Polizisten nehmen Lou Reed nach dem abrupt beendeten Konzert hinter der Bühne fest.

Stadthalle

Hommage an das Skandalkonzert von Lou Reed in Offenbach

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
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Oliver Augst hat als Teenager den legendären Auftritt des Rockstars in der Offenbacher Stadthalle 1979 erlebt. Mit Künstlerkollegen hat er ein Hörspiel und ein Album über Lou Reed erarbeitet.

Offenbach hatte Glück. Als der US-amerikanische Rockmusiker Lou Reed am 6. April 1979 in der Stadthalle auftrat, oder besser gesagt, sich rar machte, eine Frau von der Bühne kickte und das frustrierte Publikum Stühle auf die Bühne schmiss und den Saal demolierte, hatte die Provinzstadt ihren Skandal. „Stadthalle in Trümmer gelegt!“, titelte damals die „Offenbach-Post“ über den Auftritt des Sängers, der das „friedfertige Publikum“ provoziert habe. Lou Reed wurde verhaftet. Selbst die Konzertagentur distanzierte sich von dem Sänger. Lou Reed sei ein Neurotiker, der in eine geschlossene Anstalt gehöre und nicht vor ein Rock’n’Roll-Publikum. Dem Veranstalter hatte wohl schon im Vorfeld Böses geschwant. Auf die Tickets hatte er vorsorglich drucken lassen: „Keine Haftung für Sach- und Körperschäden; in keinem Falle Rückerstattungsanspruch auf den Kaufpreis.“

41 Jahre ist der legendäre Abend nun her. Und heute ist die Stadt stolz darauf, Schauplatz des skandalösen Auftritts des damals schwerst drogen- und alkoholabhängigen Rockmusikers gewesen zu sein. Der in Offenbach aufgewachsene Oliver Augst hat ihm – zusammen mit den Pop-Eklektizisten Françoise Cactus und Brezel Göring von Stereo Total und der Dramaturgin Charlotte Arens – ein Hörspiel gewidmet. Es wird am Samstagabend in HR2 ausgestrahlt.

Augst hatte als 17-Jähriger das Skandalkonzert erlebt. Es war sein erstes Rockkonzert, das er besuchte, mitgeschleppt von seiner Tanzstundenpartnerin, in die er verliebt war. Der Teenager hatte keinen Schimmer, was ihn erwartete. Heute sagt er: „Für mich war es ein heilsamer Schock. Es gab nie eine bessere Art und Weise, mir zu erklären, was Rock bedeuten könnte.“

Hörspiel und Schallplatte

Das Hörspiel „Lou Reed in Offenbach“ von Oliver Augst sowie Françoise Cactus und Brezel Göring wird am 30. Mai um 23 Uhr in HR2 ausgestrahlt.

Die Uraufführung des Livehörspiels soll am 6. September beim Riviera- Festival in Offenbach stattfinden, mit der Originalbestuhlung von 1979. Die Premiere im Frankfurter Mousonturm Mitte März fand wegen der Corona-Krise nur als Livestream statt.

Die Schallplatte mit 12 Songs ist beim Offenbacher Label Unbreakmyheart erschienen. LP plus Programmheft sind dort für 15 Euro erhältlich (E-Mail: please@unbreakmyheart.de) sowie im Offenbacher Infocenter, Salzgässchen 1 . 

Auch Offenbachs heutiger Kulturamtsleiter kann dem desaströs endenden Auftritt in der Stadthalle nur Positives abgewinnen. „Wer sein komplettes Saalmobiliar durch die Siebziger gerettet hat, war im Zeitalter von Sex, Drugs & Rock’n’Roll definitiv unwichtig.“ Für Offenbach traf dies demnach nicht zu. Jimi Hendrix, The Who oder Frank Zappa traten in der Halle auf. Aber ihre „Konsekration als Rocktempel“, so Ziegler, bekam sie erst durch den Lou Reed.

Ein Bild der Verwüstung: Die Offenbacher Stadthalle nach der Saalschlacht.

Die Idee für das aktuelle Projekt entstand Anfang 2018 in Berlin-Kreuzberg in der Küche von Françoise Cactus und Brezel Göring, mit denen Augst schon häufiger zusammengearbeitet hat. Er erzählte den beiden von dem Konzert, das so abrupt endete. Wie verstört, aber auch beeindruckt er damals war. Cactus gefiel die Geschichte. Spontan schrieb sie erste Texte, nach zwei Wochen lag das Album in Songtexten vor. Im Sommer packte das Trio Musikinstrumente und Studioequipment in einen Kleinbus und fuhr ins Haus von Augsts Frau nach Südfrankreich. In zehn Tagen entstanden Hörspiel, Bühnenversion und Album. „Das musste einfach raus“, sagt Augst. Dabei gab es damals noch keinen Auftrag, nicht einmal eine Absprache. HR2 und WDR2 haben das Hörspiel produziert, gefördert wurde das Projekt vom Frankfurter und Offenbacher Kulturamt und vom hessischen Kunstministerium.

Für das Trio ist das Hörspiel eine Hommage an und Fabulation über Lou Reed und das eigene Fansein. Es geht ihnen nicht um eine Dokumentation des Abends. „Das wäre langweilig“, meint Augst. Entstanden ist ein vielschichtiges, hochspekulatives Porträt des Rockstars und der damaligen Zeit. Es kommen Menschen aus Lou Reeds Umfeld zu Wort, seine Geliebte, seine Mutter, Weggefährten. Den aggressiven Sänger lassen die drei Fans mit Blick auf das Skandalkonzert sagen: „I hate the audience“. Und: „Who cares about Offenbätsch“?

Ein Interview mit Oliver Augst über das Konzert und die Folgen lesen Sie hier

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