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Straßenambulanz der Caritas.

Interview

Obdachlose in Offenbach: „Obdachlose sind ständig in Habachtstellung“

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Die Straßenambulanz der Caritas versorgt Menschen, die keine Wohnung und keine Krankenversicherung haben. Projektleiterin spricht über das stressige Leben in Armut.

Die Straßenambulanz der Caritas kümmert sich seit Oktober 2018 um Menschen, die keine Wohnung und keine Krankenversicherung haben. Der Ambulanzbus ist seit Februar 2019 im Einsatz. Vorher gab es ein solches mobiles Angebot in Offenbach nicht. Projektleiterin Edith Heilos spricht über das Leben in Armut, versteckte Schlafplätze und Grenzen der Hilfe.

Sie sind mit dem Ambulanzbus überwiegend tagsüber, aber zweimal im Monat auch spätabends unterwegs. Warum?

Der Geschäftsschluss ist wie ein Filter, der die obdachlosen Menschen, die sich tagsüber dort eher inkognito aufhalten, nach draußen verdrängt. Ihnen bleibt danach für eine begrenzte Zeit noch die S-Bahn-Haltestelle am Marktplatz.

Wie viele Menschen in Offenbach sind obdachlos?

Das lässt sich kaum beantworten. Manche kommen für einige Nächte bei Bekannten oder Freunden unter. Teilweise übernachten sie auch in Autos. Aber es gibt auch etliche, die sich gut versteckt im Wald einen Schlafplatz gesucht haben. Im Sommer schlagen manche ein Zelt am Main auf. Einer hatte sein Domizil vor einem Kaufhaus.

Sind auch Frauen und Kinder betroffen?

Ja. Wir kümmern uns auch um Schwangere oder Kinder, die noch nicht hier versichert sind. Neulich hatten wir erstmals den Fall einer jungen Familie aus Bulgarien, die mit ihrem dreijährigen Kind in einem winzigen Verschlag hauste. Der Mann hatte gehofft, in Deutschland Arbeit zu finden. Das hat nicht geklappt. Wir haben der Familie Bustickets gekauft, damit sie zu Verwandten nach Amsterdam fahren konnte, wo Unterkunft und Arbeit in Aussicht gestellt waren.

In Offenbach gibt es für obdachlose Frauen und Kinder keine Unterkünfte. Wie helfen Sie denen?

Das ist ein Problem. Diese Menschen müssen wir nach Frankfurt schicken. Dort gibt es das Haus Lilith der Diakonie. Das Gleiche gilt für Männer. Wenn die 13 Plätze im Übernachtungsheim der Diakonie in Offenbach belegt sind, sind die Frankfurter Übernachtungsstätte Ostpark oder aber die Schlafstelle an der U-Bahn-Station Eschersheimer Tor die nächsten Alternativen.

Woher kommen die Obdachlosen?

Das muss man differenziert betrachten. Es gibt Obdachlose, die ‚Platte“ machen. Da sind auch Deutsche darunter, die aus welchen Gründen auch immer aus dem sozialen Netz gefallen sind. Und dann gibt es sehr viele Menschen aus Südosteuropa, vor allem Rumänen und Bulgaren. Sie sind eher selten obdachlos. Häufig leben sie in überbelegten Wohnungen und teilen sich mit anderen ein Zimmer. Die zahlen dafür mitunter 350 Euro pro Bett an ihren Arbeitgeber. Wenn sie den Job verlieren, verlieren sie gleichzeitig auch das Dach über dem Kopf. Es handelt sich häufig um prekäre Arbeitsverhältnisse ohne Vertrag und Krankenversicherung.

Solche Fälle haben Sie auch?

Ja. Wir sind froh, dass wir diese Menschen, die ärztliche Hilfe benötigen, an die Malteser-Praxis im Ketteler-Krankenhaus weitervermitteln können. Sie bieten einmal in der Woche eine kostenlose ärztliche Versorgung an.

Wer zahlt, wenn jemand in die Notaufnahme muss?

Wenn kein Kostenträger da ist, geht es über das Sozialamt. Niemand darf abgewiesen werden.

Welche Krankheiten sind besonders häufig?

Herz- und Kreislauferkrankungen auch schon bei relativ jungen Leuten. Zudem sind viele suchtkrank. Das führt dazu, dass sie ihre Medikamente nicht nehmen. Auch Übergewicht spielt eine Rolle. Kommt dann noch Bluthochdruck hinzu, verschlimmert sich der Zustand.

Das Leben in Armut, ohne Wohnung und unter prekären hygienischen Verhältnissen führt zu Stress, vor allem auch psychisch.

Das stimmt. Das Leben auf der Straße ist aber auch deshalb anstrengend, weil die Menschen immer darauf achten müssen, nicht bestohlen zu werden. Sie sind ständig in Habachtstellung. Sie können nie richtig loslassen und entspannt schlafen. Das ist natürlich ermüdend und erschöpfend.

Welche Jahreszeit ist für Obdachlose am gefährlichsten ?

Ich denke der Winter, wegen der Witterung. Die Menschen sind dann der Kälte ausgesetzt, es drohen Erfrierungen. Im Sommer ist die Hitze ein Problem. Temperaturen von 35 Grad im Freien können sich fatal auswirken.

Viele Obdachlose nehmen keine Hilfe an. Warum?

Da spielen psychische Erkrankungen eine Rolle. Wer schon 20 Jahre oder länger auf der Straße war, dem wird es kaum gelingen, sein Leben durchgreifend zu ändern. Man muss das realistisch sehen. In vielen Fällen geht es um Hilfe für den Moment.

Ist es Ihnen schon gelungen, einen Obdachlosen wieder in ein geregeltes Leben zu bringen?

Dazu braucht es einen sehr langen Atem. In vielen Fällen gelingt es uns, einen kleinen Schritt in ein geregeltes Leben zu initiieren. Wir haben zum Beispiel einen älteren Mann, der regelmäßig zur Wundversorgung am Bein zu uns kam. Er ließ sich sogar auf eine Beratung ein und wurde wieder in die Krankenversicherung aufgenommen. Als er dann Leistungen bezog und Geld hatte, hat er leider wieder angefangen zu trinken. Uns ist es aber durch beharrliches Nachfragen gelungen, dass er unsere Hilfe wieder in Anspruch nimmt. Sie sehen, die Nachhaltigkeit unserer Arbeit ist eine stetige Herausforderung, der wir uns täglich stellen.

Interview: Agnes Schönberger

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