erstes Ergebnis war eine Veranstaltung ohne Masken, aber mit Abstand vor vier Wochen im Fredenhagen, mit 200 Gästen und einem ausgeklügelten Einbahnsystem. Danach entwickelte sich das Ganze zu einer Art Ausstellung. Rund 100 Besucher wollten sehen, wie die Disko mit Abstandsanzeiger, die Ampeln vor den Toiletten oder die elektronische Concierge funktioniert.

Jetzt also der zweite Schritt in Richtung „Back to live“. Mit einem Corona-Test im Vorfeld, der 24 Stunden gültig ist. Ohne Distanz, ohne Maskenpflicht. Wie schön wäre es, wenn Hessen dem bayerischen Beispiel folgte, und Gratistests für alle anböte, sagt Ubenauf. Doch Wiesbaden hat schon abgewinkt. Für „eine Momentaufnahme“ wolle man kein Geld ausgeben.

Keine grundsätzlichen Bedenken gegen Party trotz Corona vom Gesundheitsamt in Offenbach

Was die abstandslose Veranstaltung in Offenbach betrifft, hegt das Sozialministerium keine grundsätzlichen Bedenken. Veranstaltungen bis 250 Personen sind genehmigungsfrei, sagt Sprecherin Alice Engel der FR auf Anfrage. „Für die Einhaltung ausreichender Hygiene- und Abstandsanforderungen sind die jeweiligen Veranstalter verantwortlich.“

Die haben im Vorfeld das Gesundheitsamt eingeschaltet und sind auf große Offenheit gestoßen, wie der Veranstaltungsmanager ausdrücklich betont. Ihm sei bewusst, dass die 145 Euro viel Geld sind, nicht jeder sich vorab einen Test leisten kann oder will. „Es wird Veranstaltungsformate geben, für die das zu teuer ist“, sagt Ubenauf. „Aber es ist eine Option – zum Beispiel für einen exklusiven Theaterbesuch.“

Die Regeln für die Party ohne Abstand in Offenbach

  • Die Verordnung zur Beschränkung sozialer Kontakte und des Betriebs von Einrichtungen und Angeboten aufgrund der Corona-Pandemie wurde zuletzt am 1. Juli geändert.
  • Der Aufenthalt im öffentlichen Raum ist „nur alleine, mit den Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstandes oder in einer Gruppe von maximal zehn Personen gestattet“. Bei Begegnungen mit anderen Personen ist während der Corona-Krise ein Mindestabstand von eineinhalb Metern einzuhalten.
  • Wo mehr Menschen zusammentreffen, „müssen die Verantwortlichen weitergehende Schutzmaßnahmen ergreifen sowie die Einhaltung sicherstellen und überwachen“.
  • Die Teilnehmerzahl ist auf 250 begrenzt. Die zuständige Behörde kann ausnahmsweise eine höhere Teilnehmerzahl gestatten. Bedingung ist eine kontinuierliche Überwachung.

Schon im Vorfeld hatte es skeptische Stimmen gegeben. Besonders der mögliche Preis für die Party in Offenbach sorgte für Kritik.

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