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Im Exklusiv-Interview spricht Wolfgang Kappus über ruinösen Preiskampf, Fehler und darüber, weshalb er mit 85 noch arbeitet.

Seifenfabrik

Kappus in Offenbach: „Im Juni ist nach 171 Jahren Schluss“

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Firmenchef Wolfgang Kappus sieht keine Chance mehr, den Seifenfabrik-Stammsitz in Offenbach zu retten. Im FR-Interview spricht er über das Aus.

Wolfgang Kappus war 15, als 1948 das 100. Jubiläum der von seinem Urgroßvater 1848 gegründeten Seifenfabrik gefeiert wurde. Moderator war der damals noch unbekannte Peter Frankenfeld. Zu essen gab es Rumpsteak „Das Fest war eine Sensation“, erinnert sich der Firmenchef. Auch 1973 und 1998 wurde gefeiert. Ein Fest zum 175. Jubiläum wird es nicht mehr geben. Der FR gibt er sein einziges Interview zum Aus.

Wie bitter ist es, dass ausgerechnet der Stammsitz in Offenbach, geschlossen wird?
Das ist ganz schlimm. Wegen der langen Tradition. Aber wir hoffen, den Rest der Unternehmensgruppe retten zu können. Auch das wird nicht einfach sein.

Gibt es noch ein Fünkchen Hoffnung für Offenbach?
Nein. Ich sehe nach der Schließungsentscheidung der Gläubigerversammlung keine Chance mehr. Wir sind schon in der sogenannten Ausproduktion. Im Juni ist Schluss.

Was passiert mit den 70 Beschäftigten?
Wir bemühen uns, zusammen mit allen Beteiligten gute Lösungen zu finden. Aber für die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die hier seit 25, 30 Jahren arbeiten, wird es sehr schwierig. Das ist schon eine emotionale Belastung, gerade weil wir die Mitarbeiter so lange begleitet haben.

Im Oktober vergangenen Jahres hatten Sie sich nach dem Insolvenzantrag kämpferisch gegeben und der FR gesagt: Wir geben nicht auf. Wer oder was hat Sie in die Knie gezwungen?
Das deutsche Insolvenzrecht, weil es uns zu Einzelinsolvenzen zwingt. Wir können also nicht mehr für einen Ausgleich innerhalb der Unternehmensgruppe sorgen. Es zählt nur das Einzelergebnis pro Standort, das Gruppenergebnis spielt keine Rolle mehr.

Wann war Ihnen bewusst, dass es kein gutes Ende geben wird?
Als die Schließungsentscheidung bekanntgegeben wurde. Uns war bewusst, dass der Umzug am Standort Offenbach eine große finanzielle Herausforderung sein würde. Wir wollten dennoch den Produktionsstandort erhalten, gerade weil wir hier etwas kleinteiliger und damit variabler als an den anderen Standorten aufgestellt sind.

Kam das Aus überraschend?
Nein. In der Tendenz war schon vorher erkennbar, dass man die Gruppe konsolidieren musste. Offenbach hat es getroffen, weil die Zahlen dagegen sprachen. Produktions- und Kundenstruktur sind hier am Standort sehr kleinteilig. Es konnten weder schnelle Preiserhöhungen im Insolvenzprozess erzielt werden, noch konnte die Produktivität kurzfristig signifikant erhöht werden.

Wie waren die Reaktionen der Belegschaft auf das Aus?
Das sage ich jetzt mal ganz offen: Die hat sich sehr über die Gewerkschaft geärgert, weil deren Vertreter nichts für die Beschäftigten getan, sondern uns nur kritisiert haben. Was soll denn eine Äußerung in der Presse, wir hätten auf den weißen Ritter gewartet? Das ist doch dummes Gerede.

Lesen Sie zum Hintergrund: Kappus Offenbach wird geschlossen

Ein Vorwurf war, Sie hätten die Modernisierung verschlafen.
Das ist Unsinn. Wir haben die Entwicklung nicht verschlafen. Wir hatten schlicht und einfach das Geld nicht. Wir haben durch Personalabbau versucht, zu rationalisieren. Wir haben unseren Standort in der Stadtmitte verkauft. Aber sehen Sie: Seit 1945 haben sich die Preise für Seife nicht verändert, aber die für Rohstoffe. Und die Löhne sind gestiegen. Wir haben also niedrige Erlöse, die eine Modernisierung verhinderten. Das war ja auch der Grund, Wettbewerber aufzukaufen, um den ruinösen Preiskampf untereinander zu unterbinden und gegen das Oligopol der Handelsmarken anzukommen.

Denken Sie heute, Sie hätten das Innenstadtgrundstück verkaufen und sich vom Erlös ein schönes Leben machen sollen?
Ja, das wäre theoretisch eine Möglichkeit gewesen, wenn ich nicht mit Leib und Seele Unternehmer wäre. Ich könnte schon 20 Jahre in Rente sein. Aber ich bin nicht der Typ, der mit 65 aufhört, an die Côte d’Azur zieht und mit einer Yacht auf dem Mittelmeer kreuzt.

Wenn es nicht das Geld war, was war dann der Grund für den Verkauf?
Der Standort in der Innenstadt war aus verkehrlichen und auch baulichen Gründen nicht mehr haltbar. Außerdem wollten wir die Entwicklung von Offenbach nicht aufhalten. Da ging es ja auch um den Anschluss des Westends an die Innenstadt. Die Verlagerung ins Gewerbegebiet war fast ein Nullsummenspiel. Den Großteil des Mehrerlöses mussten wir in den Umbau der früheren Lager- in eine Produktionshalle und in den Brandschutz investieren.

