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39 Mitglieder hat die Genossenschaft Creativ-Häuser – einige werden in die Fabrik einziehen.

Offenbach

Offenbach: Genossenschaft schafft günstige Wohnungen in Fabrik

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Mitten im Offenbacher Stadtteil Bürgel entstehen Wohnungen und ein Kulturcafé. Eine weitere Initiative plant in der Stadt ein Wohnprojekt für Kreative.

Etwas Vorstellungskraft braucht man noch beim Durchschreiten der ehemaligen Maschinenfabrik der Gebrüder Hau im Offenbacher Stadtteil Bürgel: Dort, wo durch große schmutzige Scheiben derzeit bestenfalls etwas fahles Licht in eine mit Moos bewachsene Industriehalle scheint, soll nach dem Willen der Genossenschaft Creativ-Häuser in den nächsten anderthalb Jahren ein gemeinschaftliches Wohnprojekt entstehen. Ein Projekt, das es so in Offenbach noch nicht gibt: Geplant sind rund 15 Wohnungen auf mehreren Stockwerken, gruppiert um Gemeinschaftsräume wie etwa einen loftartigen Arbeitsraum, eine Sauna und einen Dachgarten – den ein Genossenschaftsmitglied in einen urbanen „Dschungel“ verwandeln möchte. Skyline-Blick inklusive. Im Erdgeschoss ist ein Kulturcafé geplant.

Wollen mit anderen Kreativen leben: Josef Krzyzanek (li.) und Bero Blumöhr.

Trotz des Altbau-Charmes und der Neubauqualität, die die Wohnungen nach Abschluss der Arbeiten haben werden, sollen die Mieten bei nur 7,50 Euro kalt liegen – halb so viel wie derzeit in der Stadt für gut gelegene neue Wohnungen verlangt wird. Das geht so: Einige Leute aus Offenbach und anderen Teilen der Region haben 2018 die Genossenschaft gegründet und sich mit je 7000 Euro daran beteiligt. Manche haben Darlehen beigesteuert. Dazu kam ein Kredit. So ist es den Genossenschaftlern rund um den Makler Rudolf Gaul und den Ingenieur Udo Gann gelungen, die Fabrik zu kaufen. Ende des Jahres werde der Bauantrag gestellt, erzählt Geo Oeter, ein Frankfurter Architekt, der den Umbau plant und Genossenschaftsmitglied ist. Im Frühjahr könnten dann die Umbauarbeiten beginnen.

„Es erfolgt keine profitorientierte Vermarktung von Wohn-, Arbeits- und Kulturraum“, lautet einer der Leitsätze der Genossenschaft. Das ist selten so in Offenbach, wo es der Stadt nicht gelingt, in größerem Umfang bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und viel teure Wohnungen entstehen. Kein Wunder, dass viele am Mitwohnen in der alten Hau-Fabrik interessiert sind: 39 Mitglieder hat die Genossenschaft bereits. Und für die Wohnungen gibt es schon vor Baubeginn eine Warteliste, erzählt Udo Gann.

Er selbst will dort leben, weil er die alten Räume „einfach inspirierend“ findet. Viele reizt vor allem das Zusammenleben mit anderen Menschen: In Bürgel sollen Leute im Alter von 0 bis 88 einziehen, erzählt Rudolf Gaul. Nicht dabei ist Jura Nic, die mit Mann und zwei Kindern in einer Wohnung in Rodgau wohnt. Gerne würden sie in einem solchen Wohnprojekt leben, erzählt sie. Sie hofft auf die Zukunft – denn die Genossenschaft hat zwei weitere Gebäude in Offenbach im Blick. Bis 2023, schätzt Gaul, könne man bis zu 100 Wohnungen schaffen. Auch wenn die Bürokratie „viel Energie“ koste, wie er sagt. Tatsächlich ist es in den letzten Jahren niemandem gelungen, ein vergleichbares Projekt in der Stadt zu realisieren. Der Verein „Lebenswert“ etwa versucht seit 2009 erfolglos, ein zweites Mehrgenerationenhaus zu etablieren.

Netzwerken

Wer Interesse an gemeinschaftlichem Wohnen in Offenbach hat, kann an diesem Samstag ab 14 Uhr in die Räume des Kunstvereins im 1. Stock des Komm kommen – die Grünen laden zum Netzwerktreffen lokaler Initiativen ein.

Mehr Infos zu der Genossenschaft, die in Bürgel bauen will, gibt es im Internet auf www.creativhaeuser.de.

Die Gruppe, die ein Wohnprojekt für Kreative anstrebt, präsentiert sich auf www.creativhaus-offenbach.de.

Doch es kommt Bewegung in die Sache. So will die Stadt, dass im Neubaugebiet Waldhof-West auch gemeinschaftliche Wohnprojekte zum Zug kommen. Auch auf einem Grundstück am Hauptbahnhof wünscht man sich ein solches Wohnprojekt. Der Grund liegt wohl in den erwarteten Wechselwirkungen: Dem Soziologen Gerd Kuhn zufolge tragen solche Wohnprojekte mit ihrem Engagement und Bewohnermix zur „Stabilisierung von Nachbarschaften“ bei, wie er sagt. Er rät den Städten bei vorrangiger Vergabe von Bauland aber dazu, zu fragen, „was die Gruppe dem Gemeinwohl zurück“ gebe.

Ein weiteres Wohnprojekt plant seit einigen Jahren eine Gruppe um den Architekten Josef Krzyzanek und den Verein Creativ-Haus Offenbach, die seit 2015 auch als Genossenschaft firmiert. Die Namensähnlichkeit mit jener Genossenschaft in Bürgel ist kein Zufall: Beide sind aus derselben Gruppe hervorgegangen, die vor einigen Jahren temporär im ehemaligen IHK-Haus neben dem Offenbacher Rathaus Wohn- und Kulturräume eingerichtet hatte.

Krzyzaneks Genossenschaft hofft, bis Ende des Jahres einen Kaufvertrag für ein Gebäude in Offenbach unter Dach und Fach zu haben. Interessierte mit wenig Geld – etwa Studierende – sollen von anderen Genossenschaftsmitgliedern Unterstützung bekommen. „Wir wollen, dass Jung und Alt, Arm und Reich zusammenleben“, sagt Krzyzanek. Alle sollen sie bis ins hohe Alter Kunst und Kultur machen können. Krzyzanek ist überzeugt, dass ein solches Projekt im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung und Innenstadtbelebung sei.

Einen ersten Raum hat der Verein Creativ-Haus Offenbach gerade im Einkaufszentrum Komm bezogen: Ab Dezember soll es hier Kulturveranstaltungen geben. „Das ist eine Kreativschmiede, ein Labor, mit dem wir Impulse für die Innenstadt geben wollen“, sagt Krzyzanek hoffnungsfroh.

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