+
Die Pflanzen müssen noch wachsen und die Nistkästen noch aufgehängt werden: Blick auf eines der neuen Gemeinschaftsgräber.

Neuer Friedhof

Stilles Gedenken im Strandstuhl

  • schließen

Auf dem Neuen Friedhof in Offenbach wurde am Donnerstag der 100. deutsche Memoriam-Garten eröffnet. Die Nachfrage nach modernen und pflegeleichten Begräbnisformen wächst stetig.

Der gesellschaftliche Wandel macht an den Friedhofsmauern nicht halt: So wie die Pflege von Angehörigen stellt auch die Pflege von Gräbern für immer mehr Menschen eine Aufgabe dar, die sie nicht stemmen wollen oder können – zumal, wenn sie in einer anderen Region leben. Seit Jahren steigt deshalb die Nachfrage nach Plätzen in Gräberfeldern – sogenannten Memoriamgärten. Ein Gärtnerei und Steinmetzteam kümmert sich dort gegen Bezahlung für viele Jahre um Gräber und Grabmale,

So auch in Offenbach: Die Erweiterung des Gräberfelds auf dem Friedhof im Stadtteil Bieber ist noch gar nicht fertiggestellt, trotzdem sind dort schon alle 28 Begräbnisstellen „ausgebucht“. „Die Plätze gehen weg wie geschnitten Brot“, erzählt die Sprecherin der Stadtwerke Offenbach, Sigrid Aldehoff. Gestern wurden die Kapazitäten nun ordentlich erweitert: Auf dem Neuen Friedhof kurz vor der Mühlheimer Stadtgrenze entstand die fünfte und mit Abstand größte Gemeinschaftsgrabanlage der Stadt. Unter einer vielfältig bepflanzten Erdschicht finden dort auf 1500 Quadratmetern 700 Verstorbene Platz – meist in Urnengräbern. Als erste Person wird dort demnächst der ehemalige Offenbacher CDU-Stadtverordnete Michael Weiland beigesetzt.

Neuer Friedhof: Die Hinterbliebenen nicht belasten

„In Gesprächen haben mir viele Menschen gesagt, dass sie ihre Hinterbliebenen nicht belasten wollen“, erklärt Offenbachs Beteiligungsdezernent Peter Freier (CDU) einen der Beweggründe dafür, warum die Leute an Bestattungsplätzen in Memoriamgärten interessiert sind. Doch das Rundum-Angebot hat seinen Preis: Ein 25-jähriges Belegrecht im immer gut gepflegten Gräberfeld – samt kleinem Grabmal mit Name und Daten – kostet 2300 bis 9500 Euro plus Friedhofsgebühren.

Die neue Anlage in Offenbach hat die Stadtwerke 80 000 Euro gekostet, den Rest hat die Treuhandstelle für Dauergrabpflege in Kooperation mit einer Arbeitsgemeinschaft aus lokalen Gartenpflege- und Steinmetzbetrieben aufgebracht, die sich in den kommenden Jahrzehnten um die Anlage kümmern wird.

Der Sprecher der AG, Friedhofsgärtner Ulrich Fernau, gerät ins Schwärmen, wenn er von den über 170 Pflanzenarten erzählt, die er mit seinem Team in den vergangenen Wochen in Offenbach in die Erde gesetzt hat. „Wir wollten etwas Außergewöhnliches“, erzählt Fernau. Das ist ihm gelungen: Rund um ein steinernes Schiff, das einmal zum Brunnen werden soll, hat Fernaus AG etwa eine kleine Sanddüne mit Gräsern angelegt. Es gibt einen Strandstuhl und im Halbkreis platzierte Steinquader, sodass in Kooperation mit dem Verein Treffpunkt Friedhof auch kleine Veranstaltungen wie Lesungen auf dem Gräberfeld möglich sind.

Vom Frühjahr bis Winter soll dort etwas blühen, sagt Fernau. Der Landschaftsgestalter hat dabei sowohl auf Traditionen geachtet wie auf das Klima. So wächst im Memoriamgarten künftig zum Beispiel Mohn in verschiedenen Farben, weil die Friedhöfe früher oft am Feldrand lagen und sich der Mohn dort von selbst ausgesät hat, wie Fernau erklärt. Dickblattpflanzen wie Sedum und Hauswurze sollen die immer heißer werdenden Sommertage überstehen. Auch eine Quitte und eine Trauerweide werden noch gepflanzt, um Schatten zu spenden – sowie auch eine Pergola über den Steinquadern. Die üppigen Blüten von Lavendel und Zitronenmelisse sollen Bienen anziehen.

Gerade die Aufenthaltsqualität sei ein wichtiger Aspekt bei der Gestaltung der Gräberfelder, erklärt die Vorsitzende des Bundes deutscher Friedhofsgärtner, Birgit Ehlers-Ascherfeld: „Die Leute wollen etwas Gartenähnliches, einen Ort, wo man sich hinsetzen kann, um in Ruhe den Vögeln zuzuhören. Einen Ort mit Kunst und Wasser.“ Während an der Technik des Brunnens in der Mitte von Offenbachs neuem Memoriamgarten noch gearbeitet wird – er plätscherte am Donnerstag nicht –, können die Vögel, die dort einmal singen sollen, bald einziehen: Die Friedhofsverwaltung hat 40 Nistkästen zum Bemalen an Kindergärten verteilt. Sie werden dieser Tage in den Bäumen rund um das Gräberfeld aufgehängt.

Bestattungsarten

Das neue Gräberfeld in Offenbach ist laut Treuhandstelle für Dauergrabpflege das 100. solche Feld in Deutschland und das 25. in Hessen. Das erste wurde 2009 in Schwerin angelegt.

Drei Begräbnisarten gibt es in Offenbachs neuem Gräberfeld: in einer (biologisch abbaubaren) Aschekapsel im Partnergrab oder im Gemeinschaftsgrab oder im „traditionellen“ Erdgrab.

Mehr Infos gibt es im Internet auf offenbach.de/friedhoefe, telefonisch (069/8400 04 595) oder per E-Mail an andreas.baer@eso-of.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare