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Auf diesen Feldern am Rande Waldhofs soll „Waldhof-West“ entstehen.

Offenbach

Offenbach: „Gar nicht zu bauen,das geht aktuell einfach nicht“

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Offenbachs Planungsdezernent Paul-Gerhard Weiß diskutiert mit dem ehemaligen OB und Stadtteilaktivisten Wolfgang Reuter über das geplante Baugebiet „Waldhof-West“.

Die Stadt Offenbach will auf den Feldern zwischen den Stadtteilen Bieber und Waldhof ein recht dichtes Quartier bauen. Bestehendes Grün soll teilweise erhalten bleiben. Ein Ideenwettbewerb läuft. Doch manche Anwohner wollen vor ihrer Haustür kein Baugebiet sehen. Die Diskussion um Waldhof-West ist beispielhaft für die ganze Region.

Herr Reuter, warum protestieren Sie gegen die in Waldhof-West geplanten 600 Wohnungen?
Wolfgang Reuter:600 Wohnungen auf zehn Hektar sind viel zu viel. Dort nur die Hälfte zu bauen, wäre ökologisch vernünftiger und würde die Sozialstruktur des Stadtteils nicht belasten. Was wir in Waldhof auf keinen Fall wollen, ist, dass aus Platzmangel in die Höhe gebaut wird. Das wollen wir nach den Negativerfahrungen von Lauterborn, Mainpark und in Waldhof „Am Michelsee“, wo in den 70ern viele Sozialwohnungen auf einem Fleck entstanden sind, nicht mehr sehen. Wir haben die Sorge, dass Probleme, wie überfüllte Mülltonnen und eine damit zusammenhängende Rattenplage, neu geschaffen werden durch eine verdichtete Bebauung in Waldhof-West. Wir müssen aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen. Niedrigere mehrgeschossige Gebäude wären noch akzeptabel.

Es soll bis zu fünf Stockwerke hoch gebaut werden. Sind Sie denn komplett gegen Sozialwohnungen, so wie manche in der letzten Bürgerversammlung in Waldhof im August?
Reuter:Überhaupt nicht – ich finde die Quote mit 30 Prozent gefördertem Wohnraum sogar noch zu niedrig, und als Mitglied im Seniorenbeirat füge ich hinzu: Die neuen Wohnungen müssen bezahlbar und barrierefrei sein. Nur zu dicht sollte eben nicht gebaut werden.

Tatsächlich war einmal geplant, in Waldhof-West weniger dicht zu bauen.
Paul-Gerhard Weiß:Die 600 Wohnungen sind mehr, als wir dort ursprünglich geplant hatten, das gebe ich zu. Doch die Welt hat sich verändert in den letzten Jahren. Der Regionalverband hat in den nächsten Jahren einen Bedarf von 12 000 zusätzlichen Wohnungen für Offenbach angemeldet. Für bis zu 7 000 haben wir eine Idee – bei dem Rest wissen wir noch nicht, wo sie entstehen sollen. Und das Land hat im Landesentwicklungsplan Vorgaben gemacht für die Dichte der Bebauung und die schreibt für Oberzentren mindestens 60 Wohneinheiten pro Hektar vor. Und das ist keine unverbindliche Empfehlung, sondern eine harte rechtliche Vorgabe, der wir uns nicht einfach entziehen können.

„Aus der Vergangenheit lernen“: Wolfgang Reuter (links) hat Paul-Gerhard Weiß ein altes Prospekt vom Stadtteil Waldhof mitgebracht.


Aber sollte bei 600 Wohnungen nicht auch eine neue Schule gebaut werden? Im Baugebiet ist nur eine Kita geplant.

Weiß:Die künftigen Schulstandorte im Stadtteil Bieber decken den Bedarf im Neubaugebiet schon mit ab.
Reuter:Meine Bedenken sind, dass zuerst Straßen und Kanalisation angelegt werden und dann die Häuser entstehen – und ein Jahrzehnt später kommt dann die erste Kita. Diese Reihenfolge ist für diejenigen, die dort zuerst einziehen ein riesiger Nachteil. Ich weiß, wovon ich rede: Ich bin 1974 nach Waldhof gezogen, und als dort das Jugendzentrum eröffnet wurde, waren meine Kinder schon erwachsen. Jede einzelne öffentliche Einrichtung hier musste mühsam erkämpft werden: Das ging los mit der Kita, dann kam die Schule, dann die Turnhalle. Bis heute gibt es kein richtiges Zentrum.

Bei einem Neubaugebiet im benachbarten Bieber verzögert sich der Schulneubau ja tatsächlich...
Weiß:Wir sind dort etwas hintendran, das hat mit den aktuellen Problemen auf dem Personalmarkt zu tun: Ich habe bald keine Leute mehr im Amt für Hochbaumanagement! Aber 2022 oder 2023 wird die Schule stehen. Bis dahin wird in Containern gelernt. Und was die Entwicklung des Einzelhandels angeht, steigen meiner Meinung nach die Chancen für den Stadtteil sogar, wenn er etwas größer ist. Er war vom Einzugsgebiet her manchmal einfach zu klein.

Infos und Termine Paul-Gerhard Weiß(FDP) ist in Offenbach als Dezernent für Stadtplanung, Umwelt und Bildung zuständig.

