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Ein Großteil der Arbeit bestehe aus Reden und Zuhören, sagt Christiane Gog.

Palliativmedizin

„Zu Hause ist nicht immer der beste Ort zum Sterben“

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Die Offenbacher Palliativärztin Christiane Gog spricht über Patientenwünsche, die Erwartungen von Angehörigen und Endzeit-Witze.

Frau Gog, warum gelingt es nicht immer, den Wunsch zu erfüllen, zu Hause zu sterben? Jüngst blieb einem todkranken Offenbacher sogar eine Odyssee durch Krankenhäuser nicht erspart.
Wenn man das möchte, dann gelingt das meist auch. Aber es ist nicht immer der beste Ort. Weil sich Menschen das wünschen, wenn sie gesund sind. Aber wenn sie dann schwer krank sind, ist das Zuhause nicht mehr das Zuhause, das sie über Jahre gekannt haben. Da steht ihr Pflegebett und daneben ein Toilettenstuhl. Täglich kommt eine Pflegekraft oder das ambulante Palliativteam. Ihr Zuhause verändert sich stark.

Auch die Beziehung zum Partner?
Selbstverständlich. Es kann alles sehr gut organisiert sein, die Pflegesituation überschaubar. Aber manchmal sind die Angehörigen auch sehr angestrengt. Die ganze Situation belastet, und sie haben seit Nächten nicht geschlafen. Man sitzt abends nicht mehr gemeinsam mit einem Glas Rotwein vor dem Fernseher. Sondern der Patient ruft, weil er Hilfe benötigt. Er übergibt sich, bekommt vielleicht keine Luft mehr. Manche Patienten wollen das auch gar nicht mit ihrem Partner austragen und sind deshalb lieber in einer Institution wie einem Hospiz. Wir hatten Patienten, die haben die Entlassung verweigert, weil sie nicht nach Hause wollten. Hier wissen sie: Ich klingele. Und nach ein paar Minuten steht jemand an meinem Bett.

Was ist der Unterschied zwischen einer Palliativstation und einem Hospiz?
Wir sind quasi eine Art Zwischeninstitution. Zu uns kommen Patienten mit nicht heilbaren Erkrankungen, deren Lebenserwartung begrenzt ist. Unser Ziel ist es, sie so zu stabilisieren, dass sie in ein Hospiz, eine Pflegeeinrichtung oder nach Hause entlassen werden können. Ein Hospiz hat die Aufgabe, die Patienten in ihrer letzten Lebensphase bis zum Tod zu begleiten. Aber etwa 40 Prozent der Patienten sterben auch bei uns.

Wenn Heilung nicht das Ziel ist, worum geht es dann?
Unser medizinischer Auftrag ist hauptsächlich die Symptomkontrolle, etwa durch eine Schmerztherapie.

Wie lange bleiben die Patienten?
Das hängt von der Situation ab, aber meist zwischen ein paar Tagen bis zu etwa drei Wochen.

Wie sind die Reaktionen?
Manchmal kommen die Patienten zu uns zur Aufnahme und haben Tränen in den Augen. Da weiß ich genau, was sie denken. Sie glauben, sie seien zum Sterben hier. Das frage ich sie dann auch, und dann brechen die meisten in Tränen aus. Das kann man dann wunderbar auflösen. Denn das ist in der Regel nicht unser Auftrag. 

Wie lange dauert ein Aufnahmegespräch?
Im Schnitt etwa anderthalb Stunden. Aber damit ist es nicht getan. Ich sage immer: Reden und Zuhören sind ein Großteil unserer Arbeit. Wir versuchen, mit den Familien und dem Patienten herauszufiltern, was der Patient will und wie die häusliche Situation ist. Das erfordert Zeit. Denn er sagt ja nicht: Super, jetzt gehe ich in ein Pflegeheim oder ein Hospiz. Das ist ein Prozess.

Wie gehen die Angehörigen mit der Diagnose um?
Das ist unterschiedlich. Sie haben oft einen großen Gesprächsbedarf. Auch das ist Teil unserer Arbeit. Wir haben hier zehn Betten, aber manchmal 60 Leute, die wir versorgen. Denn in vielen Zimmern sind zusätzlich Angehörige anwesend.