Haben Sie auch Fehler gemacht?
Sicher. Als Unternehmer müssen Sie täglich viele Entscheidungen treffen, da sind auch falsche dabei. Im Nachhinein würden wir manches anders machen.

Zum Beispiel?
Wenn wir gewusst hätten, dass der Konkurrent Hirtler in Heitersheim so bald an uns verkauft würde, hätten wir uns den Umzug erspart. Und wir hätten möglicherweise in Krefeld stringenter nachverhandeln sollen, auch mit dem Risiko, den Kunden wieder zu verlieren.

Sie sind gebürtiger Offenbacher und haben sich immer für die Stadt engagiert, unter anderem als IHK-Präsident. Wie war Ihr Verhältnis zur Stadt?
Immer gut. Ich hatte nie Probleme mit den unterschiedlichen Parteien.

Sie selbst sind ja in der FDP.
Nicht mehr. Als die neue Koalition 2016 beschlossen hat, aus Versorgungsgründen für einen Bündnispartner einen neuen Geschäftsführerposten bei der städtischen Baugesellschaft zu schaffen, bin ich ausgetreten.

Welche Rolle spielt der Standort für ein Wirtschaftsunternehmen?
Wenn Sie damit auf das früher eher schlechte Image Offenbachs anspielen, kann ich Ihnen sagen: Wir hatten nie ein Problem damit, obwohl die Stadt lange Zeit als Schmuddelkind, arm und hässlich galt. Wir haben von den Vorteilen der Rhein-Main-Region mit Autobahn, Flughafen und gutem Angebot an Mitarbeitern profitiert.

Sie haben Ihr Leben lang gearbeitet. Was werden Sie nun machen?
Das weiß ich noch nicht. Wir werden für eine Übergangszeit zur Verfügung stehen, weil noch unklar ist, was mit den restlichen drei Werken der Gruppe passiert. Vielleicht schreibe ich ein Buch darüber, wie sich seit 1933, dem Jahr meiner Geburt, Stadt und Gesellschaft verändert haben.

Interview: Agnes Schönberger

Zur Person: Wolfgang Kappus

Wolfgang Kappus, 1933 in Offenbach geboren, studierte Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft und mit über 50 Jahren im Abendstudium Politikwissenschaft, das er mit Promotion abschloss. 1960 stieg Kappus nach kaufmännischer Ausbildung als Geschäftsführer in den Familienbetrieb ein. 

Von 1957 bis 1960 lebte er in Kanada, wo er auch heiratete. Kappus, Vater von zwei Töchtern, wäre gerne Journalist geworden. Doch er wurde Unternehmer: wegen der Familientradition. Und weil er unter vier Kindern der einzige Sohn des Firmenchefs Alfons Kappus war. 

Als gebürtiger Offenbacher äußerte sich Wolfgang Kappus zu lokalpolitischen Themen. Ein Journalist bezeichnete ihn als „Roten Wölfi“. Der Unternehmer engagierte sich auf vielfältige Weise für seine Heimatstadt. Er war Präsident der Industrie- und Handelskammer, Mitglied im Senat des Ledermuseums und im Freundeskreis der Hochschule für Gestaltung. (ags)

Die Firma 

Johann Martin Kappus hatte 1848 die gleichnamige „Feinseifen- und Parfümeriefabrik“ in Offenbach gegründet. Damals galt Seife noch als Luxusprodukt. Als einer der Ersten führte er in Deutschland den Achtstundentag ein. Heute leiten Wolfgang Kappus und seine Tochter Patricia Kappus-Becker gemeinsam das Familienunternehmen, inzwischen in fünfter Generation. 

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Firma zu 80 Prozent zerstört und nach Kriegsende noch vorhandene Produktionsanlagen wurden zu Reparationszwecken demontiert. 

Durch Zukäufe wurde Kappus zum größten Hersteller von Festseifen in Westeuropa. Nach der Wende übernahmen die Offenbacher das ehemals größte Seifenwerk der DDR in Riesa, 2005 von Henkel die Dreiring-Werke in Krefeld und 2016 den Konkurrenten Hirtler in Heitersheim. 

Der Umsatz lag zuletzt bei 80 Millionen Euro, die Zahl der Mitarbeiter bei rund 350. Für Handelsketten und internationale Kosmetikkonzerne werden 80 Prozent der Kappus-Seifen unter anderem Namen produziert. 

Ein harter Preiskampf in einem schrumpfenden Markt machte Kappus zu schaffen. Die Margen sind mit ein bis zwei Prozent extrem niedrig. Inzwischen dominieren flüssige Seifen mit einem Anteil von 80 Prozent den Markt. 

Einen Insolvenzantrag stellte die Kappus-Gruppe am 21. September 2018. Ende März 2019 beschlossen die Gläubiger das Aus des Offenbacher Werks. Der Stammsitz wird im Laufe des Jahres geschlossen. Die Werke in Riesa, Krefeld und Heitersheim könnten „aus eigener Kraft“ fortgeführt werden, sagte Insolvenzverwalter Franz-Ludwig Danko. Es lägen verbindliche Angebote von potenziellen Investoren vor. (ags)

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