Wolfgang Reuter(SPD) war von 1986 bis 1994 Oberbürgermeister von Offenbach. Er lebt im Stadtteil Waldhof und engagiert sich im Arbeitskreis Waldhof.

Beide diskutierenkommende Woche vor Ort miteinander: Weiß besucht am Dienstag, 17. September um 19:30 Uhr die aktuelle Sitzung des Arbeitskreises Waldhof im Treff Waldhof in der Ottersfuhrstraße 10. Dabei geht es um das neue Baugebiet Waldhof-West.

Die Ergebnissedes Ideenwettbewerbs will die Stadt im Oktober vorstellen. fab

Teilen Sie denn die Bedenken mancher Anwohner, dass das Neubaugebiet die soziale Balance des Stadtteils durcheinander bringen könnte?
Weiß:Unser Ziel ist es heute, keine Monostrukturen mehr zu schaffen. Wir wollen in Waldhof-West eine Drittelung aus gefördertem Wohnraum, aus gemeinschaftlichen Wohnformen und aus freifinanzierten Wohnungen. Wir haben in anderen Teilen der Stadt gesehen, dass es sich bewährt, wenn man das gut mischt. Aber wie die Quoten dann letzten Endes sind, darüber können wir uns noch unterhalten. Nach Offenbach kommen derzeit auch viele Menschen, die besser bezahlten Berufen in der Region nachgehen und sich bestimmte Wohnungen auch leisten können. Und: Wir sind uns einig, dass wir in Waldhof-West an die unterste Grenze dessen gehen, was wir genehmigungsfähig hinbekommen. Das sind 600 Wohneinheiten.

Aber der Druck auf dem Wohnungsmarkt ist enorm. Müsste da nicht noch viel dichter gebaut werden? Zumal zwei S-Bahn-Stationen in der Nähe sind und Waldhof-West eine der letzten großen Flächen in Offenbach ist, wo es keine Siedlungsbeschränkung wegen Fluglärms gibt – wo man also noch bauen kann.
Weiß:Wir können nicht auch noch die letzte Parzelle zubauen, wir brauchen ein ausgewogenes Verhältnis.
Reuter:Es gibt auch Anwohner am Feldrand, die sich um die Fauna und Flora in Waldhof-West sorgen. Es gibt zum Beispiel noch Fasane dort, die sehe ich, wenn ich beim Walking über die Felder gehe, die einmal bebaut werden sollen.
Weiß:Wir versuchen ja, mit dem neuen Quartier einen ganz neuen, nachhaltigeren Weg zu gehen. Wir wollen nur einen Teil des Areals bebauen. In dem städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb, der gerade läuft, soll dargestellt werden, wo gebaut werden kann – mit Rücksicht auf wertvollen Grünbestand. Die Einwände mancher Anwohner sind da oft eher das Vehikel, um ein generelles „Nein“ zu begründen.

Eine Bürgerinitiative befindet sich in der Gründung und ein Anwohner hat schon eine „Klagewelle“ angedroht.
Weiß:Das wird sich nicht vermeiden lassen, dass es da Konflikte gibt. Auf der anderen Seite merke ich, dass vielen die derzeitige Entwicklung im Rhein-Main-Gebiet gar nicht bekannt ist. Das müssen wir besser kommunizieren.

Bei der Bürgerversammlung im August hat das ja nicht so gut geklappt. Sie haben das Treffen in die Sommerferien gelegt und den Anwohnern danach nur einen Werktag Zeit gelassen, um Ideen einzureichen – weil dann schon der Wettbewerb losging.
Weiß:Die Idee ist kurzfristig im Amt entstanden, noch vor Beginn des Wettbewerbs mit den Bürgern durchs Gelände zu gehen und festzuhalten, was man an Vorgaben für den Wettbewerb mit aufnehmen soll. Das war eine zusätzliche Beteiligung und die war nur kurzfristig möglich. Ende September ist ja schon Abgabeschluss. Es machen übrigens elf Büros mit, da haben wir die Chance, dass ordentliche Ideen entstehen. Und es ist ja auch nur ein Ideenwettbewerb, an den wir nicht gebunden sind – den wir aber ausschlachten können.
Reuter:Ich glaube es gibt ein Missverständnis bei dem Begriff „Bürgeranhörung“. Man konnte an besagtem Infoabend den Eindruck gewinnen, die Bürger sollten anhören, was die Mitarbeiter der Stadtplanung und der Planungsdezernent zu sagen haben. Was die Bürger eigentlich gewünscht hatten, war, dass man anhört, was sie selbst an Wünschen und Vorstellungen für Waldhof-West haben. Aber dafür war nach den Vorträgen der Planer kaum noch Zeit. Nach dem Motto: „Ihr überschüttet uns mit Vorstellungen und Aussagen, und unsere Wünsche, die wollt ihr gar nicht erst hören.“
Weiß:Es lässt sich nicht vermeiden, dass man auf einer Bürgerversammlung erst einmal sagt, was die Grundlagen sind. Und schauen wir doch mal, was bei dem Wettbewerb herauskommt. Die gemeinsame Planung mit den Bürgern ist sehr wichtig. Aber man kann den Leuten auch nicht versprechen, dass gar nicht gebaut wird, das geht bei der aktuellen Entwicklung einfach nicht.

Interview: Fabian Scheuermann

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