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Oberarzt Matthias Zimmer: „Wir setzen da an, wo die Gesellschaft versagt.“ 

Offenbach

Offenbach: Praxis für Unversicherte sucht weiterhin Fachärzte

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Viele Unversicherte nehmen das Angebot der Malteser wahr, sich im Offenbacher Ketteler-Krankenhaus kostenlos behandeln zu lassen - auch Schwangere.

Der bulgarische Bauarbeiter, dessen Arbeitgeber nie Sozialbeiträge für ihn abgeführt hat, der Migrant aus Guinea ohne Papiere, die selbstständige Deutsche, die ihre Versicherungsbeiträge nicht mehr aufbringen kann – ihnen allen gemein ist, dass sie nicht krankenversichert sind. In vielen Städten Deutschlands existieren – meist nichtstaatliche – Hilfsstrukturen, um solchen Menschen im Krankheitsfall trotzdem helfen zu können. Seit April letzten Jahres gibt es mit der Malteser-Praxis für Unversicherte im Ketteler-Krankenhaus auch in Offenbach eine solche Institution. Und diese wird häufig aufgesucht – so lautet die erste Jahresbilanz der rund zwanzig ehrenamtlich tätigen Ärzte und Hilfskräfte dort.

„Der rege Zuspruch hat unsere Einschätzung, dass es in Offenbach und Umgebung ein großes Bedürfnis nach ärztlicher Betreuung für nicht versicherte Menschen gibt, vollauf bestätigt“, erzählt die ehrenamtliche Koordinatorin des Projekts, Gabriele Türmer. Und ergänzt: „Einen leeren Praxistag gab es bei uns bisher noch nie!“ Die Praxis steht mittwochnachmittags je zwei Stunden für Bedürftige offen. Seit April kamen an 35 Sprechstunden 120 Ratsuchende – also drei bis vier pro Termin; darunter auch etwa 15 Kinder. Türmer schätzt, dass rund zwei Drittel der Behandelten aus dem Ausland kamen, rund ein Drittel waren also Deutsche.

Helfen & geholfen bekommen

Wer die Malteser-Praxisin Offenbach kontaktieren will, kann sich unter der Mobilnummer 0157/716 279 19 an die Projektkoordinatorin Gabriele Türmer wenden – oder direkt eine E-Mail an Oberarzt Matthias Zimmer schreiben: Matthias.Zimmer@malteser.org.

Die Sprechstunde für Unversichertefindet mittwochs von 17 bis 19 Uhr statt – im Ketteler-Krankenhaus, Lichtenplattenweg 85, Offenbach.
Ärztinnen und Ärzte, die das ehrenamtliche Team unterstützen möchten, können sich per E-Mail (s. links) oder abends per Telefon (0175/764 602 6) bei Dr. Zimmer melden. Dringend gesucht werden unter anderem noch Gynäkologinnen und Gynäkologen.

Die Spendendatenlauten: Malteser Hilfsdienst e.V., IBAN: DE13 3706 0193 4001 1552 16, BIC: GENODED1PAX, Stichwort: MMM Offenbach. fab

Wer kommt konkret? Unter anderem viele Schwangere, die ihre Schwangerschaften ohne die Malteser vermutlich „ohne medizinische Betreuung hätten bewältigen müssen“, wie Türmer schätzt. Oberarzt Matthias Zimmer – der ärztliche Leiter und Mitbegründer der Unversicherten-Praxis – berichtet von einer Frau aus Moldawien, die in Offenbach Familienmitglieder besuchte und hier dann schwer erkrankte. Da ihre Auslandskrankenversicherung nur drei Tage lang gültig war, sprangen die Malteser ein. Sie bezahlten auch den Rücktransport ins Heimatland, wo die eigene Versicherung der Frau dann wieder griff. Das Geld für alle Behandlungen kommt aus einem Spendentopf – damit werden auch Medikamente finanziert.

Manchmal kommt es vor, dass die Behandelten Anspruch auf Krankenversicherung haben. Dann wird die Sozialberatung der Caritas hinzugezogen. Und dass die Unversicherten-Praxis existiert, habe sich in der Stadt schnell herumgesprochen, erzählt Türmer. Sie berichtet auch, dass das ehrenamtliche Team der Praxis die Behandlungen – etwa von Wundinfektionen – oft selbst durchführe. Manchmal müsse aber an Fachärztinnen und Fachärzte überwiesen werden. Und dieses Ärzte-Netzwerk ist noch ausbaufähig. So sei es auch nach einem Dreivierteljahr noch nicht gelungen, genügend Offenbacher Fachmediziner zur Kooperation zu bewegen. Dringend suche man noch eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen sowie eine Zahnärztin oder einen Zahnarzt.

Klare Worte fand Zimmer im November, als die Aktiven des Malteser-Projekts von den Offenbacher Stadtverordneten den Ferdinand-Kallab-Preis verliehen bekamen – einen mit 1000 Euro dotierten Preis, der nach einem wohltätigen Offenbacher Arzt benannt ist. „Wir setzen da an, wo die Gesellschaft versagt“, sagte Zimmer mit Blick darauf, wie viele Menschen durch das Netz des Gesundheitssystems fallen.

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