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Von außen sieht man dem Bahnhof nicht an, dass er innen zu großen Teilen ungenutzt ist.  

Offenbach

Offenbach: Ein Hauptbahnhof im Wartemodus

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Die Initiative „HBF OF“ lässt prüfen, was aus dem alten Bau mitten in der Stadt Offenbach werden könnte - und auch auf einem Nachbargrundstück an den Gleisen tut sich was.

Wenn während seiner Kindheit in den 60ern eine Zugfahrt von Rodgau nach Offenbach anstand, sagte die Mutter von Winfried Sahm: „Wir fahren jetzt in die Stadt!“ Doch für den heute 68-jährigen Psychologen und Kommunalpolitiker war die Fahrt damals gar nicht so besonders, fuhr er doch täglich mit dem „Rodgau-Express“ nach Offenbach zur Schule – und kam wegen der berüchtigten Unpünktlichkeit dieser Verbindung acht Jahre lang immer wieder zu spät.

Es sind Anekdoten wie diese, die bei den Erzählcafés der Initiative „HBF OF“ ausgetauscht werden – zuletzt wieder am vergangenen Wochenende. Die Nachmittage kommen wohl gut an. Doch es ist die Zukunft des Offenbacher Hauptbahnhofs, die den Mitgliedern der 2017 gegründeten Gruppe besonders am Herzen liegt: Denn das 1873 errichtete und 1927 umgebaute Gebäude darbt jenseits des Durchgangs zum benachbarten Stadtviertel und dem Zugang zu den Gleisen seit Jahren ziemlich verrammelt und verlassen vor sich hin. Trotz der Lage mitten in der Stadt gibt es dort keinen einzigen Laden mehr, weite Teile der oberen Stockwerke sind ungenutzt und barrierefrei ist in dem Gebäude gar nichts.

Zwei Veranstaltungen gibt es dieses Jahr im Bahnhof noch. Am heutigen Freitag, 4. Oktober, läuft ab 19 Uhr im Kulturgang (Seiteneingang am Paradiesgarten) der Film „36 Husbands“ – der Soundtrack wird live gespielt. Am Sonntag, 6. Oktober, werden ab 19 Uhr Kurzfilme und der Film „Touch Me Not“ gezeigt. Der Eintritt ist frei.

Eine Ausstellung mit Schwarz-Weiß-Fotografien des Vereins „New Camera“ ist während der Veranstaltungen im Bahnhof geöffnet. fab

Eine von „HBF OF“ angestoßene Machbarkeitsstudie soll nun aufzeigen, welche künftigen Nutzungen innerhalb der zu sanierenden Bausubstanz denkbar sind. „Wir sind überzeugt davon, dass die Reaktivierung und Sanierung des Hauptbahnhofs machbar und auch finanzierbar ist“, sagt Kai Schmidt, einer der Mitinitiatoren von „HBF OF“. „Fachlich geprüft haben wollen wir dies aber auf jeden Fall, alles andere wäre verantwortungslos.“ Mitte 2020 sollen Ergebnisse vorliegen.

Stichpunktartig hat die Initiative schon jetzt Leben in das Gemäuer gebracht – genauer gesagt: In einen Hinterhof an den Gleisen und in die ehemaligen Toilettenräume, deren Nutzung die Deutsche Bahn samt davor liegendem Gärtchen im vergangenen Jahr genehmigt hat. Ob Filmabende, interkulturelle Abendessen oder Akkordeonkonzerte – zumindest dieser kleine Randbereich des Bahnhofs ist dem Dornröschenschlaf bereits entkommen. An diesem Wochenende stehen noch einmal Filmabende an – danach ist wegen der sinkenden Temperaturen für dieses Jahr Schluss.

Wie es weitergehe, wenn die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie vorliege, sei völlig offen, sagt Schmidt und ergänzt: „Wir sind aber kein Kulturverein, sondern es geht uns um den Hauptbahnhof.“ Will heißen: Die Aktiven wollen nicht lockerlassen, bevor ein plausibles Nutzungskonzept für den Komplex steht. Offen ist dabei auch, ob die Initiative zur Bürgergenossenschaft wird und das Gebäude kauft oder ob diese Rolle eine städtische Tochtergesellschaft übernimmt – um zwei Ideen zu nennen. Sowohl gewerbliche, kulturelle oder Wohnnutzungen seien vorstellbar. Zwei ehemalige Unterkünfte von Bahnbediensteten sind sogar noch bewohnt. Ansonsten gibt es vor allem: viel Raum für Kreativität.

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Veränderungen stehen auch auf einem Nachbargrundstück an, das die Stadt von der Bahn erworben hat, um dort alternativen Wohnprojekten oder der städtischen Baugesellschaft GBO die Möglichkeit zum Bauen zu geben. Bis zu 15 Wohnungen und ein kleiner Park sollen entstehen. Zunächst soll aber ein flacher Verwaltungsbau auf dem Grundstück zwischengenutzt werden, Mitglieder von „HBF OF“ haben das Gebäude gerade mit dem Quartiersmanager Michael Englert ausgemistet. „Etliche Initiativen und Gruppen haben schon Interesse an einer Zwischennutzung angemeldet“, sagt Englert. Wer sich dafür interessiert, kann ihm unter englert@qurban.de eine E-Mail schreiben.

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