Sebastian Herkner hat in Offenbach Produktdesign studiert.

Design

Offenbach: „Ein schöner Stuhl muss auch bequem sein“

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Sebastian Herkner, in Paris als Designer des Jahres 2019 ausgezeichnet, spricht im FR-Interview über altes Handwerk und Ehrlichkeit.

Er ist jüngst 38 geworden. Und gehört doch schon seit Jahren zu den international anerkannten Produktdesignern. Auf der Messe Maison et Objets in Paris wurde Sebastian Herkner, der an der Hochschule für Gestaltung studierte und dort immer wieder als Gast Gastdozent tätig ist, jüngst zum „Designer des Jahres 2019“ gekürt. 2011 hatte er den deutschen Design-Preis als „bester Newccomer“ erhalten.

Sind Sie jetzt ein Star der internationalen Designszene, wie ein Journalist schrieb?
Was soll ich dazu sagen? Das ist ein Titel, der jedes Jahr auch im Dschungelcamp vergeben wird. Ich bezweifle deshalb, ob das jetzt noch so ein tolles Prädikat ist.

Was bedeutet Ihnen die aktuelle Auszeichnung?
Das ist natürlich eine große Ehre. Und eine Bestätigung meiner Designphilosophie, die ich über zwölf Jahre entwickelt habe.

Und die wäre?
Mir sind Qualität, die Echtheit von Materialien, die Art der Produktion, Nachhaltigkeit und die Besinnung aufs Handwerk wichtig. Aber wir sind hier in unserem Studio keine Traditionsschmiede, ondern verbinden alte Techniken mit neuen Technologien. 3D-Drucker und computergestützte Fertigungstechniken spielen ebenso eine wichtige Rolle. Eine gute Balance zwischen beidem ist entscheidend.

Ist das nicht ein Widerspruch: Sie haben Industriedesign studiert und trotzdem ein Faible für traditionelles Handwerk?
Ich nenne mich lieber Produktgestalter. denn Industrie klingt sehr maschinell. Ich bin sicherlich durch Offenbach geprägt. Ich wollte damals an die HfG, weil sie dort eigene Leder- und Keramikwerkstätten hatten. Leider wurden sie zu Beginn meines Studiums geschlossen. Auch den Niedergang der Lederindustrie habe ich hier erlebt. Es gibt nur noch zwei kleine Manufakturen. Das finde ich schade. Denn die Kultur und Tradition, die die Stadt auch ausmachen, sind verlorengegangen. Die Stadt hat damit ein bisschen ihre Identität verloren. Diese Beobachtung war mit ein Grund, dass ich mich auf das Handwerk fokussiert habe.

Der Durchbruch gelang Ihnen 2012 mit dem Beistelltisch „Bell Table“, der durch seinen Materialmix verblüfft. Der Messingtisch wird von einem Fuß aus mundgeblasenem Glas getragen, Materialien, die vor zehn Jahren eher out waren. 
Das ist richtig. Es dauerte drei Jahre, bis ich einen Hersteller gefunden hatte, weil damals kein Hersteller an Messing und Glas interessiert war. Mittlerweile ist das ein großer Trend. Nicht ganz so lange dauerte es, nämlich nur ein paar Wochen, bis ich mit Poschinger im Bayerischen Wald eine Glasmanufaktur gefunden hatte. Die gibt es seit 450 Jahren. Damals ging es dem Betrieb auftragstechnisch schlecht. Aber seit die Firma ClassiCon den Bell Table 2012 in ihr Programm aufnahm, wird der Tisch dort täglich produziert. Die Firma hat wieder eine Zukunft und kann wachsen.

Was ist für Sie wichtiger: Funktion oder gutes Aussehen?
Sie spielen damit auf den Gestaltungsgrundsatz des Bauhauses an. Aber ich sage Ihnen. Selbst das Bauhaus war nicht nur ein weißer Würfel. Es hat auch mit Farben gespielt und es war dekorativ, wenn man an die Arbeiten von Anni Albers denkt. Ich bin überzeugt, ein gut funktionierendes, aber unattraktives Produkt wird nicht gekauft. Ein schöner Stuhl muss eben auch bequem, sein.

Wie haben Sie Ihren Stil gefunden?
Ich weiß nicht, ob ich ihn gefunden habe. Das ist doch ein dauernder Prozess. Der Stil entwickelt sich weiter, weil er beeinflusst wird durch gesellschaftliche und technologische Veränderungen. Und darauf muss man reagieren und nicht stur an einem Stil festhalten.

Sie sind fast die Hälfte des Jahres unterwegs, etwa in Kolumbien und Asien. Was suchen Sie dort?
Wir besuchen Manufakturen. Das sind Familienbetriebe, in denen die Kunst des Flechtens, Teppichknüpfens und der Keramikgestaltung noch vorhanden sind. In Deutschland gibt es diese Techniken teils nicht mehr, weil die Produktion hier zu teuer war. Als Designer muss ich mir natürlich auch Gedanken um den Preis machen. Bei dem Thonet-Stuhl 118 war es wichtig, dass er um die 300 Euro und nicht mehr kostet, aber trotzdem die Thonet-DNA transportiert.

Sie lassen auch auf den Philippinen produzieren.
Richtig. Dort flechten Handwerker für die deutsche Firma Dedon mit viel Präzision Gartenmöbel. Vier Tage benötigt ein Handwerker für meinen Mbrace Lounger. Das braucht Geduld, Leidenschaft und Wissen. Davor habe ich größten Respekt. Denn wie sieht es bei uns aus? Die Bahn muss pünktlich sein, wir lassen uns von Amazon Waren am selben Tag liefern und schicken sie zurück, wenn wir sie nicht mögen. Ich meine, wir müssen in unserer Kultur wieder lernen, Geduld und Respekt zu haben. Und dankbar für die vielen Annehmlichkeiten zu sein.

Worauf kommt es beim Design an?
Auf die Beobachtungsgabe. Auf Instinkt, auf Intuition. Wenn ich reise, lasse ich mich immer von dem Land, den Farben, der Kultur inspirieren. Und dann gilt es, das Handwerk so zu übersetzen, dass es international funktioniert.

Wieso ist Offenbach der ideale Arbeitsplatz für Sie?
Es gefällt mir hier, weil so viele Kulturen zusammenkommen. Es ist Multikultur hier. Und das ist eine tolle Bereicherung.

Sebastian Herkner - Zur Person

Sebastian Herkner, 38, aus Bad Mergentheim (Baden-Württemberg) kam 2001 zum Produktdesign-Studium an die Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Schon vor dem Abschluss 2007 machte er ein Praktikum bei der Designerin Stella McCartney in London. 2006 gründete er sein eigenes Studio, es befindet sich bis heute in der Geleitsstraße 92. Herkner beschäftigt zwei Mitarbeiter sowie Freelancer und Praktikanten.

Zu seinen Kunden gehören Firmen wie Bullerjan, Pulpo, Moroso, Rosenthal und die Glasmanufaktur von Poschinger. Außerdem ist er als Innenarchitekt tätig und gestaltet Ausstellungen auf Messen und in Museen.

Traditionelle Handwerkskunst verbindet er mit modernen Formen.

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