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Judoka Sascha Puzik und Luna Skoberne (blauer Judoanzug) führen den Kindern einen Hüftwurf vor.  

Offenbach

Offenbach: Integrationspreis für einen Judoclub

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Siegen durch Nachgeben: Der Judoclub Samurai erhält den Integrationspreis der Stadt Offenbach. Kinder und Jugendliche lernen dort die Bedeutung von Toleranz und Gemeinschaftssinn.

Aufgeregt stürmt ein vielleicht zehnjähriger Junge in die Turnhalle der Offenbacher Hafenschule. Draußen wird es gerade dunkel. Es ist Mittwochabend. Der Junge kommt zu spät zum Training. Weil die Umkleide besetzt war, sagt er. Jetzt steht er vor Sascha Puzik – breites Kreuz, Glatze, strenger Blick, aktiver Kämpfer der Bundesligamannschaft des Judoclubs „Samurai Offenbach“. Puzik nickt. Und der Junge rennt erleichtert mit seinem weißen Mantel in die Halle, wo schon die Aufwärmübungen begonnen haben.

„Hier sind viele Kinder dabei, die zu Hause nicht so viel Disziplin abbekommen“, erzählt Puzik und schaut auf die drei Dutzend Jungen und Mädchen, die sich gerade in der Halle aufgereiht haben. Sie rennen zur anderen Seite, bis an die großen Fenster, durch die man auf die Lichter des neuen Hafenviertels schauen kann. Sie machen Liegestütze – und rennen wieder zurück. „Wenn die zwei Mal in der Woche hier im Training gesagt bekommen‚ bis hierhin und nicht weiter, dann tut das denen ganz gut“, findet Puzik. Denn Disziplin sei wichtig im Judo – auch, damit man seinem Kampfpartner, seiner Kampfpartnerin, vertrauen kann.

Mehrere Generationen von Judokas haben seit der Gründung von „Samurai Offenbach“ im Jahr 1953 Hessenmeistertitel sowie Medaillen auf nationaler und internationaler Ebene erkämpft. Die Männermannschaft mischt heute sogar in der ersten Judo-Bundesliga mit. Und in diesem Jahr erhält der Judoclub mit seinen rund 300 Mitgliedern aus über zwanzig Nationen – zwei Drittel davon sind Kinder und Jugendliche – den Integrationspreis der Stadt Offenbach. „Der Verein leistet durch das Erlernen von solidarischem und gleichberechtigtem Miteinander Jugendlicher nichtdeutscher und deutscher Herkunft wertvolle Integrationsarbeit im Alltag“, heißt es in der Begründung der Jury – „mit dem klaren Ziel, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus keine Chance zu geben.“

Im Judo gelten die Kampfgegner eher als Partner – und natürlich Partnerinnen.  

„Der Preis ist eine Bestätigung unserer Arbeit“, freut sich der Vereinsvorsitzende Francesco Liotta – 47 Jahre alt, kräftig, Dreitagebart und Brille. Er sitzt auf einer Bank am Rand der Hafen-Sporthalle. „Wenn wir im jungen Alter anfangen, Werte zu vermitteln, dann kommt man vielleicht, wenn man groß ist, nicht auf dumme Gedanken“, hofft der gebürtige Offenbacher. Und dann sprudelt es geradezu aus ihm heraus: „Im Judo gibt es keine Gegner, sondern Partner“, erzählt er. „Achtsamkeit“ und das „Siegen durch Nachgeben“ gehörten zur Philosophie des Sports, der in Japan übrigens auch eine Erziehungsmethode sei. Ein Vater, der auf der Bank seinem Sohn zuschaut, ergänzt: „Judo bringt innere Ruhe, Frieden und Selbstsicherheit. Das sollte eigentlich jeder mal gemacht haben.“

Apropos Vater: Mit Blick auf das Thema Integration seien gerade die Familien der Kinder und Jugendlichen wichtig, erzählt Liotta. „Wir gewinnen durch unsere Arbeit das Vertrauen der Eltern, die anfangs oft verschlossen sind.“ Der Kontakt entstehe vor allem im Rahmen der vielen Freizeitaktivitäten, die der Verein anbietet, bei Radtouren, Grillfesten, Tagesausflügen. „Wir versuchen, alle einzubinden.“ Auch am Rand des Trainings kommt Liotta mit Eltern ins Gespräch: „Wir haben schon Lehrstellen vermittelt und an Elternabenden teilgenommen.“

Liotta ist selbst mit dem Judoclub aufgewachsen. Der Sohn sizilianischer Einwanderer landete Anfang der 1980er als Neunjähriger im Verein, bereits mit vierzehn wurde er dort zum Trainer. Heute dankt er seinem Vater, dass der nicht wie andere darauf bestanden hatte, seinen Jungen in einen damals noch rein italienischen Sportverein zum Fußballspielen zu schicken. Denn so sprach Francesco in seiner Freizeit viel Deutsch.

