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Ende Januar muss Lutz Jahnke mit der Akademie für interdisziplinäre Prozesse seine Räume im Nordend verlassen.

Offenbach

Ungewollter Abschied

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Künstler Lutz Jahnke aus Offenbach muss für sich und seinen Verein Afip eine neue Bleibe suchen. Für den 40-Jährigen ist es der vorläufige Tiefpunkt eines ohnehin schwierigen Jahres.

Lutz Jahnke wird wehmütig, wenn er an die liebgewordenen Rituale denkt. Die quietschende Tür, die so laut ist, dass er sich beim Aufschließen jedes Mal die Ohren zuhalten muss. Das Anschmeißen des „Grills“, wie er seine Heizung nennt, um im Winter nicht zu erfrieren. „Und jedem, der hier reinkommt, erklären, warum das Bier einen Euro teurer als an der Trinkhalle ist“, sagt der Künstler und Kulturaktivist. In zwei Monaten ist das alles vorbei, am 31. Januar werden Jahnke und sein Verein „Die Akademie für interdisziplinäre Prozesse“, kurz Afip, die ehemalige Schlecker-Filiale in der Ludwigstraße im Offenbacher Nordend verlassen.

Es ist ein ungewollter Abschied. Ende Oktober ist dem 40-Jährigen vom Eigentümer gekündigt worden, zum 1. Februar wird der Konzeptkünstler Jochem Hendricks die Räumlichkeiten beziehen. „Ich hätte gerne einen Tausender gezahlt, um es hier zu erhalten“, sagt Jahnke. „Mit meinem Freelancergehalt wäre ich dann aber an der Armutsgrenze.“ Es ist der Tiefpunkt eines Jahres, das ihn durch die Coronavirus-Pandemie als freischaffenden Künstler ohnehin schon hart getroffen hat. Zudem ist sein Vater gestorben, und er wird im März selber Vater – ohne ein festes Büro für seine Arbeit als Designer in Sicht zu haben.

Die Motive des Eigentümers, mehr Miete zu bekommen, kann Jahnke nachvollziehen. „Ich glaube aber, dass ihm die Tragweite gar nicht bewusst ist, was die Afip politisch, gesellschaftlich, sozial, kulturell und künstlerisch geleistet hat“, betont Jahnke, der an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG) Angewandte Kunst studiert hat.

Mitmachen

Vereine, Initiativen und kreative Einzelpersonen können noch beim Skulpturenpark teilnehmen.

Wer mitmachen will, melde sich unter: info@afip-hessen.de

Hendricks wünscht er, „dass er schwer Fuß fasst“. Zum einen, weil der künftige Mieter ziemlich unfreundlich gewesen sei, als er sich die Räumlichkeiten im Sommer anschaute. Zum anderen, weil Jahnke sehr viel Herzblut in das Ladenlokal gesteckt hat. Elektrik und Heizung hat er auf eigene Kosten selbst installiert und eine Kulturszene im Nordend aufgebaut, die es vorher so nicht gab.

Die Afip am Goetheplatz war Begegnungsstätte, Studio, Bar, Bühne, Partyraum. Ein Ort, an dem Menschen aller Schichten, Altersgruppen und Herkünfte zusammenkamen. Kunst, Konzerte, Diskussionsveranstaltungen, Performance, Tanztreff, aber auch politische Stammtische hatten ihren festen Platz im Afip. Tarantellafestivals auf Pastatellern oder ein Dschungelhappening mit 400 Pflanzen konnten einem genauso begegnen wie Jazzkonzerte und Wortkunstabende. „Die Stadt hat davon profitiert. Immer wenn es nötig war, konnte sie es erwähnen. Viel ist von der Stadt aber nicht gekommen“, beklagt Jahnke das fehlende finanzielle Engagement. Trotz allem sei es ihm nicht gelungen, eine Lobby für die Kunst zu schaffen.

Jahnkes Emotionen schwanken seit Wochen zwischen Frust, Stolz, Wehmut und Existenzangst hin und her. Die zehn Jahre, die er in der alten Schlecker-Filiale „geschenkt bekommen“ habe, habe er, so gut es ging, genutzt und „ressourcenschonend Kultur im großen Stil betrieben“, sagt der leidenschaftliche Jazzmusiker, der mit seinem Schlagzeug und einem Schreibtisch 2011 in das Gebäude gezogen ist und etliche Projekte mit Spenden, Fördergeld und aus eigener Tasche initiiert hat. „Jetzt verliere ich nicht nur mein Designstudio, sondern die Verlängerung meines Selbst.“ Er habe auf der Bühne reden und andere Leute motivieren gelernt.

Und nicht nur er verliere seine Basis, sondern auch der Tangotreff, der sich zwölfmal im Jahr getroffen und ein Festival im Offenbacher Nordend organisiert hat. Die Betreiberin der Bar, die sich damit ihr Studium finanziert hat. All das ist weg.

Seit drei Wochen ist Jahnke händeringend auf der Suche nach einem Ersatz, aber ein so kostengünstiger Raum, dazu noch mit einem Außenbereich, wie ihn der Goetheplatz bietet, ist kaum zu finden. „Ich habe allen Bescheid gesagt und bin mit der Wirtschaftsförderung in Gesprächen“, berichtet Jahnke. Zwei Drittel der infrage kommenden Objekte fallen aus Kostengründen weg. Die Hälfte des übrigen Drittels, weil sie zu weit weg sind. Jahnke könnte sich vorstellen, den ungenutzten Teil des Gebäudekomplexes an der Offenbacher Hafentreppe zu nutzen. Aber ob das klappt, ist noch völlig offen.

Am 5. Dezember wird das letzte Projekt, der bis zum 31. Januar laufende sogenannte Skulpturenpark, initiiert. Die Werke sollen im Offenbacher Stadtgebiet „an unerwarteten Orten, beiläufig, versteckt, mitten auf dem Platz, auf der Treppe, im Weg, riesig, minifiziert Fragen aufwerfen und Denkanstöße geben“, erklärt Jahnke. Drei Tage später lädt er zum „Restlersaufen und Möbelschleppen“ ein, wenn er das Ladenlokal leer räumt. Die gut erhaltenen Möbel will Jahnke dem Sozialkaufhaus spenden. Dann bleibt erst einmal nur sein Schreibtisch drin, bis er am 31. Januar endgültig auszieht.

„Mit der Afip wird es weitergehen. Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, verspricht Jahnke. Denn Institutionen wie diese seien gerade jetzt zu wichtig, als dass man sie einfach sterben lassen dürfte. Lutz Jahnke wird nicht so einfach aufgeben.

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