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Polizei im Einsatz.

Offenbach

„Zu Boden gedrückt und geschlagen“

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Ein 26-Jähriger mit Tourette-Syndrom beklagt Polizeigewalt in Offenbach. Die Beamten gingen nach einem Notruf von Bedrohungslage aus.

Juan Soriano sagt, er sei von der Polizei misshandelt worden, als er seinem kleinen Bruder Philipp beistehen wollte. Obwohl er den Beamten erzählt habe, dass er unter dem Tourette-Syndrom leide, hätten diese ihn zu Boden geworfen. Ein Beamter habe sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn gesetzt, sodass er kaum noch Luft bekommen habe und in einen Schockzustand verfallen sei. Seine Hinweise, unter motorischen und verbalen Ticks zu leiden, seien ignoriert worden. Stattdessen seien zwei weitere Polizisten hinzugekommen, und zu dritt hätten sie auf ihn eingeschlagen.

Die Vorwürfe des 26-Jährigen sind hart. Der Offenbacher mit spanischen Wurzeln sagt, er habe noch nie mit der Polizei zu tun gehabt. Er vermeide Stress, auch damit sich sein Tourette-Syndrom nicht verschlimmere. Seit dem Vorfall, der sich an einem Nachmittag Mitte März in der Nähe des Ostbahnhofs ereignete, leide er unter Panikattacken und Schlafstörungen. Von einem Arzt hat er sich Verletzungen im Gesicht, an Knien, Schulter und Rücken attestieren lassen.

Juan Soriano hatte sich am 16. März mit seinem 14-jährigen Bruder und etwa 20 anderen Jugendlichen in der Spießstraße verabredet, um ein Musikvideo zu drehen. Er biete das den jungen Leuten kostenlos an, „damit sie weg von der Straße kommen“, sagt er. Gedreht werden sollte auch in dem Frisörsalon ck-Can. Der Laden sei jedoch noch gut besucht gewesen, deshalb hätten sie davor gewartet. Plötzlich habe es einen Knall gegeben, wie ein Schuss habe es sich angehört, erinnert sich Soriano.

Um 15.20 Uhr geht bei der Polizei ein Notruf ein. Eine Anwohnerin soll mitgeteilt haben, aus einer Gruppe von etwa 25 Personen heraus seien Schüsse gefallen. Die Zeugin will auch eine Waffe gesehen haben. Die Polizei rückt mit mehreren Streifenwagen aus. „Nach dieser Meldung mussten wir von einer unklaren Bedrohungssituation ausgehen. Dies erfordert grundsätzlich ein entschlossenes Handeln der Polizei“, rechtfertigt Polizeisprecher Rudolf Neu den Einsatz und das von Soriano kritisierte rabiate Vorgehen der Ordnunghüter.

Laut Polizei wurden vor Ort keine Jugendlichen mehr angetroffen. Sie waren weggerannt. In der Nähe kontrollierten die Beamten wenig später mehrere Personen, die zu der Gruppe gehört haben sollen. Zwei Jugendliche, darunter der 14-jährige Philipp, wurden vorläufig festgenommen. Sie hätten flüchten wollen und sich den Anweisungen der Polizei „körperlich widersetzt“, sagt Neu.

Soriano schildert die Situation anders. Nach seinen Worten bekam sein Bruder Handschellen angelegt und wurde zu Boden gezwungen. Den 15-jährigen Christian habe ein Polizist mit einer Pistole bedroht, auf den Boden geworfen und ins Gesicht getreten.

Als er mitbekommen habe, wie die Situation eskalierte, habe er vermitteln wollen, sagt der 26-Jährige. Er habe erklärt, Philipps Aufsichtsperson zu sein und an einer Behinderung zu leiden. Die Beamten habe das wenig beeindruckt. Sie hätten von ihm verlangt, sich auf den Boden zu legen. Als er aufstehen wollte, sei es zu den Misshandlungen gekommen, sagt Soriano. Beweise dafür hat er nicht. Die Polizei hat die Speicherkarte seiner Kamera sichergestellt, auf der Aufnahmen zeigen sollen, „dass wir gundlos angegriffen wurden“.

Soriano hat heute einen Termin bei seinem Anwalt, um mit diesem das weitere Vorgehen zu beraten. Die Polizei hat ihn wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angezeigt. Sie ermittelt außerdem wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz gegen eine weitere Person. Die Polizei geht davon aus, dass bei dem Vorfall eine Schusswaffe benutzt wurde.

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