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Mit den Figuren, die Gesangbuch und Handy trugen, setzten sich die Besucher intensiv auseinander.

Offenbach

Kunst in allen Facetten im Offenbacher Stadtteil Rumpenheim

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Kurioses und Besonderes gab es am Wochenende in den offenen Ateliers in Rumpenheim, dem „Künstler-Stadtteil“ von Offenbach, zu sehen.

Kunsttage im Offenbacher Stadtteil Rumpenheim sind mehr als „nur“ Malerei, Bildhauerei, Kunsthandwerk und Plastiken. Der Blick in die Ateliers und Galerien, in liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser und in verwunschene Gärten gibt der Kunst einen Rahmen, der intensive Sinneseindrücke hinterlässt. Wenn dann auch noch wie am Wochenende bestes Wetter ist, sind Heerscharen im alten Ortskern unterwegs, um Kunst in allen Facetten zu bestaunen.

Irritiert bleiben Besucher der Evangelischen Schlosskirche Rumpenheim stehen: Vor dem Portal ist ein kunstvoll geschnitztes, lebensgroßes Paar aus Holz aufgestellt, sie schaut in ein echtes Gesangsbuch, er dagegen auf seine Handy-Attrappe. Drinnen auf den Kirchenbänken und im Altarraum finden sich dann noch mehr dieser Holzgesellen – in verschiedenen Posen, aber stets mit den zwei Beigaben. „Ich liefere die Hardware, und die Software funktioniert bei jedem Besucher im Kopf“, sagt Reinhold Mehling aus Hanau-Steinheim, der die ausgehöhlten Figuren mit der Kettensäge gestaltet hat. Sie sollen auch noch auf Reisen gehen: Es sei angedacht, die Ausstellung noch in anderen Kirchen in Frankfurt und Umgebung zu zeigen, sagt der Holzbildhauer. „Die Pfarrerin der Schlosskirche hat auch schon gefragt, ob sie die Putte mit dem Smartphone haben kann, die auf dem Altar steht.“ Mehling will sie spenden.

Im Innenhof des Schlosses Rumpenheim stellte Stephan Nüßlein aus Obernbreit seine Metallkunstwerke aus.  

Gleich nebenan haben Martin Britsch, Stefan Adloff und Sven Eismann aus Rumpenheim den „Garten der Zukunft“ erstellt: Kunstrasen, Betonblüten und Bienen, die in Endlosschleife auf iPads krabbeln. Davor stehen Schilder mit Regularien: „Spielen verboten“, „Betreten verboten“, „Mittagsruhe von 8 bis 20 Uhr“. An der Wand läuft ein düsteres Schwarz-Weiß-Video, auf dem Steingärten zu sehen sind. „Auch in Rumpenheim sind solche Neubauten entstanden“, sagt Eismann.

Matthias Block aus Rumpenheim ist mit dem Kajak auf „Beutefang“ im Main gegangen. Er hat 13 Fender gesammelt – Holzquader, die Schiffe beim Anlegen oder in der Schleuse als Stoßschutz verwenden. Das Treibgut steht jetzt im Kreisrund auf Baustahl aufgespießt im Schlosspark. „Wir wohnen hier am Main, aber keiner setzt sich damit auseinander, was hier tagtäglich vorbeischwimmt“, sagt Block.

Die Rumpenheimer Kunsttage gibt es seit 17 Jahren rund um Schloss Rumpenheim.

Wilhelm Hardt und Petra Maria Mühl riefen 2002 den Verein Kunst.Ort.Rumpenheim ins Leben und bauten das Kunstevent mit Vereinen, anderen Künstlern Offenbachs und des Umlandes und mit der Hochschule für Gestaltung auf. Seitdem findet es einmal jährlich statt.

Mit der Finissage am Freitag, 27. September, in der Schlosskirche enden die Kunsttage. Bis dahin sind die Skulpturen in der Kirche noch zu besichtigen.

Die feinen Damen Mathilde und Eleonore haben es sich auf einer Bank in einem kleinen Garten an der Fischergasse gemütlich gemacht. Jutta Ebert aus Offenbach hat die zwei lebensgroßen Figuren aus Holz, Draht, Pappmaché, Bauschaum und Ton geschaffen – und dazu noch zahlreiche kleinere Exemplare wie etwa den dickbäuchigen Franz Stadlmeier mit Lederhose und Trachtenstrümpfen, die Yoga-Helene oder die Lady Punk.

Wilhelm Hardt, der „Urvater“ der Rumpenheimer Kunsttage, hat in diesem Jahr sowohl das Wort als auch das Weltall für sich entdeckt. Auf seiner Wortwaage liegt auf der einen Seite eine Stahlkugel, auf der anderen Seite ein Blatt mit der Aufschrift „Nur dein Wort hat Gewicht“. An der Wand hängen konkave, dreidimensionale Materialbilder, die Exoplaneten darstellen. Sie sind aus Stuckgips hergestellt, mit Metallgitter verstärkt, das die Korona darstellen soll. „Sie haben die Farben und die Namen, die diese Gebilde im All haben“, sagt Hardt.

Alexandra Birschmann, Gastkünstlerin aus der Nähe von Mainz, hat große Porträts mit abstraktem Hintergrund geschaffen. Sie arbeitet mit Papier, das sie in verschiedenen Schichten in Collagearbeiten auf Leinwand bringt, bevor ein Kohleporträt darüber gelegt wird. „Ich porträtiere nur Personen, die ich kenne“, sagt sie. Sie wolle so zeigen, „dass ein Porträt auf keinen Fall langweilig ist“.

Birgit Helmes aus Darmstadt arbeitet dagegen mit einem textilen Medium auf Leinwand. Die Gewandmeisterin smokt und näht Leinen oder Samt mit der Hand, bevor sie es für ihre Gemälde auf Leinwand aufbringt, modelliert und mit Erdfarben bemalt.

Farbenfrohe Trinkgefäße der Geschirrserie „Dottys“ mit weißen Punkten und der Aufschrift „Offebecher“ sind bei Birgit Palt der Renner. „Die sind ein ewiger Quell der Arbeit für mich“, sagt die Porzellankünstlerin, die nicht nur ihren Verkaufsraum, sondern auch ihre Werkstatt mit der Töpferscheibe und den drei Brennöfen für die Besucher geöffnet hat. „Im nächsten Jahr feiert Rumpenheim 1200-jähriges Bestehen. Ich habe schon über eine extrem große Tasse, den ‚Rumpen-Eimer‘, nachgedacht.“

Im kommenden Jahr sind die Kunsttage am 19. und 20. September geplant. Vernissage ist am 18. September, 19 Uhr, in der Schlosskirche.  

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