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In dieses Offenbacher Viertel wäre die Familie gerne gezogen. Doch die Miete dort war dem Jobcenter zu teuer.

Offenbach

Offenbach: Der schwierige Weg aus der Notunterkunft

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Eine syrische Familie auf der Suche nach Wohnraum beklagt das kompromisslose Vorgehen der Behörden in Offenbach und Mühlheim. Jetzt zieht die Familie ins Ruhrgebiet.

Fast, aber nur fast hätte Muhammed Hamud einen unterzeichneten Mietvertrag für eine Offenbacher Wohnung in den Händen gehalten. Vier Zimmer in einem Wohnblock im Osten der Stadt. Der 21-Jährige hätte mit seinen Eltern und zwei seiner Geschwister gut darin Platz gefunden. Doch so weit kam es nicht: Nach wochenlanger Prüfung der Kostenübernahme durch das Jobcenter MainArbeit – die Vermieterin wartete so lange – kam die Absage. Die Wohnung war laut Jobcenter 90 Euro zu teuer. Der Traum von einem Ort, wo Muhammed in Ruhe für seinen Abschluss an der Fachoberschule lernen kann, der Traum von ein bisschen Privatsphäre – er war dahin.

Muhammed Hamud erzählt seine Geschichte, will aber nicht, dass neue Probleme entstehen. Deshalb möchte er seinen richtigen Namen nicht preisgeben. Er lebt mit seiner Familie, die 2016 aus Syrien geflohen ist, beengt in einer Notunterkunft – wie viele Geflüchtete in der Region. Zu sechst teilen sich die Hamuds in Mühlheim zwei Zimmer auf rund 30 Quadratmetern. Muhammeds großer Bruder hätte wegen einer Wohnsitzauflage nicht nach Offenbach ziehen dürfen, erzählt er. In den Räumen stehen sechs Betten, eine Küchenzeile mit Waschbecken, ein Klo und ein Tisch. An Lernen sei dort nicht zu denken, erzählt Muhammed kopfschüttelnd. Auch nicht im Gemeinschaftsraum der Notunterkunft: „Dort spielen immer Kinder“, sagt er. Und alle litten unter dem gleichen Problem: zu wenig Platz.

Für Kaltmiete und einen Teil der Nebenkosten zahlt die MainArbeit bei fünf Personen maximal 1 120,92 Euro. Der Leiter des Jobcenters, Matthias Schulze-Böing, bezeichnet die Maximalbeträge als „auskömmlich“ – wohlwissend, dass der Offenbacher Wohnungsmarkt umkämpft ist. Doch was passiere, wenn man die Grenzen der Mietübernahme verschiebe, habe man im Sommer gesehen, als die Sätze um drei Prozent angehoben wurden: „Eine Woche nach der Erhöhung lagen die ganzen Wohnungsangebote 50 Cent unter dem neuen Maximalwert“, erinnert sich Schulze-Böing. „Die Vermieter kriegen das sehr schnell spitz.“

Auch dass die Bearbeitung von Wohnanfragen manchmal länger dauere, rechtfertigt er – man müsse etwa prüfen, ob die Flächen für Wohnzwecke zugelassen seien oder ob Wohnsitzauflagen vorliegen: „Wir hatten schon Wohnungsangebote im Keller oder im Dachboden.“

Muhammed Hamud ärgert sich derweil auch über die Mühlheimer Verwaltung: Seine Familie müsse zu sechst auf 30 Quadratmetern leben, obwohl Räume im Gebäude leerstünden. Als er angefragt habe, ob man einen zusätzlichen Raum bekommen könne, habe die zuständige Sachbearbeiterin nur barsch geantwortet, dass sich die Familie „anzupassen“ habe – und 30 Quadratmeter doch besser seien als die Rückkehr nach Syrien.

Mühlheims Erste Stadträtin Gudrun Monat (Grüne) wirbt um Verständnis. Für den Fall, dass das Gespräch so hart verlaufen sei, wie Muhammed Hamud es beschreibt, verteidigt sie die Mitarbeiterin: Es könne ja sein, „dass man mal unter Druck steht und sich nicht so super empathisch verhält“. Und freie Räume in den Unterkünften brauche man, um neu ankommende Geflüchtete verteilen zu können. Dabei achte man auf bestimmte, selbst gesetzte Regeln: Über der Kita in der Schillerstraße zum Beispiel bringe man nur Familien unter, keine alleinstehenden Männer – die leben jeweils zu sechst in den Zimmern einer anderen Unterkunft.

Die Zahlen der in Notunterkünften lebenden Geflüchteten sinkt in Mühlheim stetig: Von knapp 400 Personen vor ein paar Jahren auf derzeit 154. In den neun städtischen Unterkünften habe man Kapazitäten für 60 weitere Personen, erzählt Monat. Warum man aber trotz der engen Verhältnisse, in denen Familien wie die Hamuds untergebracht sind, eine Unterkunft schließe? „Wenn ich einer Familie mehr Raum gebe, habe ich bald zwanzig Familien hier auf der Matte stehen, die mehr Raum wollen“, sagt Monat. Und jeder Raum koste die Stadt Geld. Mehr Raum würde „den Kostenrahmen sprengen“, rechtfertigt Monat das Vorgehen der Stadt Mühlheim.

Muhammed, der bei einem ersten Treffen – da lag die Ablehnung des Offenbacher Jobcenters noch nicht vor – engagiert und optimistisch wirkte, klingt am Telefon nun niedergeschlagen. Seine Eltern, die nach drei Jahren in Deutschland nicht mehr an einen Wohnsitz in Hessen gebunden sind, überlegen, ins Ruhrgebiet zu ziehen. „Da gibt es Wohnungen“, habe die Familie von Verwandten gehört. Er selbst bleibt erst mal hier und macht seinen Abschluss an der Fachoberschule – in der Hoffnung, dass er währenddessen nicht mit fünf anderen Männern in einem Raum leben muss.

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