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Die Stadt wirbt mit Plakaten in Bussen für die Kampagne „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“.  

Offenbach

Offenbach: Anonyme Hilfe nach Vergewaltigungen nachgefragt

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Das Offenbacher Kooperationsprojekt kann nur dank Spenden richtig beworben werden. Das Land will aber dieFörderung aufstocken - und das Hilfsangebot auch dort etablieren, wo es noch nicht existiert.

Frauen, die sich nach einer Vergewaltigung zu einer Anzeige gegen den Täter durchgerungen haben, hatten in der Vergangenheit oft Pech: Immer wieder seien die im Krankenhaus festgehaltenen Beweise vor Gericht als ungültig erklärt worden, erzählt der Chefarzt der Frauenklinik am Offenbacher Ketteler-Krankenhaus, Peter Baier: „Für die Frauen war das eine doppelte Beschämung.“

In Teilen Hessens ist das Problem gelöst: In Offenbach etwa bekommen das Ketteler-Krankenhaus und das Sana-Klinikum heute Spurensicherungssets von der Polizei, mit deren Hilfe physische Vergewaltigungsspuren rechtssicher festgehalten werden können. Dann werden sie ein Jahr in der Rechtsmedizin konserviert. Die Betroffenen müssen sich also nicht sofort entscheiden, Anzeige zu erstatten. Die Hoffnung ist auch, dass sich nun auch Frauen, die sich generell vor einer Anzeige scheuen, behandeln lassen.

Kontakt
Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigungen bieten in Offenbach das Sana-Klinikum und das Ketteler-Krankenhaus an. Beratungsgespräche bietet Pro Familia an: 069/85096800.

Die Broschüre „Nein heißt nein! Das neue Sexualstrafrecht“ kann per E-Mail beim frauenbuero@offenbachde und telefonisch unter 069 8065-2010 sowie unter profamilia.de angefordert werden.

Weitere Infos unter www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de. fab

Dass das Angebot in dieser Form existiert, ist der Initiative Baiers zu verdanken. Er hat 2015 nach dem Vorbild Frankfurts mit dem dortigen Frauennotruf und in Offenbach mit Pro Familia mit dem Frauenbüro und den Kliniken das Soforthilfeprojekt auf die Beine gestellt. Von den seitdem 41 behandelten Personen – 40 Frauen und ein Mann – haben sich 37 zur vertraulichen Spurensicherung entschieden. Die Stadt Offenbach stellt über das kommunale Frauenbüro jährlich 1600 Euro für die Bewerbung des Projekts zur Verfügung. Diese Öffentlichkeitsarbeit sei extrem wichtig, heißt es bei Pro Familia, wo sich die Betroffenen beraten lassen können. „Frauen und Mädchen müssen wissen, dass es dieses Unterstützungsangebot gibt, um es ohne Zeitverzögerung in Anspruch zu nehmen“, betont die Geschäftsführerin von Pro Familia in Offenbach, Heike Pinne. Doch es fehlt Geld für diese Werbung: Zwar spendet das Sana-Klinikum jährlich 1000 Euro. Doch reiche das mit dem Geld der Stadt gerade für zehn Plakate in Bussen sowie Flyer und einige Veranstaltungen in Schulen. „Das Projekt muss auf eine verlässlichere finanzielle Basis gestellt werden“, mahnt Offenbachs Frauenbeauftragte Karin Dörr an. Auch, weil es bei Pro Familia keine Beratungskapazitäten mehr gebe. „Wir sind immer ausgebucht“, bestätigt Pinne.

Dörr kritisiert auch, dass die Kliniken den Großteil der Behandlungen selbst finanzierten und dass es die Soforthilfe nur dort gebe, wo Initiativen diese „mühsam aufgebaut haben“. Tatsächlich sei eine anonyme und rechtssichere Akutversorgung nach Vergewaltigungen landesweit nur in zehn Städten und Landkreisen gewährleistet, bestätigt das hessische Sozialministerium. Das soll sich aber ändern. Im schwarz-grünen Koalitionsvertrag ist die landesweite Einführung des Programms als Ziel für die aktuelle Legislaturperiode festgehalten. Ab 2020 seien im Landeshaushalt zusätzliche Mittel dafür vorgesehen, so eine Sprecherin des Sozialministeriums. Man wolle auch schrittweise mehr Geld für die „beteiligten Kliniken und Beratungsstellen sowie die hierfür entwickelten Öffentlichkeitskampagnen“ zur Verfügung stellen.

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