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Der Reichsadler, der bis 1945 am Deutschen Ledermuseum hing, wurde in den Technischen Lehranstalten hergestellt.

Offenbach

Angebiedert an die Herrschenden

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Ein Forschungsprojekt von Historiker Andreas Hansert zeigt Verstrickungen wichtiger Offenbacher Kulturschaffender in der NS-Zeit. Nun wurde ein Buch dazu veröffentlicht.

Eigentlich sollte der Frankfurter Historiker Andreas Hansert vor einigen Jahren „nur“ klären, welche Rolle die Vorgängerinstitution der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) – die Kunstgewerbeschule – bei der Bücherverbrennung 1933 gespielt hat (die Antwort: keine bedeutende). Daraus wurde ein fünfjähriges Forschungsprojekt, das jetzt beendet ist und dessen Ergebnisse diese Woche in Buchform erscheinen. Die Geschichte von Offenbach als Kulturstadt muss demnach ein Stück weit neu bewertet werden. Denn sowohl der Architekt und langjährige Direktor der Kunstgewerbeschule sowie Gründer des Deutschen Ledermuseums, Hugo Eberhardt, als auch der Schriftkünstler Karl Klingspor haben mit den Nazis intensiver kooperiert als angenommen. 105 000 Euro kostete das Forschungsprojekt – ein Drittel steuerte die Stadt bei, ein Drittel die HfG.

Andreas Hansert, Historiker und Soziologe.

Im Zentrum von Hanserts Recherchen, die ihn in etliche Archive geführt haben, steht Eberhardt. „Er hat seinen Ermessensspielraum maximal zugunsten der Nationalsozialisten genutzt“, stellt Hansert fest. So versuchte er etwa, von Juden beschlagnahmte Lederarbeiten in den Museumsbestand zu überführen. Auch suchte er ab 1933 offensiv die Nähe zum Gauleiter – wohl auch, weil er sich vor 1933 weder nationalsozialistisch noch antisemitisch gezeigt hatte und es anfangs aus NS-Reihen Kritik an ihm gab. Sehr früh und konsequent richtete er dann das Lehr- und Produktionsprogramm der Schule auf die Propagandabedürfnisse der Partei aus. Dazu schrieb er selbst später: „Das Jahr 1933 mit seinem erfrischenden Sturm und Drang gab auch der Schule in Offenbach die Zügel frei.“ Auch äußerte er sich antisemitisch. 1941 trat er in die Partei ein. „Er hatte immer Museum und Hochschule im Blick und für ihn heiligte der Zweck, diese Institutionen zu fördern, jedes Mittel“, resümiert Hansert.

Zur Person Andreas Hansert, 61, ist Historiker und Soziologe und wissenschaftlicher Autor.

Einen Vortrag über seine Forschungsergebnisse und die Inhalte seines neuen Buches hält er am Dienstag, 8. Oktober, im Stadtverordnetensaal des Offenbacher Rathauses, Berliner Straße 100. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr. fab

Info:www.andreas-hansert.de

Auch der Schriftkünstler Karl Klingspor, der in Offenbach eine Schriftgießerei betrieb und dessen Sammlung an Schriften nach seinem Tod in den 50ern den Grundstock für die Sammlung des Klingspor-Museums bildete, kommt in Hanserts Buch nicht gut weg. Nicht nur stieg der Umsatz seines Unternehmen, in dem auch Zwangsarbeiter tätig waren, von 1936 bis 1939 stark an. Auch war er Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei, die 1933 mit Adolf Hitlers NSDAP koalierte. Wie Hansert herausfand, hat er in seiner Fabrik 1938 ein von SS-Leiter Heinrich Himmler in Auftrag gegebenes Weihnachtsgeschenk für Adolf Hitler gedruckt: Eine Schrift über „die Sippenzeichen der Ahnen des Führers und Reichkanzlers“. Es folgte 1939 eine Denkschrift für das „Ahnenerbe“, eine ideologisch fundierte Forschungsorganisation unter dem Dach der SS. Brisant: Ein Pfarrer, der die Offenbacher Bücherverbrennung initiiert hatte, dankte Klingspors Schriftgießerei nach der Schandtat für die „besondere Unterstützung“ dabei.

Nicht so problematisch erscheint im Licht der Recherchen die Arbeit des Offenbacher Schriftkünstlers Rudolf Koch. Hansert bezeichnet ihn als „politisch eher naiven Menschen“, der sich „aus einem starken Nationalgefühl heraus von Hitlers Machtantritt“ begeistert zeigte. Koch war bis zu seinem Tod 1934 mit dem jüdischen Mäzen Siegfried Guggenheim befreundet.

Nun stellt sich die Frage, ob Hanserts Neubewertung des Schaffens von Eberhardt & Co. auch als Handlungsaufruf zu sehen ist. „Wir werden uns den Ergebnissen stellen“, sagt OB Felix Schwenke (SPD). Konkret werde er der Stadtverordneten-AG, die sich mit Straßennamen beschäftigt, „anraten, das Buch zu lesen oder sich mit Hansert zu treffen“. Danach könne entschieden werden, ob der Hugo-Eberhardt-Weg umbenannt werden müsse oder nicht. Das Ergebnis dieses Prozesses sei „offen“. Festlegen will sich auch die Direktorin des Deutschen Ledermuseums, Inez Florschütz, nicht. Denkbar sei, das Denkmal Eberhardts im Museum mit einer Infotafel zu versehen: Florschütz will diesen Vorschlag in die nächste Sitzung des Museums-Senats einbringen. Und an der HfG existiert die Idee, für Ernst Wild, einen ehemaligen Lehrer der Hochschule, einen Stolperstein zu verlegen. Nach seiner Entlassung wurde der Jude 1942 deportiert und in einem Vernichtungslager ermordet.

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