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Offenbachs jüdische Gemeinde bezeichnet sich heute als „traditionell konservativ-orthodox“. 

Offenbach

Offenbach: Ein Rabbiner von Weltrang

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Vor 100 Jahren trat mit Max Dienemann in Offenbach ein bedeutender Repräsentant des jüdischen Liberalismus sein Amt an – in seiner Wohnung ordinierte er später die erste Rabbinerin der Welt.

Es ist ein schöner Altbau aus der Jahrhundertwende, der zwischen den anderen, noch schmuckeren Bauten im Offenbacher Westend aber kaum auffällt: das Haus Körnerstraße 12. Dort wurde am 27. Dezember 1935 Geschichte geschrieben. An jenem Wintertag ordinierte Offenbachs Rabbiner Max Dienemann in seiner Wohnung die erste Rabbinerin in der Geschichte des Judentums, Regina Jonas aus Berlin. „Mit dieser mutigen und vorausschauenden Entscheidung hat Rabbiner Dienemann die Tür zur Frauenemanzipation im Judentum weit aufgestoßen“, beschreibt Anton Jakob Weinberger von der „Max-Dienemann-Salomon-Formstecher-Gesellschaft Offenbach“ die Bedeutung Dienemanns.

„Auch viele liberale Juden wollten die Ordination einer Frau zur Rabbinerin nicht hinnehmen“, schreibt Weinberger. Religionsgesetzlich sei die Frauenordination Dienemanns allerdings nie angefochten worden. Doch es sollte bis 1972 dauern, bis in den USA eine weitere Frau zur Rabbinerin ordiniert wurde. Anfang der 2010er Jahre gab es nach Schätzungen Weinbergers weltweit rund 400 Rabbinerinnen.

Max Dienemann war von 1919 bis 1938 Rabbiner in Offenbach.

Es war in diesen Tagen vor 100 Jahren, im Dezember 1919, als Dienemann sein Amt als Rabbiner der großen jüdischen Gemeinde in Offenbach antrat. Sein Geist lebt in besagter Gesellschaft weiter, die sich als „Forum für zeitgenössisches Judentum“ versteht. Beide Namensgeber – Offenbachs ehemaliger Rabbiner Salomon Formstecher gilt als einer der geistigen Väter des Reformjudentums – stehen für ein modernes Judentum, das vor dem Holocaust in Deutschland eine große Rolle spielte, heute aber nicht mehr.

Auch nicht in Offenbach. Zwar sind nach Dienemann, Formstecher und Jonas drei je rund 100 Meter lange Fußwege im zentralen Büsingpark benannt, der sich zwischen der 1956 errichteten neuen Synagoge und der Innenstadt erstreckt. Dienemanns Wirken habe aber „keinen Einfluss auf die Gemeinde heute“, erzählt der geschäftsführende Vorstand der jüdischen Gemeinde in Offenbach, Henryk Fridman. Der Grund: Die Gemeinde besteht aus knapp 800 vor allem konservativen und orthodoxen Mitgliedern mit osteuropäischem Hintergrund. Fridman beschreibt die ehemals liberale Gemeinde, in der Frauen und Männer heute getrennt sitzen, als „traditionell konservativ-orthodox“.

1938 deportiert

Max Dienemann war 1919 mit seiner Frau Mally und drei Töchtern aus dem oberschlesischen Ratibor nach Offenbach gezogen, wo er die Stelle des Rabbiners antrat. Er wirkte in den folgenden Jahrzehnten auch publizistisch und erlangte Bekanntheit weit über die Grenzen der Stadt hinaus: „Dienemann war in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einer der führenden liberalen, gleichwohl in der Tradition wurzelnden Rabbiner Deutschlands“, schreibt Weinberger. Mit seinem Vorschlag einer „liberalen Halacha“, also einer modernen religionsgesetzlichen Regelung, habe er Mitte der 1930er Jahre eine „international vielbeachtete Diskussion“ angestoßen.

Doch 1938 war all das vorbei: Mit 81 weiteren jüdischen Männern wurde Dienemann nach den Novemberpogromen 1938 ins KZ Buchenwald deportiert. „Nach sechs demütigenden und qualvollen Wochen kam der Rabbiner frei“, schreibt Weinberger – unter der Auflage, mit seiner Frau Deutschland bis Jahresende zu verlassen. Über London flüchteten die Eheleute nach Palästina, wo Max Dienemann wenige Wochen später verstarb. Auch Regina Jonas überlebte die Zeit der Nazi-Herrschaft nicht: 1942 wurde sie mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert, wo sie noch Predigten hielt. 1944 brachte man beide nach Auschwitz, wo sie ermordet wurden.

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Dabei geht es auch um Offenbach, wo eine der größten jüdischen Gemeinden in Hessen zu Hause ist. Wir haben zum Beispiel die Familie des geschäftsführenden Vorstands der jüdischen Gemeinde in Offenbach, Henryk Fridman, besucht – um einmal exemplarisch zu schauen und zu beschreiben, wie eine gläubige jüdische Familie in der Region heutzutage eigentlich so lebt. Außerdem widmen wir uns ausführlich der Zuwanderung aus Osteuropa, die in den letzten Jahrzehnten die jüdischen Gemeinden in Rhein-Main – auch die in Offenbach – verändert hat.
 


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