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Der Rapper Kollegah im April 2018 bei der Echo-Musikpreisverleihung in Berlin. Foto: AFP

Antisemitismus

Kritik an Kollegah-Konzert in Offenbach - Stadt verteidigt Vermietung der Halle

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    Agnes Schönberger
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Gangsta-Rapper Kollegha will am Dienstag in Offenbach auftreten. Dagegen regt sich Widerstand. Die Stadt verteidigt die Vermietung der Halle.

Offenbach - Der umstrittene Rapper Kollegah will am Dienstag in der Offenbacher Stadthalle auftreten. Das sorgt im Vorfeld für Aufregung und Kritik. Denn mit ihm steht ein Musiker auf der Bühne, dem Antisemitismus, Schwulenhass und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen werden. 2018 hatte die Echo-Verleihung an Kollegah und Farid Bang einen Skandal ausgelöst, weil es in dem gewürdigten Album unter anderem hieß: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Der Musikpreis wurde abgeschafft.

Kollegah entwirft antisemitische Bilder 

Marius Hellwig hat die Debatten um Kollegah in den vergangenen Jahren intensiv verfolgt. Der Historiker, der als Bildungsreferent für die Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung arbeitet, hält die Vorwürfe gegen den Rapper für berechtigt. „Es ist eindeutig, dass er sich seit Jahren des ästhetischen Mittels bedient, über Verschwörungstheorien antisemitische Bilder zu entwerfen“, sagte Hellwig der FR.

Diese Tendenz sei in Texten und sonstigen Äußerungen Kollegahs sogar „immer deutlicher geworden“. Schon in älteren Texten habe er vom „Hurensohn-Holocaust“ oder der „Endlösung der Rapperfrage“ gerappt, im Video zum Song „Hardcore“ zitiere er offensiv faschistische Ästhetik.

Solche Dinge könne man noch als extreme Provokationen verstehen, wie sie im Battlerap üblich seien, sagte Hellwig. Doch wenn man verschiedene Texte und Videos von Kollegah gemeinsam betrachte, ergebe sich klar, dass er Versatzstücke eines antisemitischen Weltbildes verbreite. Am deutlichsten zeige sich das im Video zu dem Song „Apokalypse“.

Kollegah will mit Antisemitismus nichts zu tun haben

Dort stellt er die Menschheitsgeschichte als Kampf von „Gut“ gegen „Böse“ dar, wo der Teufel einen Ring mit Davidstern trägt. Nachdem das Gute gesiegt hat, wird am Ende des Videos beschrieben, dass „Buddhisten, Muslime und Christen gemeinsam die zerstörten Städte wieder errichten“. Dass Juden in der befriedeten Welt fehlten, sei „eine ganz eindeutige Aussage“, so Hellwig. Er hält die Behauptung Kollegahs, mit Antisemitismus nichts zu tun zu haben, für wenig glaubwürdig.

Um die Aufregung über die Auftritte des Skandalrappers zu verstehen, sollte man wissen, dass Kollegah vor allem bei Jugendlichen gut ankommt. Allein auf Youtube, Instagram und Facebook hat er über vier Millionen Follower. Und damit Einfluss. Hellwig meinte, generell bestehe die Gefahr, dass Kollegah gerade von unsicheren Jugendlichen auf Sinn- und Identitätssuche idealisiert werde und seine Texte als „Türöffner“ für antisemitisch konnotierte Verschwörungstheorien wirken könnten.

Während die Stadt Rastatt das für den 9. November (Jahrestag der Judenpogrome) geplante Konzert absagte, in Köln vor seinem Auftritt demonstriert wurde und in München um eine Absage des Konzerts heftig gestritten wird, gibt es in Offenbach zwar Kritik an dem Rapper. Forderungen, das Konzert zu verbieten, wurden bislang aber nicht laut. Auch der Umstand, dass eine städtische Gesellschaft keine Probleme mit der Vermietung der Halle an Kollegah hat, spielt in der Debatte keine Rolle. Das hat nicht nur mit Kunstfreiheit, sondern auch mit Geldverdienen zu tun.