Was bedeutet der hohe Migrantenanteil in Offenbach für Ihre Arbeit?
Er spielt natürlich eine Rolle. In der muslimischen Kultur etwa ist es die Aufgabe der Angehörigen, einen Schutzwall um den Patienten zu bilden. Und bis zum Lebensende alles einzufordern, was irgendwie medizinisch geht. Auf einer Palliativstation wie unserer geht das aber nicht. Wir versuchen immer, auf den Patienten und die Angehörigen einzugehen. Wenn eine Familie aber nicht von ihrer Idee abrückt, dass der Patient operiert werden oder eine Chemotherapie bekommen soll, kann der Patient nicht auf einer Palliativstation bleiben.

Wie ist die Stimmung auf der Palliativstation:?
Wir lachen hier sehr viel. Auch mit den Patienten. Meistens ist die Stimmung gut. Aber natürlich haben wir auch traurige Momente. Wenn wir schwierige Gespräche mit den Patienten führen, wird auch manchmal geweint.

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Worüber wird gelacht?
Über einen lustigen Spruch. Manche Patienten erzählen auch Endzeitwitze, und dann lachen wir auch darüber. Es ist ein Missverständnis, dass hier nur gedrückte Stimmung herrsche. Dem ist nicht so. Es geht hier nicht primär um den Tod. Es geht um das Leben. Der Tod ist nur der Punkt am Schluss. Dass der Weg dorthin gut wird, das ist unser Auftrag.

Wie reagieren Menschen, wenn Sie sich im privaten Kreis, etwa auf einer Party, als Leiterin einer Palliativstation outen?
Das ist für mich das Allerbeste, seitdem ich in die Palliativmedizin gewechselt habe. Wenn ich sage, ich bin Palliativmedizinerin, ist das Gespräch meistens beendet. Da kommt nur noch ein „Oh“, und ich habe meine Ruhe und kann einen schönen Abend verbringen. Obwohl es auch schade ist, denn somit bleiben die Themen „Sterben“ und „Tod“ immer noch ein bisschen außen vor. Dabei gehören sie doch immer auch mit zu uns.

Welche Wünsche haben die Patienten am Lebensende?
Das ist unterschiedlich. Wir hatten eine junge Frau hier, die wollte unbedingt auf Sylt heiraten. Wir haben mit ihr zusammen auf der Station das Brautkleid anprobiert und den Wünschewagen organisiert, der sie nach Sylt fahren sollte. Sie ist leider kurz vor der geplanten Hochzeit gestorben. Aber solche ganz großen Wünsche sind eher die Ausnahme.

Hadern manche Patienten mit ihrem Leben, etwa darüber, zu viel gearbeitet zu haben?
Das kommt schon vor. Aber es gibt auch Leute, die sagen: Wie schade, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Hauptwunsch ist, ein Stück Normalität wiederzugewinnen. Keine Schmerzen zu haben, wieder essen zu können. Und das gelingt uns meist auch sehr gut.

Empfinden Sie Ihren Beruf als besonders belastend?
Nein. Überhaupt nicht. Ich liebe diese Arbeit. Ich habe eine gute Familiensituation und viele Freunde. Außerdem leiste ich mir seit Jahren eine Einzelbegleitung, so eine Art Supervision.

Christiane Gog leitet seit September 2017 jeweils zur Hälfte ihrer Arbeitszeit das ambulante Palliativteam und die Palliativstation im Offenbacher Sana-Klinikum, die über zehn Betten verfügt. In der Uniklinik Frankfurt hatte Gog 18 Jahre lang onkologisch gearbeitet, bevor sie als eine der ersten Ärztinnen in Deutschland Palliativmedizin in Dresden studierte. 2012 übernahm sie Leitung und Lehrauftrag für Palliativmedizin in der Uniklinik in Frankfurt. Zusätzlich hat sich die berufserfahrene Krankenschwester und Psychoonkologin als ambulante Ethikberaterin qualifiziert.  

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