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Detlev Dieckhöfer ist Geschäftsführer des Mieterbunds Offenbach.

Wohnen

Offenbacher Mieterbund-Chef: Mietpreisbremse funktioniert nicht

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Das empfiehlt Detlev Dieckhöfer im FR-Interview: Zeigen Sie den Vermieter an, wenn die Kündigung wegen Eigenbedarfs nur vorgetäuscht ist. Und: Es lohnt sich, Nebenkostenabrechnungen überprüfen zu lassen.

Der Fall von Albrik Schäfer, der nach 50 Jahren aus seiner Wohnung rausgeschmissen wird, hat viele Leser bewegt (FR vom 31. Juli). Der Offenbacher wurde, bevor es zum Prozess kam, vom Mieterbund Offenbach vertreten. Im Interview gibt dessen Geschäftsführer Detlev Dieckhöfer Auskunft zur Mietpreisbremse, zu steigenden Mieten und zur Offenbacher Wohnungspolitik.

Haben Kündigungen wegen Eigenbedarfs zugenommen?
Ja. Mitunter ist er aber nicht berechtigt. Das Problem ist: Einen vorgetäuschten Eigenbedarf kann man erst im Nachhinein nachweisen. Also wenn in die Wohnung jemand anderes einzieht, als der Vermieter angegeben hatte.

Was kann man da machen?
Wir empfehlen den Leuten, die zu uns in die Beratung kommen, den Vermieter wegen Betrugs anzuzeigen, damit der Mieter wenigstens Schadensersatz bekommt. Aber die Wohnung ist weg.

Bei Neuvermietungen wird häufig die Miete drastisch erhöht. Kann ich mich dagegen wehren?
Natürlich können Sie die Miete beanstanden, wenn sie überteuert ist. Aber in der Praxis sieht es doch so aus: Wenn Sie dem Vermieter sagen, die Wohnung ist mir zu teuer, dann heißt es: Der Nächste, bitte. Es gibt immer einen, der die Miete akzeptiert. Zumindest in Ballungsgebieten.

Was ist mit der Mietpreisbremse?
Sie funktioniert doch nicht. Es gibt keine klaren Sanktionen. Damit ist sie quasi wirkungslos.

Ist der Offenbacher Miet spiegel von 2018 noch aktuell?
Er bildet natürlich immer nur rückwirkend die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt ab. Wenn wir uns jetzt im Herbst mit dem Wohnungsamt und dem Haus- und Grundbesitzerverein zusammensetzen, um die Werte für den neuen Mietspiegel 2020 zu ermitteln, kann es sein, dass er 2021 vielleicht überholt ist. Das Gleiche gilt für den aktuellen Mietspiegel.

Steigen die Mieten nach wie vor?
In Offenbach gehen sie nicht so steil nach oben wie in Frankfurt. Aber auch hier wirkt sich aus, dass viele Auswärtige hierherziehen. Und auch die vielen Neubauten treiben die Preise mittelfristig nach oben.

Haben sich die Themen in der Beratung geändert?
Nur unwesentlich. Schwerpunkt sind nach wie vor die Nebenkosten. Es geht vielleicht etwas häufiger auch um Kündigungen und Mieterhöhungen.

Zur Person
Detlev Dieckhöfer , 1956 in Essen geboren, ist seit 1995 Geschäftsführer des Mieterbunds Offenbach. Davor war der Betriebswirt bei einem EDV-Unternehmen in Frankfurt tätig. Seit 1985 lebt er in Offenbach.

Die Rechtsberatung des Mieterbunds erfolgt durch Anwälte, die auf das Mietrecht spezialisiert sind. Eine Vertretung vor Gericht ist nicht möglich, aber wenn es zum Prozess kommt, wird Mietern bei der Wahl eines Anwalts gweholfen. 2018 wurden in Offenbach mehr als 3000 Beratungen durchgeführt. Der hiesige Mieterbund hat gut 4200 Mitglieder.

Die kostenlose Beratung können nur Mitglieder in Anspruch nehmen. Der Jahresbeitrag beträgt 54 Euro, die einmalige Aufnahmegebühr 16 Euro.

Das Büro in der Kaiserstraße 59 ist unter 069/813264 erreichbar. ags

Werden Abrechnungen zu Recht beanstandet?
Ja, es kommen sehr häufig Fehler vor. Da werden Gartenarbeiten oder Hausmeistertätigkeiten auf die Mieter umgelegt. Aber das ist nur zulässig, wenn dies auch im Mietvertrag steht.

Ist Zwangsräumung ein Thema?
Nicht, wenn es um eine gerichtlich angeordnete Zwangsräumung geht. Denn wir als Mieterbund beraten ja nur. Wenn es sich aber um eine vorgetäuschte Zwangsräumung handelt, was hin und wieder vorkommt, dann können wir den Leuten helfen. Denn die Vermieter geben in der Regel nach, wenn sie von uns Post bekommen. Wenn auf dem Schreiben als Absender Mieterbund steht, hat das meistens Wirkung.

Die Offenbacher Wohnungspolitik war lange Zeit davon geprägt, dass kaum öffentlich geförderter Wohnungsbau geschaffen wurde, weder im Hafen noch im Neubaugebiet An den Eichen. Muss sich das ändern?
Auf jeden Fall werden zumindest in Ballungsgebieten Sozialwohnungen benötigt, zumal auch immer welche aus der Bindung rausfallen. Wenn das der Fall ist steigen die Mieten drastisch, und die Leute, die dort gewohnt haben, können sie sich nicht mehr leisten. Für sie wird in Offenbach zu wenig gebaut, aber auch anderswo.

Welche Probleme haben Migranten, die zu Ihnen kommen?
Zum einen Sprachprobleme. Die unterschreiben den Mietvertrag, ohne zu verstehen, was darin steht. Außerdem kommen sie häufig aus Ländern wie Südeuropa, wo die Eigentumsquote sehr hoch ist. Die kennen sich mit Mieten nicht aus.

Was passiert dann?
Sie verstehen zum Beispiel nicht, dass die im Vertrag genannten Nebenkosten nur eine Pauschale sind, die sie im Voraus zahlen. Wenn dann die Abrechnung mit Nachzahlung kommt, müssen wir ihnen das erst erklären.

Es wird in Offenbach viel gebaut, trotzdem gibt’s Probleme.
Die Frage ist, wer die Wohnungen bekommt.

Frankfurter?
Ja. Aber auch Offenbacher, wenn sie es sich leisten können. Denn es gibt eine Diskrepanz zwischen den Einkommen in Offenbach und den Mieten. Ein Frankfurter, der schon bisher schon eine hohe Miete gezahlt hat, wird jubeln, wenn er für denselben Preis hier eine schöne Neubauwohnung kriegt. Der wird es machen, wenn er bereit ist, nach Offenbach zu ziehen. Was ja für Frankfurter nicht so einfach ist.

Interview: Agnes Schönberger

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