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Will mit Mahnwachen den Abschuss einer Gänsefamilie im Offenbacher Waldschwimmbad verhindern: Aktivistin Martina Chane.  

Tiere

Offenbach: Tierschützerin setzt sich für Nilgänse ein

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Martina Chane kümmert sich um Wasservögel in Offenbach und Frankfurt – und protestiert gegen deren geplante Jagd im Waldschwimmbad.

Wer genau hinschaue in den Parks und an den Flussufern der Region, sehe viel Leid, erzählt Martina Chane. Die Tierschützerin spricht von Gänsen, denen sie bei ihren täglichen Rundgängen durch Offenbach und Frankfurt begegnet. Verletzte Gänse mit offenen Wunden und Brüchen, die von Menschen mit Steinen beworfen oder getreten wurden oder die Angelhaken in ihren Körpern stecken haben. In solchen Fällen schreitet Chane ein. Sie lockt die Tiere an, nimmt sie zu sich und bringt sie zu einer Tierärztin. Oft genug hat die Aktivistin in den vergangenen Jahren verletzten Gänsen eine letzte Mahlzeit gereicht – bevor die Tiere starben oder eingeschläfert werden mussten. „Die sollten sich noch mal satt essen“, sagt Chane. Die Vorfälle berühren sie auch heute noch. Vor allem, weil oft Menschen daran schuld sind.

Besonders Nilgänse haben im Rhein-Main-Gebiet keinen guten Leumund. Sie gelten als aufdringlich und nerven viele Menschen, weil sie ihren Kot auf den Wiesen hinterlassen. Es ist eine Konkurrenz verschiedener Lebewesen um zu wenig Platz. Dass das Thema oft emotional diskutiert wird, hat jüngst eine Debatte im Offenbacher Stadtparlament gezeigt: Während die SPD einen Antrag mit dem Titel „Population vor Nilgänsen schützen“ einbrachte und „als letztes Mittel“ auch die Bejagung der Tiere geprüft haben wollte, sagte ein Stadtverordneter der Grünen, man könne die Gänse „nicht einfach abschießen, bloß weil sie nervig sind“. Zudem sei die „ehemals invasive Art“ Nilgans hierzulande heute heimisch.

Eine Nilgans-Familie in Wiesbaden. 

Tatsächlich setzt die Stadt Offenbach am Mainufer nicht auf die Bejagung der Nilgänse, sondern auf ein mit großen Schildern beworbenes Fütterungsverbot und hochwachsende Vegetation – denn die Tiere lieben das üppige Nahrungsangebot und kurzrasige Flächen. Am Offenbacher Waldschwimmbad jedoch könnte bald ein Jäger den dort lebenden Gänsen nachstellen: Die Stadt hat dem Ersten Offenbacher Schwimm-Club (EOSC), der das Freibad betreibt, zugesagt, für die Gänse dort eine Abschussgenehmigung zu erteilen, sobald der Verein konkrete Jäger benennt.

Gegen den drohenden Tod der Gänsefamilie dort – es ist wohl nur eine Familie – geht Martina Chane auf die Barrikaden. Schon zweimal hat sie mit einer Handvoll Gleichgesinnten vor dem Eingang des Schwimmbads Mahnwachen abgehalten. „Mir geht es vor allem um Aufklärung“, sagt Chane, die der Meinung ist, dass viele Leute völlig falsch informiert seien. Denn der Kot der Nilgänse sei keineswegs besonders gefährlich und besonders aggressiv seien die Tiere auch nicht. Das ist auch ein Vorwurf an manche Medien: Nach Ansicht Chanes trage die häufig undifferenzierte Berichterstattung dazu bei, dass Menschen negativ oder sogar gewalttätig auf die Vögel reagierten. „Ich erinnere mich an eine Frau, die mich hindern wollte, eine in Schnüren verhedderte Nilgans zu befreien“, erzählt Chane und schüttelt den Kopf.

Die nächste Mahnwache vor den Toren des Offenbacher Waldschwimmbads (Auf der Rosenhöhe 29) hat Martina Chane für Sonntag, 13. Oktober, 15:30 Uhr, angemeldet. Mit Gleichgesinnten will sie friedlich gegen den geplanten Abschuss der Nilgänse demonstrieren.

Informationen zum Verein „Projekt Oase – Mensch und Tier im Einklang“ gibt es im Internet auf der Seite projekt-oase.com. Martina Chane ist per E-Mail unter projekt.oase@gmail.com oder mobil unter der Nummer 0176/728 123 84 zu erreichen. fab

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Präsentation der Offenbacher Umweltamtsleiterin. „Verschiedene Untersuchungen zeigen eindeutig, dass die Nilgans kein Naturschutzproblem ist“, steht darin. Zur Gesundheitsgefahr des Kots heißt es: „Grundsätzlich sind im Vogelkot immer Bakterien enthalten.“

Martina Chane würde die Tiere am liebsten lassen, wo sie sind. „Wo sollen die Gänse denn hin?“, fragt sie empört. Wer einen Schwan bewundere, einer Nilgans aber den Tod wünsche, messe mit zweierlei Maß. Die Aktivistin hingegen mag alle Tiere: Schon während ihrer Kindheit in der Slowakei habe sich das abgezeichnet, erinnert sie sich. Während langer Wanderungen mit den Eltern durch die Berge sammelte sie Schnecken und Regenwürmer auf und entließ sie am sicheren Wegesrand wieder in die Freiheit.

Heute lebt die 39-Jährige in Oberrad und arbeitet als Nachhilfelehrerin. Ihr Interesse an Wasservögeln wuchs, nachdem sie vor einigen Jahren auf dem Weg zur Arbeit ein verletztes Tier am Frankfurter Mainufer gefunden hatte. Seitdem lässt sie das Thema nicht mehr los. Sie gründete den Verein Projekt Oase, bei dem man verletzte Vögel melden kann. Und sie reinigt regelmäßig Uferflächen in Frankfurt und Offenbach – um die Tiere vor Scherben und anderem „Wohlstandsmüll“ zu schützen, wie sie sagt. Das Wissen über Wasservögel habe sie sich über die Zeit selbst angeeignet.

Zu gerne würde sie die geplante Bejagung der Nilgänse im Offenbacher Waldschwimmbad verhindern. Dem EOSC habe sie „ehrenamtliche Arbeit angeboten“, erzählt sie. Chane würde den Gänsekot im Bad entfernen und dabei mit den Besuchern ins Gespräch über die Vögel kommen. „Es geht mir darum, eine gemeinsame Lösung zu finden und nicht Krieg gegen jemanden zu führen.“

Der Erste Vorsitzende des EOSC, Matthias Wörner, hat Chanes Angebot abgelehnt. Im Gespräch merkt man ihm sofort an, dass ihn das Thema nervt. „Ehrenamtspalaver“, sagt er, helfe nicht weiter. Denn es gebe Beschwerden von Badegästen und auch das Gesundheitsamt sei schon da gewesen. Wenn sich jemand am Kot infiziere, sei er haftbar. Seit dem Sommer gebe der EOSC deshalb satte 9000 Euro monatlich für Reinigungskräfte aus, die die Ränder des Wasserbeckens von früh bis spät frei von Vogelkot hielten. Und mittags unterbreche man den Badebetrieb, um den Boden zu reinigen. Martina Chane hält am Sonntag trotzdem wieder eine Mahnwache ab.

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