Kollegah ist in Offenbach willkommen

Konzerte seien die wichtigste wirtschaftliche Sparte der Stadthalle, teilte Birgit von Hellborn mit. Sie ist Geschäftsführerin der Stadthalle Offenbach Veranstaltungs GmbH, einer Tochter der Gemeinnützigen Baugesellschaft Offenbach (GBO). Der wirtschaftliche Schaden durch einen Verzicht auf Konzerte und die Zusammenarbeit mit renommierten Agenturen wie „MSK Meistersinger“ (Veranstalter der Kollegah-Tournee) wäre wesentlich größer als der Verzicht auf politische Veranstaltungen, sagte sie.

Kollegah ist also willkommen, der frühere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz war es nicht. Denn seit 2013 schließt die GBO eine Vermietung an politische Parteien aus. Der Bann sollte sicherstellen, dass rechtsextreme Parteien nicht mehr unter Verweis auf eine Gleichbehandlung einen Auftritt in der Halle einklagen konnten.

Ähnlich argumentiert Bürgermeister Peter Freier (CDU), der auch im Aufsichtsrat von GBO und Stadtwerke Offenbach-Holding (SOH) ist. In der Stadthalle als öffentlich finanzierter Kultureinrichtung dürfe die Kommune keine einzelnen Verbote aussprechen. „Wenn man Kollegah ausschließen wollte, müsste man alle Rap-Auftritte in der Stadthalle verbieten“, schreibt Freier.

Kollegah und die antisemitischen Klischees

Er verweist zudem auf die Rechtsprechung zur künstlerischen Freiheit. Solange keine strafrechtlich relevanten Dinge vorlägen, müsse man vieles aushalten. Freier betonte allerdings auch, niemand müsse den Auftritt des „Künstlers“ hinnehmen. Jeder könne vor Ort deutlich machen, was er von ihm halte.

SOH-Sprecherin Regina Preis teilte mit, es gebe keine straf- oder ordnungsrechtlichen Bedenken gegen das Konzert. Dies sei vor Abschluss des Vertrags mit der Polizei und dem Ordnungsamt abgeklärt worden. Nach Angaben von Hellborns sind in der Stadthalle nicht nur parteipolitische Auftritte verboten, sondern auch Box- und Kampfveranstaltungen.

Nach Ansicht von Henryk Fridman vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Offenbach bedient Kollegah antisemitische Klischees. Seine Texte seien „ein Schlag ins Gesicht von Überlebenden der Shoa sowie deren Nachkommen“. Dennoch verzichte man auf Protestaktionen, „denn jede Aufmerksamkeit, die dieser sogenannte Künstler erhält, ist zu viel“. Für eine Absage des Konzerts sieht er keine rechtliche Basis.

Kollegah - Grenze des Zumutbaren

Der Sprecher der Offenbacher Grünen, Wolfgang Malik, forderte, ein klares Zeichen gegen Kollegah zu setzen und deutlich zu machen, dass es in Offenbach keinen Platz für Rassismus gebe. Ein Verbot hält er nicht für zielführend. „Es bringt nichts, die Zensurkeule zu schwingen.“ Darin ist er sich mit von Hellwig einig. Beide halten eine Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und antisemitischen Klischees für nötig. Dazu brauche es aber entsprechende pädagogische Angebote.

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Auch die SPD ist gegen eine Absage, behält sich aber eine Aktion gegen den Künstler vor. Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker hatte jüngst erklärt, Kollegah sei hier nicht willkommen, weil er Hass schüre und seine Texte antisemitische Botschaften enthielten. Becker zufolge gibt es Grenzen des Zumutbaren. Die künstlerische Freiheit ende dort, „wo die Würde des Menschen vorsätzlich verletzt wird“.

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