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VHS Leiterin Gabriele Botte begrüßt vor dem Festakt den ehemaligen OB Wolfgang Reuter.

Offenbach

Ein Ort für Integration

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Volkshochschule feiert ihr 100-jähriges Bestehen doppelt: Jetzt mit geladenen Gästen, im September gibt’s „Lange Nacht“ für alle.

Am Anfang stand der Wunsch, nach den Verheerungen und unvorstellbaren Opferzahlen des Ersten Weltkriegs am Aufbau eines demokratischen Staates mitzuwirken. Das war der Gründungsgedanke auch der Offenbacher Volkshochschule 1919, der Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen einte. Das 100. Jubiläum wurde gestern Abend in der Alten Schlosserei mit 300 geladenen Gästen gefeiert. Den Abend moderierte der Magier Harry Keaton, der zwischen Reden und Gesprächen Illusionskunst bot.

Am 20. September steht die große Feier für alle Offenbacher an bei einer „inspirierenden Nacht“ mit Musikkabarett, kulinarischer Weltreise, Musik und Tanz. Unter dem Motto „Zusammenleben. Zusammenhalten“ will die Volkshochschule im Herbstsemester mit den Bürgern immer „freitags um fünf“ ins Gespräch kommen. Eine Ausstellung über sechs Stockwerke im VHS-Haus (Berliner Straße 77) soll einen Einblick in die 100-jährige Geschichte bieten.

Gabriele Botte, seit 1992 Leiterin der Offenbacher VHS, hält den Gründungsgedanken immer noch für aktuell. Allerdings gehe es heute eher um die Bewahrung der Demokratie in einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Gruppierungen immer weiter voneinander entfernten. Sie hoffe, dem durch gemeinsame Bildung etwas entgegensetzen zu können.

Nach ihren Worten ist die VHS einerseits von Kontinuitäten, aber auch von einem stetigen Wandel geprägt. Das Haus sei eine zentrale Adresse für Angebote rund um Bildung und auch zu einem Ort der Begegnung und Integration geworden. Eine Besonderheit sei ihre Zuständigkeit für das kommunale Bildungsmanagement.

Der Rückblick zeigt, wie sehr die VHS den veränderten Bedürfnissen der Bevölkerung Rechnung getragen hat. 1919/20 gab es sechs Kurse, nach 1945 waren es elf. 2018 wurden 1200 Veranstaltungen mehr als 15 000 Teilnehmern angeboten. „Deutsch als Fremdsprache“ (34 Prozent) und Fremdsprachenkurse (12 Prozent) machen fast die Hälfte aller Teilnehmer aus. Besonders gefragt sind die Integrationskurse. 65 Prozent aller Unterrichtsstunden finden in diesem Bereich statt.

Erst seit 1964 hat die VHS eine hauptamtliche Leitung. Der Großteil des Unterrichts wird von den 340 freiberuflichen Dozentinnen und Dozenten geleistet. Manchmal wird die Volkshochschule geringschätzig als Gemischtwarenladen bezeichnet. Dabei liege in der Bandbreite auch ihre Stärke, sagt Botte. „Wir können auf Bedarfe sehr schnell reagieren.“ Unverändert über die Jahrzehnte ist aber die Zugänglichkeit zu Bildung für alle. In einer Stadt wie Offenbach mit einem Migrationsanteil von mehr als 60 Prozent wurden in den vergangenen Jahren die Integrationsangebote stark erweitert.

Als eine Schwierigkeit bezeichnet Botte die geringe Verweildauer der Menschen in Offenbach. Auch darauf habe man reagiert. „Wir müssen die Leute immer wieder neu ansprechen“, sagt sie. In der Digitalisierung sieht sie eine weitere Herausforderung, auf die die VHS mit ihrem Selbstlernzentrum aber gut vorbereitet sei.

Bildung für alle

Die Geschichte der Offenbacher Volkshochschule (VHS) lässt sich bis ins Revolutionsjahr 1848 zurückverfolgen, damals wurde ein Arbeiterbildungsverein gegründet, dessen Ziel es war, die „möglichste Verbesserung des materiellen, geistigen und sittlichen Zustands der arbeitenden Klassen herbeizuführen“.

In der Weimarer Republik erhält die Erwachsenenbildung Verfassungsrang. Am 28. Mai 1919 gründen Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen in Offenbach die Volkshochschule. Nach Kriegsende ist der Wunsch groß, sich wieder „geistigen Werten“ zuzuwenden.

20 000 Mark beträgt der städtische Zuschuss. Im ersten Semester gibt es neun Kurse zu Soziologie, Philosophie, Verfassung und Steuern, Chemie, Kunstgeschichte und Kunstgewerbe. Die Kursgebühr kostet drei Mark.

1933 wird auch die Offenbacher VHS gleichgeschaltet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird im November 1945 der erste Arbeitsplan der Volkshochschule vorgelegt. Weil Englisch Amtssprache ist, sind Sprachkurse sehr gefragt.

Träger der VHS ist über viele Jahre der Offenbacher Bund für Volksbildung. 1970 wird das Führen einer Volkshochschule in Hessen zur kommunalen Pflichtaufgabe. Zwar fällt schon 1984 der Beschluss, die Offenbacher VHS zu kommunalisieren. Doch wegen Streits über die Übernahme hauptamtlicher Mitarbeiter in städtische Dienste geschieht dies erst 1990.

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