Das möglichst frühe Erlernen der deutschen Sprache ist in einer multikulturellen Großstadt wie Offenbach wichtiger denn je. Denn man kann nicht mehr davon ausgehen, dass die Sprache automatisch mit dem Kita-Besuch kommt: Das belegen die Ergebnisse der jährlich vom Stadtgesundheitsamt vor Grundschulbeginn durchgeführten Tests. Demnach sprachen 2015 noch 44 Prozent der Kinder, die entweder aus dem Ausland zugezogen sind oder die mindestens ein Elternteil haben, das im Ausland geboren wurde – und das sind zwei Drittel aller Offenbacher Kinder –, fehlerfrei Deutsch. Dieser Wert sank 2016 auf 32 und 2017 auf 28 Prozent. 2018 waren es gerade noch 17 Prozent.

Stadt hat reagiert

„Diese Kinder haben weniger Sprachanregung durch muttersprachlich Deutsch sprechende Kinder im Kindergarten“, vermutet die Offenbacher Amtsärztin Barbara Schneider den Grund hinter diesen Zahlen. Die Stadt hat mittlerweile auf die schlechten Untersuchungsergebnisse reagiert und im letzten Jahr ein zusätzliches Sprachförderprojekt an einer Kita in der Innenstadt gestartet. Täglich können die Kinder dort jetzt 45-minütige Sprachförderkurse besuchen. Doch das ist nur ein Pilotprojekt. Wie und wann es auf weitere Kitas ausgeweitet wird, ist noch unklar.

Umso wichtiger ist die Arbeit von Initiativen und Vereinen wie dem Judoclub Samurai. So sieht das auch eine junge serbische Mutter, die mittwochabends in der Sporthalle am Hafen ebenfalls auf der Bank sitzt und ihrem elfjährigen Sohn beim Training zuschaut: „Das ist mal was ohne Handy“, begründet sie in holprigem Deutsch, warum sie es gut findet, dass ihr Sohn Judo trainiert. Auch die fünfjährige Tochter hat jetzt damit angefangen. Sie sitzt neben der Mutter und triezt spielerisch ihren Bruder: „Du bist ja so langsam!“, ruft sie. Auf Deutsch.

Im Hintergrund gibt es einen lauten Schlag. Liottas Frau Jana, eine mehrfache deutsche Meisterin mit schwarzem Gürtel, hat gerade ihre Kampfpartnerin auf die Matte geschleudert. Jungen und Mädchen trainieren bei Samurai gemeinsam. Und viele der Trainerinnen sind – wie Liottas Frau – ebenfalls weiblich. Das anzuerkennen sei für manche Eltern mit konservativem Rollenverständnis durchaus herausfordernd, erzählt Francesco Liotta. Er erinnert sich an einen Mann aus der Türkei, der sich bei ihm einmal darüber beschwert hatte, dass sein Sohn von einer Frau trainiert wird. Der Mann ließ den Jungen nach einem Gespräch mit Liotta aber weitertrainieren.

Um Mädchen gezielt zu stärken, bietet der Judoclub mittlerweile auch „Mut-Workshops“ an: wöchentliche Trainingseinheiten, zu denen Referentinnen kommen, etwa eine Polizistin, eine Beraterin von Pro Familia oder eine Selbstverteidigungstrainerin. „Da gibt es einen Riesenbedarf, die Kurse waren sofort voll“, erzählt Liotta. Und macht damit auf ein Problem aufmerksam: Denn der Verein ist räumlich am Rand der Kapazitäten angelangt. Schon wieder. Dabei kam erst vor zwei Jahren zum alten Trainingsort Humboldtschule die von der Stadt neu errichtete Halle am Hafen hinzu. Seitdem können die Mut-Workshops überhaupt erst angeboten werden. Doch jetzt sind selbst dort schon wieder manche Trainingseinheiten ausgebucht. Auch personell komme man an die Grenzen des Machbaren, sagt Liotta. Zwar sponserten die Offenbacher Stadtwerke die Bundesligamannschaft, doch die gesamte Vereinsarbeit laufe ehrenamtlich. „Ein hauptamtlicher Trainer oder eine Trainerin könnte natürlich noch ganz andere Sachen machen.“

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