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Mit Mahnwachen kämpften Siemens-Beschäftigte für den Erhalt des Standorts in Offenbach.

Wirtschaft

Siemens gibt Frankfurt den Vorzug vor Offenbach

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Niederrad statt Kaiserlei: 423 von einst 800 Siemens-Beschäftigten der Gas-Kraftwerkssparte ziehen um. Die Auftragslage gilt als schwierig.

Siemens kehrt Offenbach den Rücken und löst den Ingenieurstandort am Kaiserlei spätestens Ende September 2020 auf. Doch schon in diesem Sommer werden 423 von einst 800 Beschäftigten nach Frankfurt-Niederrad ziehen. Dies erfuhr die FR aus zuverlässiger Quelle. Der Wegzug ist für Offenbach bitter, weil erneut Industriearbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen verloren gehen.

Weitere rund 280 Siemens-Mitarbeiter verlieren ihren Job. Der Stellenabbau soll bis Ende September 2020 mit Altersteilzeit, Abfindungen und Transfergesellschaften oder dem Wechsel zu anderen Siemens-Werken abgeschlossen sein. Diejenigen, die vom Personalabbau betroffen sind, werden weiter in der Kaiserleistraße arbeiten. Mitte März endet eine Frist für Schnellentschlossene, die die Firma freiwillig verlassen. Sie erhalten eine erhöhte Abfindung.

In Niederrad befindet sich an der Lyoner Straße eine Vertriebs- und Service-Niederlassung von Siemens mit 1100 Beschäftigten. Vergangenen Sommer wurde bekannt, dass der Konzern den Standort aufgeben und voraussichtlich im Jahr 2022 in Neubauten im Quartier Gateway Gardens am Flughafen ziehen wird. Die Offenbacher Ingenieure sollen in der Nähe des Siemens-Geländes an der Hahnstraße in einem derzeit leer stehenden Gebäude unterkommen. Ob auch sie später in den Stadtteil Gateway Gardens ziehen werden, ist offen.

Der Siemens-Standort Kaiserlei gehört zur Kraftwerksparte Power & Gas. Dort arbeiten hoch qualifizierte Ingenieure, Techniker und Kaufleute. Die Berufsaussichten für sie sind zwar gut. Aber Siemens-Betriebsratsvorsitzender Matthias Tiessen meinte, dass die Spezialisten bei einem Wechsel in andere Branchen mit „erheblichen Gehaltseinbußen“ rechnen müssten.

Nach der Einigung zwischen Konzernführung und Gesamtbetriebsrat über den geplanten Stellenabbau im vergangenen September hatte monatelang Ungewissheit geherrscht, wer bleiben darf und wer gehen muss. Das führte zu enormen Spannungen im Betrieb. Inzwischen herrscht Klarheit. Ein Großteil derer, für die es keine Perspektive gebe, habe sich mit der Situation arrangiert, meinte Tiessen. Die Stimmung im Betrieb bezeichnete er als „ein bisschen weniger schlecht als vor einem Vierteljahr“.

Auch die verbleibenden Mitarbeiter können wohl nicht entspannt in die Zukunft schauen. Sie behalten zwar vorerst ihren Arbeitsplatz. Aber die Auftragslage ist Tiessen zufolge trotz einiger neuer Projekte nicht vergleichbar mit früheren Geschäften. Der Beschäftigungseffekt für die Offenbacher sei gering, weil kaum Ingenieurleistungen gefragt seien. Er bezeichnete die Lage als ernst. Verschärft werde die Situation, weil der Großauftrag für ein Kraftwerk in Ägypten auslaufe.

Tiessen betonte, dass der Betriebsrat bis 30. September 2020 auch für die Beschäftigten am Kaiserlei zuständig bleibe und vor Ort präsent sein werde. „Wir lassen niemanden im Stich. Auch in Offenbach nicht.“

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